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StartseiteRock et ceteraJunger Mann mit alter Seele08.04.2018

US-Musiker Son LittleJunger Mann mit alter Seele

Der Singer/Songwriter Son Little hat 2015 sein Debüt und 2017 sein zweites Album herausgebracht. "New Magic" enthält sehr persönliche Songs, im Studio eingespielt mit einfachsten Mitteln. Seine Stimme klingt nach 100 Jahren Lebenserfahrung, der Soul in seiner Musik ist ebenso lebendig wie zeitlos.

Von Thomas Elbern

Mann mit Hut sitz in einem Auto und schaut aus der Tür (Marc Lemoine)
Soulgrößen wie Marvin Gaye oder Curtis Mayfield haben Son Little beeinflusst (Marc Lemoine)

"Mein Sound hat auf den ersten Blick mit Musik aus der Vergangenheit zu tun, weil es auch erst einmal so klingt. Aber dennoch ist das vorausgedacht. Ich wollte nie Retro sein, sondern eher beide Welten, das Früher und das Jetzt miteinander zu verbinden."

Son Littles Musik erinnert an den Soul den 1970er-Jahre. Seit seinem Debüt, das 2015 erschien, kombiniert der Singer/Songwriter, der eigentlich Aaron Livingston heißt, Musik mit Elementen des R&B.

"Meine Songs entstehen sehr unterschiedlich. Manchmal mit Gitarre und einem Drumcomputer und manchmal nur mit Stift und Papier. Ich brauche eigentlich nichts außer einer zündenden Idee. Bei meinem letzten Album habe ich mich auf voll auf den Schreibprozess konzentriert. Gitarre, ein Stück Papier, das war's, mehr hab ich nicht gebraucht. Keine Ahnung, ob ich immer so arbeiten werde, aber es hat sich bei New Magic völlig richtig angefühlt."

Starke rhythmische Akzente, Gesänge, die an Gospelchöre erinnern, Wah Wah-Gitarren, Streicherarrangements waren Stilmittel, mit denen ein Curtis Mayfield oder Sly & The Family Stone eine ganz eigene Variante ihrer Songs präsentierten. Persönliche Erlebnisse, die USA aus der Sicht von Afroamerikanern, Funkryhthmen, akzentuierte Streicher und Bläserarrangements, der frühe Soul hatte seinen ganz eigenen Sound. Viele Studiotricksereien, die heute zum Alltag der Musikproduktion gehören, waren damals noch nicht verfügbar. Konzentration auf das Eigentliche, den Song war angesagt. All das hat Son Little stark beeinflusst.

"Ich versuche eine gewisse Einfachheit im Studio beizubehalten. Dieses Mal wollte ich mich besonders auf die Texte und die Arrangements konzentrieren und mir keine Gedanken über Produktion machen. Ob ich die 197oer im Hinterkopf hatte, weiß ich nicht mehr, aber es gibt eine Menge Musik aus dieser Periode, die ich sehr liebe."

"Mad about you" und brennende Gitarren

Son Little ist in seinen Texten nicht gerade offensiv. In "Mad about you" reflektiert der amerikanische Singer Songwriter über Liebe, die nie richtig zustande kam. Offen lässt er in dem Text zu dem Song, was genau in dieser Beziehung passierte. Das erste Date, war es schon das letzte? Sein Herz, das schon bei der ersten Begegnung gebrochen war? Er geizt nicht mit persönlichen Gefühlen, aber er beschreibt sie in seinen Texten auch nicht eindeutig: Er lässt viel Raum zur Interpretation.

"Der Song "Mad about you" hat was von Herbstgefühlen, wenn die Blätter sich verfärben. In Amerika nennen wir das den "Indian summer". Es ist immer noch warm, doch du kannst die Kälte schon spüren. Es ist die Erinnerung an etwas, was wunderschön ist, doch langsam verschwindet."

Da passt auch das Cover seines aktuellen Albums "New Magic". Es zeigt eine brennende akustische Gitarre. Vielleicht seine akustische Gitarre?

"Das Licht in der Fotografie wurde von dem Feuer der Gitarre erzeugt. Das Instrument war eh kaputt und konnte nicht mehr repariert werden. Aber irgendwie spiegelt das auch das Gefühl dieses Albums wider. Ich habe eh viel akustische Gitarre auf diesem Album verwendet, insofern passt das."

Son Little bezeichnete seine eigene Musik mal als "Future Soul". Er nutzt zwar die Tools der modernen Studiotechnik, aber so geschickt, dass es zeitlos klingt. Die Idee der alten Soulmusik kombiniert mit den Mitteln von heute.

"Es sind ganz verschiedene Dinge, die mich daran faszinieren. Im Gegensatz zu den 196oer Jahren gab es in den Siebzigern viele Fortschritte in der Aufnahmetechnik. Aus Mono wurde Stereo und es war auf einmal möglich, gleichzeitig 16 oder 24 Spuren aufzunehmen. Es ging in den 7oern zwar immer noch um Songs, aber auch gleichzeitig um Experimente, die nun möglich waren. Die neue Technik und das damalige kulturelle Klima haben diese einzigartige Musik geschaffen."

