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StartseiteLied- und Folkgeschichte(n)Gegen ein verkorkstes Amerika01.03.2019

US-Musiker Lonnie HolleyGegen ein verkorkstes Amerika

Lonnie Holleys ist Autodidakt, er hat weder eine Kunst- noch eine Musikhochschule besucht. Dennoch hat er es mit seinen Skulpturen in Museen und sogar ins Weiße Haus geschafft. Erst 2010 traute er sich an professionelle Tonaufnahmen. Mit der Musik geht er wie mit seinen Kunstwerken um: spontan und intuitiv.

Von Marlene Küster

Ein Mann mit Dreadlocks schaut in die Kamera. (Timothy Duffy)
Lonnie Holley war bildender Künstler bevor er Musiker wurde. (Timothy Duffy)

"Es ist eine extrem schwierige Zeit. Ich will meine Leute vor den Gefahren des Hasses warnen. Warum ist es überhaupt so weit gekommen, frage ich sie. Gleichzeitig appelliere ich an ihren Gemeinschaftssinn, will ihnen klar machen, dass wir füreinander da sein müssen. Und gerade diejenigen, die Geld haben, müssen die Obdachlosen und Mittellosen unterstützen. Dieses Miteinander dürfen wir nicht aus den Augen verlieren. Das muss uns immer bewusst sein, sonst werden wir wütend und fallen übereinander her. Das versuche ich durch meine Musik und Kunst deutlich zu machen. " 

In Holleys Seufzen und Stöhnen stimmen Posaunen ein – dissonante, missklingende Tonfolgen, die die innere Spannung, das Entsetzen, die existentielle Angst intensivieren. Das Ganze wird verstärkt durch wildes Schlagzeug. Je mehr das harmonische Gefüge durcheinander gerät, desto quälender und lähmender wird das Gefühl, dass die USA sich zunehmend spalten.

Auffallende Erscheinung

Extravagant ist Holleys Erscheinung: viele Ketten um den Hals, an jedem Finger mehrere große silberne Ringe. Durch seine dunklen kurzen Dreadlocks ziehen sich viele graue Strähnen. Er trägt ein schwarzes T-Shirt und Jeans. "Der Song ,I woke up in a fucked up America’ reflektiert meine Geschichte", sagt er. Nur zu gut kennt Holley selbst die pure Existenzangst. Geboren im Birmingham in Alabama im Süden der USA – einem Staat mit vielen Afroamerikanern und viel Diskriminierung durch die Weißen während der Jim-Crow-Ära als siebtes von insgesamt 27 Kindern. Jim Crow – Jim die Krähe ­– ist in den USA eine abfällige Bezeichnung der Weißen für einen tanzenden, singenden und dümmlichen Schwarzen.

Musik: "I snuck off the Slave Ship"

Im Song "I snuck off the Slave Ship" ­– mit 17 Minuten das zentrale Stück auf Mith – setzt Holley sich mit der Geschichte seines Volkes auseinander: Er spricht über verschiedene Epochen, beginnt mit den Schiffen, die von Afrika aus die bis aufs Blut gequälten Körper der Sklaven in die Neue Welt tansportierten.

"An der weit entfernten Küste
sah ich mich da stehen,
wie ich Schiffe beobachtete,
eines nach dem andern,
wie ich in einem Schiff nach dem anderen fuhr.
Noch immer steh ich betroffen da.
Seh meinen gefangen genommenen Körper,
den sie irgendwohin bringen,
wie in einer Art Fangnetz:
festgekettet, ein Seil umgebunden,
am Boden liegend, blutig und ohnmächtig geschlagen,
schleifen sie mich rum,
geben mir manchmal den ganzen Tag nichts zu essen,
nichts zu trinken,
mir und so vielen anderen ..."

Dann erzählt Holley in "I snuck off the Slave Ship" von der Zwangsarbeit auf den Baumwollfeldern, geht zeitlich bis zur Ausbeutung der Sklaven in den Fabriken, wo sie sich die Finger wundarbeiteten. Dabei zieht Holley alle Register: Er flüstert, weint, klagt, heult auf und schreit.  Dazwischen immer wieder Disharmonien auf Klavier, g und Posaune. Holley singt dagegen an, diese Instrumente reißen ihn aber wie ein Sturm mit, übertönen ihn. Seine Worte verlieren an Bedeutung, sie sind nicht stark genug, um der Ohnmacht und dem Leiden Stand zu halten. Immer wieder holen Klavier, Schlagzeug und Posaune Holley ein und setzen sich letztlich durch.

"Als Kind wurde ich meiner Mutter weggenommen, diese wiederum ihrer Mutter und meine Großmutter ebenfalls ihrer Mutter." 

