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StartseiteRock et ceteraEin Gitarrist für alle Fälle09.05.2021

US-Musiker Matt SweeneyEin Gitarrist für alle Fälle

Matt Sweeney kann über Musik, Gitarren und seine Projekte mit geradezu kindlicher Begeisterung sprechen. Der 51-Jährige hat mit Größen wie Rick Rubin, Adele, Iggy Pop und Neil Diamond gearbeitet. Im April ist das Album „Superwolves“ seines gleichnamigen Projekts mit Songwriter Will Oldham erschienen.

Von Anke Behlert

Ein Mann sitzt auf einem Hocker und spielt Gitarre. Der Mann neben im liegt auf dem Rücken und streckt seine Beine in die Luft. Durchs Fenster sieht man ein Bergpanorama. (Jonah Freeman and Justin Lowe)
Matt Sweeney moderierte die Videoreihe „Guitar Moves“ (Jonah Freeman and Justin Lowe)
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Musik: "Make worry for me" - Superwolve

Was haben Smashing Pumpkins-Frontmann Billy Corgan, die Tuareg-Band Tinariwen und Sänger-Legende Neil Diamond gemeinsam? Sie alle haben schon mit Matt Sweeney zusammengearbeitet. Aber Sweeney ist mehr als ein vielseitiger Sessionmusiker: Seit den späten 80er-Jahren spielt er auch immer wieder in eigenen Bands und musikalischen Projekten und arbeitet als Produzent. Nicht zu vergessen: die unterhaltsame Video-Serie "Guitar Moves", bei der Sweeney in lockerer Atmosphäre mit anderen Gitarrenthusiasten wie St. Vincent oder Kurt Vile Tipps und Tricks austauscht. Mit Vile hat Sweeney auch den folgenden Song aufgenommen: "Gone Girl" von Viles 2020er EP "Speed, Sound, Lonely".

Musik: "Gone Girl" - Kurt Vile

Musik: "Knobb off" - Skunk

Das waren Skunk mit dem Song "Knobb off" aus dem Jahr 1991 - die erste Band des Gitarristen und in diesem Fall auch Sängers Matt Sweeney. Geboren 1969, aufgewachsen in New Jersey wusste Sweeney schon sehr früh, dass er Musiker werden wollte. Irgendwann schenkte ihm sein Vater einen elektrischen Bass und er spielte mit Schulfreunden Songs von Led Zeppelin und Rush. Inspiriert von Bands wie The Replacements, Butthole Surfers und Soul Asylum spielte er dann mit Skunk Songs, die nach amerikanischem Alternative-Rock und frühem Grunge klangen: laute, matschig verzerrte Gitarrenriffs, schnelles Schlagzeugspiel, windschiefer Gesang. Doch ebenso schnell war die Band wieder aufgelöst: 1991. Sweeney zog nach New York, wo er Clay Tarver traf, mit dem er 1993 die Band Chavez gründete.

"Eines Abends waren wir in einer Karaokebar und haben "Bridge over troubled water" gesungen. Seine Band Bullet LaVolta hatte sich gerade aufgelöst und er war etwas desillusioniert. Aber nachdem wir den Song zusammen gesungen hatten, meinte er: Matt, wir sollten zusammen Musik machen."

In Songs wie "Break up your band" spielen sich Tarver und Sweeney leicht bekifft wirkende und dennoch zum Zerreißen gespannte Triolen in Oktavlage um den 12. Gitarrenbund zu, wobei Schlagzeuger James Lo eher dagegen zu agieren scheint: Aus dem eigentlich schnurgeraden 4/4-Takt verschleppt er den Beat in Richtung der Zählzeit "und". Solche Gimmicks führten dann schon mal zum Etikett Mathrockband.

Musik: "Break up your band" - Chavez

Musik: "Honestly" - Zwan

Von laut zu leise

Der Song "Honestly" von Zwan - eine Art Supergroup des Smashing Pumpkins-Frontmanns Billy Corgan mit Matt Sweeney, Slint-Gitarrist David Pajo und A Perfect Circle-Bassistin Paz Lenchantin. Über dieses Projekt sagt Sweeney heute:

"Die erste Hälfte hat wirklich Spaß gemacht, wir haben innerhalb eines Jahres einhundert Songs aufgenommen. Aber es ist nur ein Album daraus entstanden, "Mary Star of the sea", das 2003 herausgekommen ist. Es war ein Experiment für Billy und ich glaube, ich war nicht so drauf, wie er es sich erhofft hatte. Und umgekehrt."