Soulmusik für die HipHop-Generation

Das New Yorker GQ Magazin bezeichnete den Sound von Son Little als "Soulmusik für die Hip Hop Generation". Eine Auszeichnung für jemanden, den ausgerechnet die amerikanische Hip Hop Institution "The Roots" entdeckt hat.

"Der Vergleich klingt gut für mich, ich finde ihn sogar ziemlich akkurat. Hip Hop war immer ein Teil meines Lebens und ich beobachte ständig, wohin sich der entwickelt. Obwohl ich weder ein DJ oder Rapper bin, war mit Breakbeats und Samples zu arbeiten immer Teil meiner musikalischen Erziehung. Dieser Prozess und die Ästhetik dessen, ist ein Stück meiner musikalischen Identität."

Son Little wirkte 2004 bei dem Song "The guns are drawn" mit, der sich auf dem "Roots"-Album "The Tipping Point" befindet und wurde so einem größeren Publikum bekannt. Die Hip Hop Band The Roots sind mittlerweile eine musikalische Institution in Philadelphia. Das Kollektiv konzentriert sich auf die gespielte Variante von Hip Hop. Zudem wurde sie als Band von US-Talkmaster Jimmy Fallon berühmt. Die Band steht für den modernen, aktuellen Sound von Philadelphia. Die Stadt hat eine lange musikalische Tradition und einen eigenen, den "Philly Sound".

"Es gab diese Periode in den 70er-Jahren, die besonders von Philadelphia geprägt wurde: Teddy Pendergrass, Barry White, die haben älteren R'n'B, Blueseinflüsse mit aufwendigen Arrangements verbunden. Das war für mich immer ein großer Einfluss. Ja, und dann die Roots, die für mich so etwas wie die Einführung in den Musikbusiness waren. Ich konnte mir anschauen, wie deren Alben im Studio aufgenommen wurden und war mit ihnen auf der Bühne und habe da meine ersten Erfahrungen gemacht."

Arbeit als Produzent

"New Magic", das letzte Album von Son Little, ist minimalistisch produziert. Es klingt dadurch nicht inszeniert. Son Little baut einen kompletten musikalischen Raum um sein Hauptinstrument, die Stimme.

"Fast alles, was ich bisher produziert habe, hat viel mit Gesang zu tun. Egal, ob es meine eigenen Songs oder die von Mavis sind. Wenn da ein guter Sänger ist, wird die komplette Produktion drum herum gebaut. Es ist der Klang der Stimme und die Aussage in den Texten, die rüber kommen soll. Und meine Aufgabe als Produzent ist, genau das zu schaffen."

Son Little wurde 2016, da war er gerade 40 Jahre alt, mit einem Grammy ausgezeichneter hatte das Album "See that my grave is kept clean" der Soul Legende Mavis Staples produziert. Für Little war das etwas ganz Besonderes mit jemandem im Studio zu arbeiten, der ihn musikalisch geprägt hat.

"Wenn wir über meine musikalischen Wurzeln sprechen, dann kann ich sicher sagen, das Mavis ein Teil davon ist. Ich glaube, sie ist am Mississippi geboren und kam dann später nach Chicago. Es gibt nicht mehr viele Musiker, die eine so direkte Verbindung zu den Ursprüngen des Blues und R'n'B haben. Sie ist so etwas wie die erste Generation. Mit ihr zu arbeiten war extrem interessant und es war auch wie eine Geschichtslektion, bei der ich alles in mich aufgesogen habe. Sie ist ein Mensch, der voller Energie und Kraft steckt. Aus persönlicher Sicht würde ich sie als warmherzigen, freundlichen und sehr positiven Menschen bezeichnen. Es ist unglaublich, dass sie seit 60 Jahren erfolgreich im Business ist und viel erlebt hat. Doch sie ist überhaupt nicht eingefahren, sondern immer auf der Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten. Sie stellt sich vor das Mikrofon und singt einfach los. Man ist als Produzent so etwas wie ein Zeuge, sie sticht einfach völlig heraus."

Auf "See that my grave is kept clean" hat der in LA geborene Little neben seiner Tätigkeit als Produzent auch noch Bass und Drums gespielt. Und auch auf persönlicher Ebene war diese Arbeit für Son Little eine tolle Erfahrung und eine Bereicherung, auch für seine eigene Musik.

"Der Sound, den es auf meinen Produktionen gibt, hat mit all den Alben zu tun, die mich musikalisch erzogen haben. Ich versuche heute, alte Techniken, die damals im Studio verwendet wurden, neu zu emulieren. Ich versuche Klänge, die ich in meiner Erinnerung habe, wieder neu zu beleben. Der Arbeitsprozess im Hip Hop ist, Musik mit vielen kleinen Samples zu konstruieren. Dadurch entsteht aber eine gewisse Künstlichkeit, eine Art negativer Raum. Und ich versuche diesen Raum neu zu füllen und überlasse der Technologie nicht, ihr den Stempel aufzudrücken."

