Samstag, 21. Mai 2022

US-Notenbank hebt Leitzins an
Auch die EZB sollte die Zinsen erhöhen - jetzt

Die US-Notenbank in Washington hat angesichts der hohen Inflation die Zinsen erhöht – trotz schwächelnder Konjunktur. Dazu gehört Mut, kommentiert Klemens Kindermann. Davon sollte sich die zögerliche Europäische Zentralbank etwas abschauen, denn auch die Teuerung im Euroraum kenne nur eine Richtung: nach oben.

Ein Kommentar von Klemens Kindermann | 05.05.2022

Zentrale der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main
Preisstabilität wahren ist die zentrale Aufgabe der EZB - dieser müsse sie nachkommen, findet Dlf-Wirtschaftsredakteur Klemens Kindermann (picture alliance / dpa / Frank Rumpenhorst)
Die US-amerikanische Notenbank macht ihren Job. Einer Inflation von 8,5 Prozent, der höchsten seit 40 Jahren, kann man nicht einfach dabei zusehen, wie sie sich in die Gesellschaft hineinfrisst. Wie sie zuerst die sozial Schwachen trifft, die keine Spielräume haben, um der Teuerung zu begegnen. Dann aber auch die breiten Teile der Gesellschaft, wenn Unternehmen wegen zu hoher Preise für Vorprodukte und gestiegener Arbeitskosten in die Knie gehen und Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen.

US-Notenbank will Inflation mit höheren Zinsen entgegensteuern

Die Währungshüter in Washington haben sich nicht davon beirren lassen, dass die größte Volkswirtschaft der Welt im ersten Quartal dieses Jahres überraschend geschrumpft ist. Gegen eine schwächere Konjunktur trotzdem die Zinsen zu erhöhen, dazu gehört Mut. Aber die amerikanische Zentralbank hat eben nicht nur die eine Aufgabe, die Konjunktur zu stützen, sondern auch die zweite, nämlich die Preise und damit die Währung zu stabilisieren.
Die Europäische Zentralbank, die über die Zinsen in Deutschland bestimmt, könnte sich von diesem Mut etwas abschauen. Sie hat von ihrem Auftrag her sogar nicht, wie die US-Notenbank, die Stützung der Konjunktur als Aufgabe, sondern nur das eine vorgegebene Ziel, die Preisstabilität unter allen Umständen zu wahren, so wie es vor der Einführung des Euros die Bundesbank für die D-Mark getan hat.

Fehleinschätzung der EZB: Inflation sei nur vorrübergehend

Daher muss erst recht verwundern, wie zögerlich und zaghaft die EZB agiert, wenn es um eine Erhöhung der Zinsen geht, kennt doch auch die Teuerung im Euroraum nur eine Richtung: die nach oben. Im April lag die Inflationsrate auf einem neuen Rekordhoch von 7,5 Prozent. Die Teuerung wurde anfangs hauptsächlich von den Energiepreisen angetrieben, was EZB-Chefin Christine Lagarde in den letzten Monaten zum verhängnisvollen Mantra verführte, die Inflation sei nur vorübergehend. Was für eine Fehleinschätzung!
Inzwischen ist die Teuerung in der Breite angekommen und die Gewerkschaften fordern schon jetzt deutliche Lohnerhöhungen, was wiederum zu steigenden Arbeitskosten und zu der gefürchteten Lohn-Preis-Spirale führen wird. Eigentlich ist es fast schon zu spät. Aber die EZB sollte jetzt so schnell wie möglich die Zinsen erhöhen und – so wie die Amerikaner – endlich ihren Job erledigen.
Klemens Kindermann
Klemens Kindermann ist seit 2009 Abteilungsleiter Wirtschaft und Gesellschaft und seit 2012 stellvertretender Chefredakteur beim Deutschlandfunk. Von 1991 bis 1997 war er Redakteur und Korrespondent der Deutsche Presse-Agentur (dpa). Danach wechselte er 1997 zur Wirtschafts- und Finanzzeitung "Handelsblatt", wo er als Fachredakteur, Desk-Chef im neu geschaffenen Newsroom und ab 2004 als stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft & Politik tätig war.