Es ist so, als wäre die gesamte Familie des 69-Jährigen mit einem Fluch belegt. Holley landet bei einer inoffiziellen Adoptivmutter, die ihn, wie er es der "New York Times" erklärt, als er vier ist, gegen eine Flasche Wihiskey eintauscht. Immer bleibt er nur für kurze Zeit in verschiedensten Pflegeheimen. Dazwischen kommt er wieder Mal nach Hause. Mit 12 Jahren verlässt er die Schule.

"Ich war noch richtig jung, als ich Feldarbeit verrichtete, nach Würmern gegraben hab, ich war dreckig, hab in der Erde gewühlt, Samen eingepflanzt, Schutt und Steine beseitigt."

Holley macht noch viele andere Gelegenheitjobs: Er pflückt Baumwolle, schaufelt Gräber aus, sammelt im Autokino Müll auf. Im Vergnügungspark Disney World spült er und kocht. Sein Schicksal scheint besiegelt: ein Dasein ohne Chance. Eigentlich. Doch Holley gelingt es, sich aus dieser ausweglosen Lage zu befreien: Mit 29 Jahren fertigt er Grabsteine für die beiden bei einem Brand ums Leben gekommenen Kinder seiner Schwester an. Die Arbeit mit Sandstein inspiriert ihn, von da an formt er Skulpturen aus diesem weichen Material. 1981 zeigt Holley dem damaligen Direktor des US-Birmingham Museum of Art Richard Murray seine Kreationen, die Muray dort sofort in einer Ausstellung zeigt. Bald darauf gelangen einige der Exponate in die Abteilung "More Than Land and Sky" des Smithsonian Museums. Und seine Kunstwerke – Sand- und Müllskulpturen – habe es sogar bis ins Weiße Haus geschafft. Der Weg bis dahin war allerdings steinig.

Langer Atem

"Es war extrem schwierig, so hart, dass viele Künstler, die ähnliche Objekte wie ich gemacht haben, daran zugrunde gingen. Unsere Kunstwerke wurden nicht ernst genommen, immer wieder hörte ich, unser Material sei unbrauchbar, das Holz verrottet und das Blech rostig."

Holley aber hat einen langen Atem, er gibt nicht auf, beißt sich durch, arbeitet weiter an seinen Skulpturen.

"Immer wieder wurde ich kritisiert, meine Kunstwerke seien schwer einzuordnen und würden nicht der Norm entsprechen. Meine Hauptthemen konzentrieren sich auf die Natur: die Erde, Vulkane, auch Naturgewalten wie Erdrutsche, Feuer, Stürme, Hurrikans, aber auch vom Menschen verursachte Katastrophen. Was bleibt bei solchen Unwettern an den Küsten und im Wasser zurück? Die verschiedensten Objekte, die aussehen, als hätten sie unzählige Waschmaschinengänge hinter sich. So viele Gegenstände, die irgendwie nur rumliegen. Wir Menschen müssen darauf achten, wie wir mit der Umwelt umgehen, welche unauslöschlichen Spuren wir überall hinterlassen. Das besorgt mich sehr. Und davon handelt auch meine Musik."

Musik  "Copying the Rock" ­

Im Song "Copying the Rock" auf dem Album Mith spricht Holley von der Mutter Erde, setzt sich für Harmonie ein und mahnt, die Natur zu respektieren und mit ihr im Einklang zu leben.

Erst Anfang 2000 beginnt Holley selbst Musik zu machen. Musik war immer in seinem Leben präsent.

Ein Autodidakt

"Seit ich mich erinnern kann, hörte ich meine Mutter und meine Großmutter singen, es war ein klagender Sound: ein Lamentieren, Trauern, Wehklagen über die Welt. Manchmal war es eine Art Murmeln, manchmal sprachen sie einzelne Worte aus. Das inspiriert mich beim Singen. Als Kind waren um mich herum alle möglichen Klänge, Töne und Sounds. Ich hörte meine Geschwister singen. Es liefen jede Menge Platten bei uns und im Auto-Kino gab es immer Musik. Zwischen meinem vierten und zehnten Lebensjahr schlief ich direkt neben einer Jukebox."

Holley hat nie eine Kunst- oder Musikschule besucht. Er ist Autodidakt. Er geht mit der Musik wie mit seinen Kunstwerken um – experimentierend und vollkommen frei. Seine Musik gleicht seinen Skulpturen: Holley gräbt sich mit seinen Händen, seiner Stimme und den Tasten des Klaviers in die Musik ein. Und dann bricht aus ihm ein Stream of Counciousness – ein Strom von Assoziationen – heraus: Worte, Wortfetzen ...