Ungefähr zur gleichen Zeit begann Sweeney sich für traditionelle Folkmusik zu interessieren und besuchte das Charlotte Bluegrass Festival in Michigan.

"Wir waren die einzigen jungen Leute dort. Mein Freund Sam Dylan hat sich Fingerpicking beigebracht und ich dachte nur: Wie zur Hölle machst du das? Er hat mir zwei Muster gezeigt und ich habe eine Woche gebraucht, sie zu lernen. Das war so frustrierend, aber es hat die Tür zu einer ganz neuen Art zu spielen geöffnet. Eine der ersten Aufnahmen, bei der ich diese leisere Musik spiele, ist das Covers-Album von Cat Power."

Musik: "Salty Dog" - Cat Power

Die Sängerin Cat Power mit ihrer Version des Folksongs "Salty Dog" und Matt Sweeney an der Gitarre. Für den war es nach all den Jahren in lärmenden Bands viel spannender, den Verstärker nicht mehr auf Anschlag zu drehen. Eine Songwriting-Challenge seines Freundes Will Oldham, alias Bonnie ‚Prince‘ Billy, kam da gerade recht.          

Zwei Männer sitzen auf einer Treppe. Der linke Mann im blauen Anzug lacht. Der Mann rechts stützt sein Ellenbogen auf sein Knie. (Jonah Freemann and Justin Lowe)Will Oldham, Matt Sweeney (v.l.n.r.) (Jonah Freemann and Justin Lowe) 

"Ich war total pleite und Will hat mir angeboten, ein großes Konzert in London zu spielen. Er hat mir dann noch einige Texte geschickt und meinte: Mach doch daraus ein paar Songs und die spielen wir dann in London. So hat Superwolf angefangen. Das war eine große Herausforderung, ich hatte bis dahin ja nur in lauten Rockbands gespielt und auf einmal waren es nur ein Sänger und ich."

Dass sich die beiden wunderbar ergänzen, hört man auf ihrem 2005er Album "Superwolf". Der unberechenbar kauzige Will Oldham klingt in seinen ernsten Momenten nach den rabenschwarzen Balladen eines Townes van Zandt, kann aber problemlos auch alberne Liedchen über seine Geschlechtsteile schreiben. In "Beast for thee" verschmelzen die Stimmen der beiden mit einer zerbrechlich wirkenden, sachte gezupften Gitarre.

Musik: "Best for thee" - Superwolf

Der legendäre Produzent Rick Rubin war vom Superwolf-Album derart beeindruckt, dass er Sweeney einlud, auf den American Recordings-Sessions zu spielen – die postum veröffentlichten Songs von Johnny Cash. Das wäre wohl selbst für einen erfahrenen Sessionmusiker eine nervenaufreibende Angelegenheit, aber für Sweeney war es das erste Mal. Bis dahin hatte er Studioarbeit gemieden.

Eine nervenaufreibende Angelegenheit

"Ich habe es gehasst. Studios, Kopfhörer - das hat sich alles seltsam angefühlt. Naja, ich war auch einfach unreif. Der Druck bei den Rubin-Sessions war so groß, ich durfte das einfach nicht vermasseln. Ich habe zu Rick gesagt: 'Ich bin meganervös und weiß nicht genau, was ich tun soll.' Er meinte nur: 'Sei einfach du selbst und wenn es nicht gut klingt, löschen wir es wieder'." 

Es klang aber gut, deshalb ist Sweeney heute unter anderem auf dem Song "God‘s gonna cut you down" zu hören, vom Album "American V: A hundred highways".

Musik: "God‘s gonna cut you down" - Johnny Cash

Die Arbeit mit Rick Rubin bescherte Matt Sweeney viele neue Aufträge mit Künstlern, die bis dahin unerreichbar schienen. Zum Beispiel nahm er mit dem Star der 60er- und 70er Jahre Neil Diamond dessen Album "Home before dark" auf. Und Neil Diamond schenkte Sweeney die erste Akustikgitarre - natürlich nicht irgendeine.

