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StartseiteRock et cetera"Americana ist schlechte Kunst auf Holz gemalt"11.11.2018

US-Musiker Justin Townes Earle "Americana ist schlechte Kunst auf Holz gemalt"

Der prominente Vater verlässt die Familie früh, die Mutter arbeitet hart, mit zwölf Jahren nimmt Justin Townes Earle Heroin, mit 15 verlässt er die Schule: Der heute 36-jährige Singer/Songwriter aus Nashville hat genug erlebt, um gute Geschichten im Südstaaten-Sound erzählen zu können.

Von Anke Behlert

Ein Mann mit Brille und Kappe auf dem Kopf steht vor einer grauen Wand. (Joshua Black Wilkens)
Justin Townes Earle ist Aushängeschild des Americana-­Genres (Joshua Black Wilkens)

Musik: "Champagne Corolla"

Im Dokumentarfilm "Country Roads - The Heartbeat of America" aus dem Jahr 2014 wurde Justin Townes Earle als Teil einer neuen Generation Singer/Songwriter porträtiert, die für mehr Ehrlichkeit in der Musik steht. Earle gilt seitdem als Aushängeschild des Americana, obwohl er selbst mit diesem Begriff nicht viel anfangen kann.

"Im Moment ist es gerade angesagt, Americana zu spielen und Americana-Platten zu besitzen. Ich hab ehrlich gesagt keine Ahnung, was Americana eigentlich sein soll - für mich ist das nur schlechte Kunst auf Holz gemalt."

Musik: "I don't care"

Justin Townes Earle: der Sohn des bekannten Alt-Country-Sängers Steve Earle, der ihn nach dem Musiker Townes Van Zandt benannt hat.

Genug Stoff für nachdenkliche Songs

"Als Kind und Teenager hatte ich null Respekt vor meinem Vater. Aber ich war mir bewusst, was er mit seinen Songs erreichen kann. Und er hat mir ein paar sehr wichtige Dinge gesagt, zum Beispiel, dass man nie über etwas schreiben sollte, was man nicht kennt. Das hat mir geholfen, meinen Weg zu gehen. Ich habe mal einen Typen davon singen hören, wie er mit einem Esel das Feld pflügt. Und es hat sich herausgestellt, dass er aus Brooklyn kommt – was weiß der denn bitte von einem Pflug?"

Songs übers Pflügen wird man auf Earles Platten nicht finden. Aber das Leben des heute 36-Jährigen ist in der Vergangenheit wahrlich nicht arm an Dramen gewesen. Und die liefern genug Stoff für seine mal lässig-beschwingten, mal atmosphärisch-nachdenklichen Songs.

Musik: "Single Mothers"

Justin Townes Earle wird 1982 in Nashville geboren, wo er  alleine mit seiner Mutter aufwächst. Sein Vater verlässt die Familie, als Justin gerade mal zwei Jahre alt ist.

"Es war nicht einfach. Meine Mutter hatte immer zwei oder drei Jobs gleichzeitig, damit wir nicht im schlimmsten Viertel wohnen mussten. Ich bin also im nicht-ganz-so-schlimmen Viertel aufgewachsen. Sie hat sehr viel gearbeitet und darunter hat die Erziehung natürlich gelitten. Ich habe schon mit 12 angefangen, Heroin zu nehmen. Es war ja keiner da, der es mir hätte verbieten können. Nach der Schule war ich den ganzen Abend bis Mitternacht allein zu Hause. Die meisten meiner Freunde haben so gelebt - mit hart arbeitenden Müttern, die nicht genug Zeit hatten, sich um uns zu kümmern."

Musik: "Mama's eyes"

Schon als Kind schreibt Justin Townes Earle Kurzgeschichten. Inspiriert von Bob Dylan, Woody Guthrie und dem Blues-Sänger Leadbelly beginnt er mit 13 Jahren, Songs zu schreiben. Mit 15 bricht er die Schule ab und zieht zu Hause aus. Trotz des schwierigen Verhältnisses zu seinem Vater schlägt er denselben Karrierepfad ein - er will Musiker werden und auf der Bühne stehen.

