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StartseiteInterview"Kinder in Not brauchen Erwachsene, die hinsehen"06.10.2020

Urteil im Missbrauchskomplex"Kinder in Not brauchen Erwachsene, die hinsehen"

Der im sogenannten Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach Angeklagte ist zu 12 Jahren Haft verurteilt worden. Der Mann sei kein "kriminelles Mastermind", sondern jemand "aus der Mitte der Gesellschaft", sagte Julia von Weiler von "Innocence in danger" vor der Urteilsverkündung im Dlf. Sie betonte, dass der Schutz von Kindern vor sexueller Gewalt eine Daueraufgabe sei.

Julia von Weiler im Gespräch mit Sandra Schulz

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Julia von Weiler ist Geschäftsführerin von Innocence in Danger, der deutschen Sektion des internationalen Netzwerks gegen sexuellen Missbrauch (Imago)
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Es ist der wohl größte Missbrauchskomplex in Deutschland, der Fall von Bergisch Gladbach, der sich mittlerweile über alle 16 Bundesländer und auch ins europäische Ausland erstreckt. Ins Rollen brachte ihn eine Durchsuchung bei einem 43-jährigen Familienvater im Herbst 2019. Am Dienstag (06.10.2020) wurde der Mann vor dem Landgericht Köln zu 12 Jahren Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der Mann seiner 2017 geborenen Tochter immer wieder sexuelle Gewalt angetan hatte. Den Großteil der Taten habe er mit seinem Smartphone dokumentiert und Aufnahmen an gleichgesinnte Chat-Partner weitergeleitet.

Vollständig ermittelt sei die Dimension dieses Missbrauchsfalls noch nicht, glaubt Julia von Weiler von "Innocence in danger", nach eigenen Angaben eine weltweite Bewegung gegen sexuellen Missbrauch von Kindern. Sie glaube, dass daran sehr viele Menschen beteiligt seien. Sexuelle Gewalt an Kindern finde meist im sozialen Nahfeld statt, sagte von Weiler im Dlf vor der Urteilsverkündung. "Wir alle kennen Täter und Täterinnen, die diesen Kindern das antun." 

Das Interview in voller Länge:

Sandra Schulz: Diese Forderung, keiner darf wegschauen, die ist ja x-fach wiederholt worden, aber ganz offenkundig ja zu selten Praxis. Warum ist das so?

Julia von Weiler: Weil sexuelle Gewalt tatsächlich zu nah an zu Hause ist. Wenn wir uns klarmachen, dass in jeder Klasse mindestens zwei, wir sagen zwei bis vier betroffene Kinder sitzen, dann bedeutet das, wir alle kennen diese Kinder, ohne es zu wissen. Und das bedeutet im Umkehrschluss auch, wir alle kennen Täter und Täterinnen, die diesen Kindern das antun. Denn sexuelle Gewalt an Kindern findet im sozialen Nahfeld statt.

Schulz: Jetzt haben wir zuletzt allerdings ziemlich viel gehört im Zuge von strafrechtlichen Ermittlungen: Lügde, Münster, Bergisch Gladbach heute ganz prominentes Thema. Dass davon so viel zu hören war, ist das ein Zeichen dafür, dass doch weniger weggeschaut wird?

von Weiler: Ich glaube, dass nicht weniger weggeschaut wird, sondern dass jetzt harte Beweise gefunden werden, und zwar in Form dieser Missbrauchsdarstellungen. Das ist der Grund, warum alle diese Fälle, Lügde, Bergisch Gladbach und auch Münster, überhaupt ins Rollen kamen. Es waren, wenn Sie so wollen, Zufallsfunde aus dem Ausland. Und das darf tatsächlich nicht länger so bleiben. Da hat Herbert Reul, Innenminister von NRW, sehr recht. Ein Massenphänomen, muss ich aber leider sagen, war es immer schon. Es ist überhaupt nichts Neues. Jetzt müssen wir tatsächlich lernen, besser hinzuschauen, nicht nur in der Prävention, sondern vor allen Dingen in der Intervention.

