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StartseiteKommentare und Themen der WocheAussitzen der Risikobewertung ist keine Option11.08.2018

Urteil zu GlyphosatAussitzen der Risikobewertung ist keine Option

Die EU sollte beim Thema Glyphosat nach dem Vorsorgeprinzip handeln - unabhängig von Industrieinteressen und vorausschauend, um seine Bürger vor möglichen Gesundheitsgefahren zu schützen, kommentiert Britta Fecke. Es sei keine Option, auf einen signifikanten Anstieg der Krebsrate zu warten.

Von Britta Fecke

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Der Unkrautvernichter Roundup mit dem Wirkstoff Glyphosat vom US-Konzern Monsanto (imago/Bildwerk)
Der Unkrautvernichter Roundup mit dem Wirkstoff Glyphosat vom US-Konzern Monsanto (imago/Bildwerk)
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Wenn ein Acker vollkommen braun ist, auf ihm kein lebendiger, grüner Halm mehr steht, dann herrscht entweder die Dürre oder Glyphosat. Über die gesundheitlichen Nebenwirkungen des Totalherbizids für Menschen und die Umwelt wird schon lange gestritten, doch der Blick auf so einen braun gespritzten Acker macht doch erschreckend deutlich, wie giftig glyphosathaltige Herbizide auf Pflanzen wirken, nämlich tödlich!

Urteil in San Francisco setzt erstes Ausrufezeichen

Nun lassen sich die Mechanismen, die eine Pflanze absterben lassen, nicht eins zu eins auf den Menschen übertragen, aber da sich der genetische Bausatz aller Lebewesen gleicht, liegt der Verdacht nahe, dass auch tierische Zellen in Mitleidenschaft gezogen werden, wenn sie mit dem Herbizid in Berührung kommen. Warum ich auf den Acker verweise und nicht auf Laborwerte? Weil die Studienlage so widersprüchlich als auch unübersichtlich ist! Das fanden wahrscheinlich auch die Mitglieder der Geschworenenjury in San Francisco. Das Gericht sprach einem Krebspatienten die hohe Schadenersatzsumme von 289 Millionen Dollar zu, weil Monsanto -  der Hersteller von Glyphosat – nicht ausreichend vor den Risiken seines Produktes gewarnt habe. Dieses Urteil hat sicherlich eine Signalwirkung für die zahlreichen Verfahren gegen Monsanto bzw. Bayer, die folgen werden. Denn es ist die erste Gerichtsentscheidung zu der Frage, ob der Hersteller des Totalherbizids für die Erkrankung derer eine Verantwortung trägt, die mit Glyphosat dauerhaft in Berührung kamen.

Die Studienlage zur Frage der Gesundheitsschädlichkeit der glyphosathaltigen Herbizide ist unübersichtlich und widersprüchlich. So kam zum Beispiel das Bundesinstitut für Risikobewertung (kurz BfR) in Berlin zu dem Schluss, dass von Glyphosat kein krebserzeugendes Risiko für den Menschen zu erwarten sei. Zu einem ganz anderen Ergebnis kam die Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation WHO, sie stufte Glyphosat als "wahrscheinlich krebserzeugend beim Menschen" ein.

Unabhängige Studien zu Gesundheitsrisiken Mangelware

Auch hier wird ein grundlegendes Problem deutlich: es gibt zwar viele Studien, aber die meisten wurden von der Industrie in Auftrag gegeben oder zumindest mitfinanziert. Unabhängige Forschung sieht anders aus. Auch das BfR sah sich mit dem Vorwurf konfrontiert: bei seiner Beurteilung unter anderem Auftragsstudien des Agrarriesen Monsanto berücksichtigt zu haben.

Da ist es vielleicht sinnvoller, dorthin zu schauen, wo Glyphosat schon lange im großen Stil eingesetzt wird: In Argentinien werden glyphosathaltige Herbizide seit über 20 Jahren großflächig zum Teil mit Flugzeugen auf die Monokulturen gespritzt. Mehrere Tonnen jährlich landen so auf den Sojafeldern, in der Luft und im Wasser der Umgebung. Die Krebsrate der Dorfbewohner in der Nähe der Monokulturen ist signifikant gestiegen, seitdem die Äcker mit Round Up, dem glyphosathaltigen Herbizid von Monsanto, behandelt werden. Auch wenn das Geld für umfangreiche Laboruntersuchungen fehlt, haben sich doch einige unabhängige Wissenschaftler daran gemacht, die Krankenakten der Argentinier zu studieren: die häufigste Todesursache nahe der Glyphosatfelder ist Krebs und nicht wie sonst in Argentinien eine Herz-Kreislauferkrankung. Die unabhängigen Studien eines argentinischen Mediziners wiesen zudem nach, dass die Zahl von Fehlgeburten und pränatalen Missbildungen in der Nähe von glyphosatbehandelten Feldern seit 1996 sprunghaft angestiegen sind. 1996 wurde Roundup zum ersten Mal in Argentinien gespritzt.

In Europa wird Glyphosat zudem in Zusammenhang mit dem Bienensterben gebracht. Wollen wir wirklich warten, bis wir auch so viele menschliche Todesfälle in der Nähe von Glyphosat-gespritzten Äckern haben, dass wir von einem signifikanten Anstieg der Krebsrate sprechen müssen, so wie in Argentinien? Oder nach dem Vorsorgeprinzip der EU handeln, dass seine Bürger vorrausschauend vor möglichen Gesundheitsgefahren schützen soll - unabhängig von Industrieinteressen!

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