"... da bin ich dann nicht mehr in diesem kleinen Raum meines Gehirns. Nein, mein Gehirn erlaubt mir weiter zu reisen, immer weiter und weiter, es ist wie ein Sturm, der über den Ozean zieht."

Holley bringt sich das Klavierspielen selbst bei, hämmert und klimpert auf dem Piano aufs Geratewohl herum. Matt Arnett, Sohn des bekannten Sammlers afrikanischer Kunst und seit 1980 auch von Lonnie Holleys Werken, organisiert 2006 erste Aufnahmen von Holleys Musik. Die Plattenfirma Dust-to-Digital in Georgia nimmt Holley 2011 unter Vertrag und das Debütalbum "Just Before Music" erscheint 2012. Daraus der Song "Looking for All":  

Musik: "Looking for All"

Zwischen Matt Arnett und Lonnie Holley entwickelt sich eine intensive musikalische Zusammenarbeit:

"Matt notiert die Titel meiner Songs und schreibt etwa die Erlebnisse, die wir bei unseren Fahrten durch die Nachbarschaft erleben, auf, so als würde er Tagebuch führen. Oft bekommen wir eine Idee, was die Orchestrierung angeht, durch die Art und Weise, wie ich singe oder spreche. Matt hält immer alles fest. Mich inspirieren viele Dinge um mich herum, die ich sehe. So entstehen meine Songs."

Auch Improvisationskünstler wie Laraaji, Shahzad Ismaily, Sam Gendel und Richard Swift haben am aktuellen Album "Mith" mitgewirkt. Der Song "I’m a Suspect in America" beschäftigt sich mit dem schwierigen Dasein der Afroamerikaner in den USA – an den Rand der Gesellschaft gedrängt und permanent mit Misstrauen kontrolliert: 

"Von Geburt an bekommen wir irgendwelche Zahlen und im Laufe unseres Lebens kommen immer mehr dazu bis zu unserem Tod. So sind wir alle erfasst, und einige von uns Afroamerikanern – die einen mehr, die anderen weniger – werden so permanent überwacht.  Im Song sage ich: "Ich bin so lange verdächtig, bis ich als Staubkörnchen durchs Universum fliege."

Musik: "I’m a suspect"

Hier dominiert Holleys Stimme. Fragend, erstaunt und fassungslos ist sie zu hören, mehrfach in verschiedenen Schichten überlagert. Dazu verdichten die gedämpften Synethsizer-, Fender Rhodes- und immer wieder Posaunen-Klänge die bedrückende Atmosphäre. 

Kreative Freiheit

Lonnie Holley hat sich nicht nur mit seinen Kunstwerken behauptet, sondern auch mit seiner Musik einen Namen in den USA und international gemacht. Er gibt in Jazzclubs Konzerte, tourt in Europa. Auftritte in den USA stehen beispielsweise in Los Angeles, Dallas, St. Louis und seiner Heimatstadt Birmingham auf dem Programm. Seine Songs laufen in Jazz- und Indie-Rock-Radios. Er hat mit den US-Indie-Rockbands Deerhunter und The War on Drugs, der norwegischen Sängerin Jenny Hvel zusammengearbeitet und ist mit David Byrne in London 2015 aufgetreten. Seine Konzerte bestehen aus Improvisationen, seine Texte und seine Musik sind bei jedem Auftritt anders. Er nimmt sich eine immense kreative Freiheit – meist außerhalb jeder musikalischen Norm: Er redet, singt, halluziniert, klagt, meditiert und seine Finger gleiten über die Tasten des Pianos. Er hat ein ganz eigenes Konzept von Rhythmik und Tonalität. Sein harter Überlebenskampf ist eine unerschöpfliche Quelle, aus der er seine enorme gestalterische Kraft schöpft. Seine Musik ist intuitiv, spontan und in der afrikanischen Tradition verankert. Musik und Kunst sind für ihn ein Mittel, sein Schicksal künstlerisch zu beschreiben und kreativ zu verarbeiten. Musik ist für ihn Therapie und transportiert Hoffnung:

"Mit meiner Musik will ich den Hörer von seinen Ängsten befreien. Die Beats sollen ihn auch zum Tanzen oder Rennen anregen – was immer ihm gerade gut tut. Auf jeden Fall gibt es auf meinem Album Mith schnelle Rhythmen. Los beweg dich, fordere ich ihn damit auf, verlass endlich deine Komfortzone, spring über deinen Schatten. Bleib nicht wie ein "fetter Kartoffelbrei" da sitzen, halte dich körperlich und geistig fit!"    

Musik: "Sometimes I wanna dance"

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