Schulz: Aber es gibt neue oder zumindest vergleichsweise neue technische Möglichkeiten, die Verbreitung übers Internet, übers Darknet. Wie oft haben Sie das Netz schon verflucht?

von Weiler: Das ist eine gute Frage. Das Netz ist Chance und gigantisches Risiko zugleich und für Betroffene sexueller Gewalt, deren Missbrauch gefilmt und verbreitet wurde, ist das eine wirkliche Folter zu wissen, dass ihre Darstellungen da draußen sind, sie benutzt werden, um andere Kinder zu missbrauchen, um vorzugaukeln, dass das in Ordnung ist, und am Ende benutzt werden von Tätern und Täterinnen, um sich daran sexuell zu erregen. Da ist es wirklich sehr, sehr, sehr viel mehr Fluch als Segen. Andererseits dient das Netz natürlich auch Selbsthilfe-Foren von Betroffenen, sich gegenseitig zu vernetzen und zu bestärken. Es hat immer beide Seiten. Das, was ich wirklich verfluche ist die unendliche Langsamkeit, in der die Gesellschaft aufgewacht ist, auch Politik weltweit aufgewacht ist zu sagen, wir haben hier ein echtes Problem an der Backe. Herr Reul hat es jetzt verstanden. Ich hoffe, die anderen Bundesländer ziehen nach, und das bleibt nicht nur eine deutsche Erkenntnis, sondern wird eine internationale.

Die Polizei hat die Gartenlaube in der Kleingartenanlage in Münster mit Flatterband abgesperrt. In der Gartenlaube in Münster sollen Ende April vier Männer zwei Jungen missbraucht haben. (picture alliance / David Inderlied/Kirchner-Media) (picture alliance / David Inderlied/Kirchner-Media)Sagen & Meinen - Kindesmissbrauch: Treffender Begriff?
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"Ich glaube, dass daran sehr viel Menschen beteiligt sind"

Schulz: Jetzt ist Bergisch Gladbach wie gesagt ja nur eine Ortsmarke. Wir sprechen über ein pädokriminelles Netzwerk mit zwischenzeitlich auch 80 Beschuldigten in allen Bundesländern. Denken Sie, dass die Dimensionen dieses Komplexes überhaupt schon ausermittelt sind?

von Weiler: Nein, das glaube ich absolut nicht. Ich glaube, dass daran sehr viel Menschen beteiligt sind. Das ist das Komplizierte an den digitalen Medien und digitalen Kommunikationswegen. Diese Spuren muss man verfolgen. Das dauert. Es braucht Zeit und es braucht Energie und es braucht vor allen Dingen die Menschen, die das auch tun, und irgendwann auch eine gute Künstliche Intelligenz. Aber von der sind wir, glaube ich, was das angeht, immer noch viel zu weit entfernt, als dass sie uns heute schon konkret sehr schnell helfen könnte.

Schulz: Jetzt haben wir in diesem Komplex auch schon erste Urteile gesehen. Heute geht es um eine weitere Schlüsselfigur. Was würden Sie sagen, was bedeutet dieser Tag? Was bedeutet das Urteil, das wir für heute erwarten, jetzt insgesamt für die Aufarbeitung?

von Weiler: Ich hoffe wirklich sehr, dass das Gericht der Staatsanwaltschaft folgt und nicht nur eine hohe Haftstrafe, sondern auch die anschließende Sicherungsverwahrung ausspricht. Man muss sich klarmachen: Das Kind war gerade wenige Monate alt, seine eigene Tochter, als er begann, sie zu missbrauchen, als er begann, sie zu tauschen, als er begann, das zu filmen und zu verbreiten. Und was dieser Fall wirklich deutlich macht ist, dass das hier nicht ein kriminelles Mastermind ist, sondern dass das ein ganz regulärer Mann aus der Mitte unserer Gesellschaft war und ist, und die Menschen in der Mitte unserer Gesellschaft sind zu diesen Taten fähig. Und das bedeutet, von diesem Urteil sollte das Signal ausgehen, bitte, bitte, schauen Sie hin. Wenn Sie sich Sorgen machen um ein Kind, aber auch, wenn Sie sich Sorgen darum machen, wie ein erwachsener Mensch, Mann oder Frau, sich Kindern nähert, rufen Sie das Hilfetelefon Missbrauch an, bleiben Sie damit nicht alleine, reden Sie darüber. Denn wir müssen diese Kinder, die nicht im luftleeren Raum leben, früher erkennen und ihnen früher helfen, als das bisher der Fall ist.