Auf Tour

Ende des vergangenen Jahres war Little auf Deutschlandtournee. Dort ließ der den Live-Funken des modernen Soul auf das Publikum überspringen. Obwohl der Kölner Club Bahnhof Ehrenfeld, der 500 Leute fasst, gerade mal zu einem Fünftel gefüllt war, ließ sich das Publikum von seiner Performance anstecken. Son Little hat mit seiner Band den Unterschied zwischen Vergangenheit und Moderne aufgehoben, denn seine Songs haben etwas völlig Zeitloses. Das weiß sein Publikum weltweit zu schätzen.

"Ich bin immer wieder überrascht, wie unterschiedlich meine Zuschauer sind: Eltern mit ihren Kindern, Vater und Mutter mit ihrem Sohn oder Tochter im Teenageralter. Das macht mir echt Mut. Es gibt dort eine große Schnittmenge an Altersdurchschnitt und Herkunft. Die Welt ist ein wirklich komplizierter Ort geworden, ständig stürmt irgendwas auf dich ein. Die Leute sehnen sich nach etwas Einfachem."

Und es ist typisch Son Little, dass der Protagonist im Song "Oh me oh my" diese Einfachheit in der Welt nicht mehr findet und daran zerbricht. Das allerdings mit einer musikalisch leichtfüßigen Umsetzung. Little verzichtet auf ein dramatisches oder pompöses Arrangement, wodurch sein Text umso schwerer wirkt.

"Der Song hat etwas sehr Ironisches. Er kommt sehr unauffällig daher, erzählt aber darüber, wie jemand zu einem Sozialfall wird. Er hat einen sehr dunklen Unterton, inspiriert vom Radio oder dem TV, bei dem man nur katastrophale News zu sehen bekommt. Ich war sehr frustriert und ängstlich als ich den Song geschrieben habe und das kommt auch zum Ausdruck."

Amerikanische Realität

Das Amerika der Gegenwart bietet viel Konfliktstoff, von der "Me too"-Debatte bis hin zu "Black lives matter". Als Afroamerikaner wird Little ständig mit Rassismus und Vorurteilen konfrontiert.

"Es ist ganz schön beängstigend. Auf der anderen Seite sind all die Dinge, die nun gesellschaftlich diskutiert werden, wie "Black lives matter", keine neuen Themen. Polizeigewalt, Afroamerikaner, die von der Wahl ausgeschlossen werden, wirtschaftliche Ausgrenzung, fehlende Bildungsmöglichkeiten. Das war nicht nur das Problem der schwarzen Bevölkerung in den USA, sondern auch beispielsweise der lateinamerikanischen Gruppierungen. All das wird heute noch sehr leidenschaftlich diskutiert und es gibt immer noch jede Menge Konflikte deswegen. Es gab eine Zeit in meinem Leben, wo mich das nicht gekümmert hat, doch es ist gerade so im Vordergrund, dass man sich Sorgen machen muss!"

Wie viele andere seiner Kollegen kämpft sich Son Little durch sein Leben als Musiker. Von der Musik alleine kann er noch nicht leben, doch kostet sie ihn so viel Zeit, dass er nichts anderes machen kann. Sein Mittel dagegen ist: ein bescheidener Lebensstil:

"Ich hatte einige Momente, in denen mich das Musikbusiness extrem frustriert hat. Ich war sogar kurz davor aufzugeben. Seitdem versuche ich, mich weder von Höhenflügen aber von Enttäuschungen zu sehr leiten zu lassen. Höhen und Tiefen wird es immer geben."

Kooperation mit Portugal, the man

Der Komponist, Sänger und Produzent ist ein gefragter musikalischer Gast. Und stilistische Grenzen kennt der Amerikaner hier nicht. Ein gelungenes Beispiel ist seine Kooperation mit der amerikanischen Alternative-Band Portugal the man und dem Song "Number one", der 2017 deren Album "Woodstock" eröffnet. Wie aus einem anderen Leben ertönt ein Sample von "Richie Havens "Freedom", einer der Hymnen der Woodstock-Generation. Dann übernimmt die Stimme von Son Little.

"Die Art, wie wir heute kommunizieren und die Technologie, die uns umgibt, hat sich drastisch verändert. Auch, wie wir Musik neu entdecken ist anders geworden. John Gourley, der Sänger und Gitarrist von "Portugal the man" entdeckte auf seinem Handy einen meiner Songs und switchte immer drei Sekunden vor und zurück und hatte auf einmal die Idee für zu "Number one". Einige Tage später hatte ich eine Nachricht von ihm und wir kamen schnell zusammen, um daran zu arbeiten."

Son Little mag seine Präferenzen im Sound der Vergangenheit zu haben, doch er hat seine ganz eigene musikalische Idee. Seine Wurzeln sind geografisch weit verstreut.

"Einige Generationen auf der einen Seite meiner Familie kommen aus dem Süden von Louisiana, von einem Ort, der sich Lake Charles nennt. Und die andere Seite stammt aus South Carolina und Georgia. Ich habe überall Familie, beispielsweise auch in Houston/Texas und in Ohio. Ich habe quasi in fast jeder Region der USA so etwas wie ein Zuhause. Als ich jünger war, war das etwas verwirrend, doch mittlerweile mag ich das sehr!"

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