Ohne Plan B

"Ich bin aufgewacht und habe den ganzen Tag geschrieben. Am Abend habe ich dann die Songs gespielt, die ich am Tag geschrieben hatte. Einige dieser Songs haben es später auch auf meine Platten geschafft, wie "Halfway to Jackson" oder "Rogers Park". Ich bin da also nicht zufällig hineingeschlittert, es war intensive Arbeit und ein sehr bewusster Prozess. Ich hatte auch nie einen Plan B."

Musik: "Rogers Park"

Der Titel "Rogers Park" vom Album "Harlem River Blues" aus dem Jahr 2010. Der Song ist inspiriert von dem Stadtviertel in Chicago, in dem er lebt als er 18 Jahre alt ist. In Chicago will er die Musik der Legenden dieser Blues-Stadt besser kennenlernen, wie Muddy Waters und Howlin' Wolf. Doch er bleibt nicht lange, ist rastlos, lebt zum Beispiel in Johnson City im Osten Tennessees, einer Stadt mit bedeutender Country- und Bluegrass-Kultur. Später lebt er in Irland, New York City und wieder in Nashville.

Musik: "White Gardenias"

Earles Debüt-EP "Yuma" erscheint 2007. Deren sechs Songs bestehen nur aus Gesang und Akustikgitarre, gelegentlich ergänzt von Mandoline und Mundharmonika. Schon hier stellt er sein enormes Talent als Songwriter und Geschichtenerzähler unter Beweis. Seitdem hat er sieben Studioalben eingespielt und mit jedem seinen Sound ein bisschen erweitert. Das war von Anfang an so geplant, erzählt er. 

"Ich habe mir genau überlegt, wie meine Alben klingen sollen. Es gab einfach so viele verschiedene Stile, die ich ausprobieren wollte. Zuerst wollte ich zeigen, dass ich ein richtiger Songwriter bin. Dann wollte ich eine Honkytonk-Platte machen. Und dann hat es sich langsam von dort weiterentwickelt. Aber ich mag alle meine Alben und bin stolz auf sie. Auch wenn ich sie danach nie wieder angehört habe und auch keines davon besitze."

Ein eigener Stil

Seine Songs sind fest verwurzelt in den verschiedenen Genres der Prä-Rock'n'Roll Ära der Südstaaten: Blues, Gospel, Country, Bluegrass, Hillbilly und Folk verschmelzen zu seinem ganz eigenen Stil, der aber nie retro klingt. Er schafft es scheinbar mühelos das Altbekannte neu und frisch zu präsentieren, lässt sich auch von Künstlern wie Bruce Springsteen oder The Replacements inspirieren. Und stehen am Anfang eines jeden Stücks nach wie vor Gitarre und Gesang, erklingen sie in der Studio-Variante auch gerne mal größer arrangiert mit Bläsern, Orgel und Background-Chor.

Musik: "Memphis in the rain"

Als Sohn eines bekannten Songwriters will Justin Townes Earle von Anfang an seinen eigenen Weg gehen. Er entscheidet sich ganz bewusst dafür, nur selten mit seinem Vater aufzutreten und spielt auf seinen Konzerten auch nicht dessen Songs. Er versucht auch nie, seinem Namenspatron Townes Van Zandt musikalisch nachzueifern.

"Der Songwriter Guy Clarke hat mal zu mir gesagt: Das Beste was du tun kannst ist zu begreifen, dass du niemals den großen amerikanischen Folksong schreiben wirst. Was er damit meint ist: Mein Vater hat seinen eigenen Stil, Townes hatte seinen eigenen, sehr einzigartigen Stil und man sollte nicht versuchen, das zu kopieren. Man muss seinen eigenen Sound finden, sonst hat man gute Aussichten auf eine ziemlich frustrierende Karriere."

Musik: "Harlem River Blues"

Der Songwriter Townes Van Zandt war ein guter Freund von Steve Earle. Van Zandt wird von vielen Musikern kultisch verehrt, manche halten ihn für den besseren Bob Dylan. Er war aber auch schwerer Alkoholiker und kein besonders angenehmer Zeitgenosse, erinnert sich Justin Townes Earle.