Schulz: Was natürlich nicht so einfach ist, weil es eine Gratwanderung ist, und es droht der Absturz in denunziatorisches Verhalten. Was sind denn die Alarmzeichen?

von Weiler: Das ist eine gute Frage. Es gibt nicht das eine Symptom, abgesehen natürlich von schweren körperlichen Verletzungen. Ich würde davon ausgehen, dass dieses kleine Mädchen, wenige Monate alt, sehr wohl körperliche Spuren davongetragen hat, die auch ein Kinderarzt oder eine Kinderärztin hätte erkennen müssen können sollen. Kinder verändern sich. Wenn ich beginne, mir Sorgen zu machen um ein Kind, erwarte ich ja gar nicht, dass Sie sofort die Polizei rufen oder dass Sie vor das Haus laufen und sagen, Du Schwein, Du missbrauchst sicher Kinder. Was ich aber erwarte ist, dass Sie diese Sorge ernst nehmen und dass Sie sich Hilfe holen, so wie Sie das immer tun, wenn Sie sich Sorgen machen um Kinder, in diesem Fall das Hilfetelefon Missbrauch anzurufen. Dort sitzen Profis, die seit vielen, vielen Jahren genau wissen, wovon Sie sprechen, die Ihnen dabei helfen, das abzuschätzen. Und was ich mir tatsächlich wünsche, wäre eine Telefonnummer, wo ähnliche Profis sitzen, die Sie anrufen können, wenn Sie sich Sorgen machen, dass eine erwachsene Person, die Sie kennen, sich Kindern vielleicht auf eine eigenartige Art und Weise nähert. Das ist nämlich oft das große Problem und das ist das, wo wir so oft wegschauen und dann sagen, das habe ich sicher falsch verstanden, war bestimmt nicht so schlimm.

Ein Junge steht weit entfernt in einer Gasse zwischen einem großen Schatten und einer Backsteinmauer. (imago images / YAY Images /p0temkin 1054480) (imago images / YAY Images /p0temkin 1054480)Debatte um Umgang mit Missbrauchsfällen - Fachwissen in der Hochschulausbildung stärken
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"Kinder alleine können sich nicht schützen"

Schulz: Sie sprechen jetzt im wesentlichen Erwachsene an. Es ist bei Kindern ab einem gewissen Alter ja dann aber auch schon entscheidend oder die Weichenstellung, dass die Kinder sich trauen, sich jemandem anzuvertrauen. Wie bringt man die Kinder dahin? Wie macht man die so stark?

von Weiler: Indem wir lernen, selbstverständlich darüber zu sprechen mit ihnen, indem wir ihnen beibringen, dass alle Körperteile, auch die Genitalien, Scheide und Penis Worte haben, die man benutzen darf, indem wir selber – und das ist das Allerwichtigste; jetzt bleibe ich bei uns Erwachsenen -, indem wir selber offen bleiben für dieses Thema. Kinder in Not brauchen Erwachsene, die hinsehen und handeln und hinhören. Wenn ein Kind, das ich kenne, sich mir mitteilt und sagt, der Herr Sowieso, die Frau Sowieso, die aber blöderweise meine nette Nachbarin ist oder die Lehrerin oder der Lehrer an der Schule oder der nette Trainer oder wer auch immer, dann fange ich an, das anzuzweifeln, weil ich irgendwie denke, das kann ich mir nicht vorstellen, der doch nicht. Das ist genau das, was so häufig passiert, und da müssen wir die Courage haben, das Undenkbare zu denken und den ersten Schritt – mehr möchte ich nicht -, den ersten Schritt zu gehen und Hilfe zu holen. Diese Hilfe - das erwarte ich dann, nicht nur von den Innenministerien, sondern von der Politik in der ganzen Bundesrepublik -, diese Hilfestellen müssen ausreichend gut mit ausreichend qualifiziertem Personal ausgestattet sein, das mir dann in meiner Not hilft, dem Kind zu helfen. Kinder alleine können sich nicht schützen.

Schulz: Sind die Sofortlektionen, die wir lernen müssen aus Lügde, aus Münster, aus Bergisch Gladbach, sind die gezogen?

von Weiler: Ich würde sagen, NRW hat sie gezogen – einigermaßen. Die Bundesrepublik ist davon noch weit entfernt. Und das, was wir allerdings begreifen müssen - tatsächlich -, ist, dass der Schutz von Kindern vor sexueller Gewalt eine Daueraufgabe ist. Das ist nicht etwas, was wir jetzt zwei, drei Jahre lang ein bisschen forcieren, und dann ist es schon gut. Nein! Die digitalen Medien werden sich verändern. Täter und Täterinnen wird es weiterhin geben. Wir müssen früher hinschauen, wir müssen früher Kinder und Jugendliche erreichen, die sich vielleicht auf eine eigenartige Bahn bewegen, was sexuelles Handeln angeht. Wir müssen Täter und Täterinnen früher ausfindig machen. Wir müssen das die ganze Zeit tun und wir müssen aufklären die ganze Zeit, jedes Jahr aufs Neue, und nicht nur alle fünf Jahre, wenn ein großer Fall uns wieder erschüttert.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Anmerkung der Redaktion: Die erklärenden Textteile vor dem Wortlautinterview haben wir nach der Urteilsverkündung aktualisiert.

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