"Ich war in L.A. und bin bei Neils Studio vorbeigefahren. Er hat gerade Teile seiner Gitarrensammlung aufgelöst und meinte: 'Gutes Timing, ich glaube diese Gitarre wirst du mögen.' Es war eine 69er Martin D-18, ein wunderbares Instrument. Ich habe immer davon geträumt, dass mir jemand eine Martin schenkt, weil ich sie mir nicht leisten konnte. Und genau das ist passiert. Damit schreibe ich immer noch viele Songs."

Zum Beispiel auch für das zweite Album mit Will Oldham, das kürzlich erschienen ist und "Superwolves" heißt.

Musik: "My Blue Suit" - Superwolves

Auf "Superwolves" ist neben Oldham und Sweeney auch der nigrische Gitarrist Mdou Moctar zu hören, denn die Musik der Tuareg ist Sweeneys Leidenschaft.

"Ich bin schon lange Fan von Tuareg-Gitarrenmusik. Ich mag die Riffs und wie sie klingen. Mit Mdou Moctar zu arbeiten war also eine super Gelegenheit. Der Bassist in der Band heißt Michael Coltun und wohnt bei mir um die Ecke. Will und ich haben sie getroffen und zusammen gejammt. Den Song "Hall of death" haben wir im Studio geschrieben. Und Mdou Moctar mögen auch unsere Musik, deshalb war es kein Problem."

Musik: "Hall of death"  - Superwolves

Musik: "Tiwàyyen" - Tinariwen

Die malische Band Tinariwen mit "Tiwàyyen" von ihrem 2017er-Album "Elwan", auf dem auch der New Yorker Gitarrist Matt Sweeney mitspielt. Für das Online Magazin "Vice" hat der auch einige Jahre die amüsante Videoreihe "Guitar Moves" moderiert, in der er sich mit befreundeten Gitarristen wie dem Songwriter Cass McCombs oder Dinosaur Jr.-Frontmann J Mascis über – richtig geraten – das Gitarrespielen austauscht. Auch ein gewisser Keith Richards war mit dabei.

Surreal wie ein Traum

"Es gab mal ein Video von Richard Thompson, in dem er Gitarrespielen erklärt. Das fand ich super und ich wollte auch sowas Ähnliches machen. Aber es sollte eben nicht um irgendwelche Gadgets gehen oder coole Pedale, sondern etwas Handfestes, was man gleich zu Hause ausprobieren kann. Dadurch Keith Richards oder James Williamson von The Stooges zu treffen war total surreal und hat sich wie ein Traum angefühlt."

In einer der ersten "Guitar Moves"-Folgen spricht Sweeney mit Queens of the Stone-Age-Sänger Josh Homme, bei dessen Projekt Desert Sessions er auch mit dabei ist.

Musik: "Noses in roses, forever" - The Desert Sessions

Matt Sweeney ist 51 Jahre alt, kann aber über Musik, Gitarren und seine Projekte mit geradezu kindlicher Begeisterung sprechen. Das ständige Namedropping nimmt man ihm auch deshalb nicht übel, weil er es wohl selbst kaum glauben kann, dass er all diese Dinge machen darf.

"Ich hatte nie geplant, ein professioneller Studiomusiker zu sein, der mit all diesen berühmten Leuten aufnimmt. Ich wollte einfach einen wiedererkennbaren Sound entwickeln, den vielleicht eine Handvoll Leute mögen. Aber ich habe wohl ein Talent dafür. Wenn man zuhören kann, nicht immer im Vordergrund stehen muss und einem das Instrument wichtig ist, fällt einem schon etwas Gutes ein."

Und Matts Tipp für andere Gitarrenbegeisterte

"Als Erstes: benutze deine Finger und lass das Plektrum weg. Dann schaue auf YouTube nach Magic Sam: "Sam‘s Boogie". Das klingt super, man kann sich dazu bewegen, es ist wirklich cool und kein Rumgepose. Oder schau dir Sister Rosetta Tharpe an. Technisch perfekt und superschnell zu spielen ist eine tolle Sache, aber es gibt so viele andere Dinge, die man mit einer Gitarre machen kann und die sind oftmals einfacher, aber viel berührender."

Musik: "Shorty's Ark" - Superwolves

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