"Als Townes gestorben ist, war ich 13. Er war ein ziemlich abstoßender Typ, hat nach Alkohol gestunken und immer irgendwas kaputt gemacht. Meine Mutter hat ihn gehasst und ich habe ihn nur gesehen, wenn ich bei meinem Vater war. Aber auch mein Vater hat mich nicht mit ihm allein gelassen."

Musik: Townes Van Zandt - I'll be here in the morning

"Rock etc" mit einem Portrait des amerikanischen Songwriters Justin Townes Earle. Der war eine ganze Zeit lang auf dem besten Weg, ein ähnliches Schicksal zu erleiden, wie Van Zandt. Auch Earle war alkohol- und drogenabhängig und hangelte sich von einer chaotischen Liebesgeschichte zur nächsten. Nicht verwunderlich, dass auch viele seiner Songs von solchen unerfreulichen Beziehungen handeln, wie zum Beispiel der folgende "Time shows fools" vom Album "Single mothers".

Musik: "Time shows fools"

Mittlerweile ist der Musiker clean, glücklich verheiratet und seit einem Jahr Vater einer Tochter. Die veränderten Lebensumstände – das Ende des Vagabundentums – sind auch in seiner Musik hörbar. Sein Album "Kids in the street" aus dem Jahr 2017 klingt weniger melancholisch als die Vorgänger. Earle wirft New Orleans-Rhythm'n'Blues, Texas-Swing und Folkmusic zusammen und kreiert daraus seine eigene Version von - Americana eben.

Musik: "Maybe a moment"

Mit "Kids in the street" blickt Earle auch zurück auf das verlorene Nashville seiner Kindheit und Jugend.

Nashville neuer Hotspot

"Es geht heute vielen Leuten so, sie erkennen ihre Heimatorte kaum wieder. Die Städte verändern sich so rasant. Nashville ist seit einiger Zeit der neue Hotspot, alle möglichen Leute aus L.A. und New York ziehen dorthin. Als ich klein war, haben dort 400.000 Menschen gelebt, jetzt sind es zwei Millionen! Die Skyline wurde mit hässlichen Gebäuden vollgebaut. Alle Häuser, in denen ich als Kind gewohnt habe - und das waren über 20 - sind weg."

Und so kommt doch nostalgisch-melancholische Stimmung auf, wunderbar eingefangen von einer sehnsuchtsvollen Pedal-Steel-Gitarre.

Musik: "Kids in the street"

Als Bonustrack gibt es auf "Kids in the street" eine Coverversion des Paul Simon-Klassikers "Graceland".

"Es ärgert mich, wenn Leute in meinem Alter von der Grungeszene oder der Punkrockszene schwärmen und Paul Simon als Songwriter herabsetzen. Nur weil sie sich nicht die Zeit nehmen, seine Musik richtig anzuhören. Sie sind davon genervt, denn in den 80ern liefen seine Songs "Graceland" und "You can call me Al" im Radio rauf und runter. Aber er ist nun mal einer der besten Songwriter, die es gibt."

Musik: "Graceland"

Als Sohn eines Musikers musste Justin Townes Earle beweisen, dass er nicht nur den Namen, sondern auch das Talent seines Vaters geerbt hat. Aber wer ihn einmal auf der Bühne erlebt hat, weiß, dass er ein sehr charismatischer Sänger und charmanter Entertainer ist. Das Musiker-Dasein liegt ihm zweifellos im Blut.

"Für mich ist das keine Mathematik, man muss es fühlen. Ich kenne ein paar Akkorde und die spiele ich so lange den Gitarrenhals rauf und runter bis ich etwas finde, das gut klingt. Robert Johnson ist ja auch nicht auf eine Musikschule gegangen. Ich glaube, dass eine musikalische Ausbildung mehr schadet als nützt, zumindest wenn man diese Art von Musik spielen will. Wenn alles perfekt klingt, ist es kein Rock'n'Roll."

Musik: "15-25"

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