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StartseiteForschung aktuellUrwälder für Toilettenpapier20.02.2012

Urwälder für Toilettenpapier

Die Wunden der Erde: Der Holzraubbau auf Tasmanien

Auf der australischen Insel Tasmanien wird mit der Abholzung der Regenwälder eine Flora und Fauna zerstört, die weltweit einmalig ist. Das minderwertige Holz wird in Papierfabriken im Ausland weiterverarbeitet, die Ökosysteme können nie wieder in ihren Ursprungszustand zurückversetzt werden.

Von Monika Seynsche

Die Rodungen hinterlassen eine fragmentierte Landschaft (Monika Seynsche / Deutschlandradio)
Die Rodungen hinterlassen eine fragmentierte Landschaft (Monika Seynsche / Deutschlandradio)

"Wir sind hier in den südlichen Wäldern Tasmaniens, in der Nähe des Weld River. Hier wachsen verschiedene Waldtypen. Die meisten von ihnen sind Altbestände, also über 100 Jahre alt und fast noch nie von Menschen berührt."

Peter McQuillan steht vor einem undurchdringlich scheinenden grünen Dickicht. Farne so groß wie Bäume ragen hinter dem Biologen der Universität von Tasmanien auf, beschattet von Akazien, Südbuchen und 70, 80 Meter hohen Eukalyptusbäumen.

"Diese alten Tasmanischen Wälder speichern enorme Mengen Kohlenstoff. Neue Messungen haben gezeigt, dass einige der Wälder hier bis zu 1000 Tonnen Kohlenstoff pro Hektar binden. Das ist dreimal so viel wie in den Tropenwäldern, etwa am Amazonas."

Das Klima ist das ganze Jahr über mild, die Böden relativ fruchtbar und es fällt mit etwa 1500 Millimeter pro Jahr viel Niederschlag. All das lässt die Bäume in die Höhe schießen. Gleichzeitig ist es auf Tasmanien deutlich kühler als etwa in den Tropen, so dass Totholz und Laub wesentlich langsamer zersetzt werden. Dadurch reichert sich immer mehr Kohlenstoff an. Aber dieser gewaltige Kohlenstoffspeicher wird seit einigen Jahrzehnten massiv gerodet. Jedes Jahr fällt eine Fläche von mehr als 15.000 Hektar dem Kahlschlag zum Opfer. Allein in den vergangenen zehn Jahren verschwanden so zwölf Prozent der alten Wälder. Bedroht ist fast die Hälfte. Die zum Teil viele hundert Jahre alten Bäume werden meist zu Holzschnitzeln zerschreddert und an Zellstofffabriken verkauft. Äste, Blätter und Rinden, die keinen kommerziellen Wert haben, bleiben auf den Rodungsflächen liegen.

"Nach ein bis zwei Jahren sind diese Reste trocken wie Zunder. Die Forstunternehmen fliegen dann mit Hubschraubern über die Flächen und werfen Brandbeschleuniger ab. Die Feuer werden bis zu 1000 Grad heiß und sterilisieren den Boden, damit keine Samen der ursprünglichen Arten überleben."

Verantwortlich für die Rodungen ist das halbstaatliche Unternehmen "Forestry Tasmania”, bei dem Mark Neyland arbeitet. Einige Kilometer vom Weld River entfernt führt er zu einer monotonen Waldfläche auf der sich nur junge Eukalypten drängen.

"Das war ein ganz ordentlicher Brand hier. Danach haben wir Samen von zwei verschiedenen Eukalyptusarten ausgesät."

Die fünf Jahre alten Bäume vor ihm sind etwa vier Meter hoch.

"Diese Eukalypten wachsen sehr, sehr schnell. Die Böden sind feucht und fruchtbar und es fehlt die Konkurrenz anderer Arten. Nach etwa 20 Jahren haben sie so viel Biomasse aufgebaut, dass sie wieder abgeholzt und zu Zellstoff verarbeitet werden können."

Eine Waldwirtschaft, die nach Ansicht des Biologen Peter McQuillan alles andere als nachhaltig ist. Die alten Wälder werden zerstört und durch fast reine Monokulturen ersetzt.

Die großen Verlierer dabei sind die Regenwaldarten, die nur in den alten, feuchten und dunklen Wäldern Tasmaniens gedeihen und diese im Laufe vieler Jahrhunderte in kaltgemäßigte Regenwälder verwandeln. Diese Regenwälder zählen zu den seltensten Ökosystemen der Welt. Die schnellen Abholzungszyklen und die Bevorzugung der Eukayptusarten aber lassen ihnen keine Zeit mehr zum Entstehen. Und das ist nicht das einzige Problem. Möglicherweise hat die Holzwirtschaft auf Tasmanien noch ganz andere Folgen. Jahrzehntelang wurden auf frisch gerodeten Flächen große Mengen des hochgiftigen Natriumfluoracetats ausgelegt, um heimische Pflanzenfresser wie Possums und Wallabies zu töten, erzählt der Veterinärpathologe David Obendorf.

"Die Tiere knabbern an den Sämlingen. Dadurch gedeihen die heranwachsenden Bäume schlechter und erzielen geringere Preise auf dem Holzmarkt."

Vor einigen Jahren führte er zusammen mit einem Kollegen vom tasmanischen Umweltamt eine Untersuchung durch.

"Wir haben eine Risikoanalyse neu aufgetretener Krankheiten erstellt. Dabei entdeckten wir etwa 22 neue Krankheiten unter den tasmanischen Wildtieren."

Krankheiten also, die erst seit wenigen Jahren auftreten und deren Auslöser entweder unbekannt sind, oder aber zuvor nie Epidemien verursacht hatten. Darunter sind durch Pilze ausgelöste Infektionen, Viruserkrankungen, bakterielle und parasitäre Infektionen sowie ein ansteckender Krebs. Betroffen von diesen neuen Krankheiten sind viele Pflanzenfresser wie Wombats, Possums, Wallabies, Rotbauchfilander und andere Känguruarten sowie Fleischfresser wie Beutelmarder und Tasmanische Teufel.

"Wir haben also in vielen Bereichen bedrohliche Krankheiten, die entweder immer schon da waren und jetzt aus irgendeinem Grund gefährlicher werden oder die neu sind."

Der Veterinärpathologe David Obendorf ist überzeugt davon, dass nur ein massiver Eingriff in die Umwelt ein so gehäuftes Auftreten neuer Krankheiten erklären kann. Dass die großflächigen Rodungen oder der Einsatz von Natriumfluoractetat dafür verantwortlich sind, hält er für wahrscheinlich, kann es aber nicht beweisen. Trotzdem hat Forestry Tasmania den Einsatz des Giftes 2005 eingestellt, und auch der größte private Holzproduzent verzichtet seit 2010 auf Natriumfluoracetat. Gerodet aber wird immer noch.

Hinweis: Alle Beiträge zum Themenschwerpunkt "Die Wunden der Erde" können Sie hier nachlesen.

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