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StartseiteKommentare und Themen der WocheKein Martin Luther King in Sicht07.06.2020

US-Proteste gegen RassismusKein Martin Luther King in Sicht

Den Demonstranten gegen Rassismus in der US-Gesellschaft fehlt es an Führungsfiguren, kommentiert Arthur Landwehr. Der Slogan "No Justice, no Peace - Ohne Gerechtigkeit keine Friede" ist kein Programm. Aber genau das werde gebraucht, damit der Protest nicht folgenlos bleibe.

Von Arthur Landwehr

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George Floyd protest in Los Angeles People stage a protest in front of Los Angeles City Hall on June 6, 2020, against the death of George Floyd in Minneapolis police custody. PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY (imago images / Kyodo News)
Demonstration gegen Rassismus und Polizeigewalt in Los Angeles (imago images / Kyodo News)
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Die Forderungen der Demonstranten auf den Straßen in den großen amerikanischen Städten sind klar, oder? Mehr Gerechtigkeit für Afroamerikaner und andere Menschen mit dunkler Hautfarbe. Weniger Polizeigewalt! Chancengleichheit! Aber was denn jetzt konkret? Wo soll und wird diese US amerikanische Gesellschaft beginnen, etwas zu ändern? Wer wird das mit der Politik auf die Tagesordnung setzen und verhandeln?

Demonstrierende am Washington Square in New York  (imago) (imago)Rassismus in den USA - "White Supremacy dominiert die amerikanische Gesellschaft"
Der gewaltsame Tod des Afroamerikaners George Floyd hat eine internationale Protestwelle ausgelöst, wie es sie seit den 1960er-Jahren nicht mehr gab. In gewisser Weise setze sich hier die Lynchjustiz fort, sagte die Historikerin Christine Knauer im Dlf.

Meine Prognose ist leider sehr nüchtern: Nichts wird passieren. Was wir derzeit erleben, ist ja nicht neu. Ein Beispiel: Vor sechs Jahren, Barack Obama war Präsident, explodierte Ferguson in Missouri, weil der unbewaffnete schwarze Jugendliche Michael Brown von einem weißen Polizisten erschossen wurde. Es gab eine Kommission, neue Regeln und ein Training für Polizisten. Gab es Ansätze, die Lebenswirklichkeit in den USA vom Kopf auf die Beine zu stellen? Nein.

Dossier: Rassismus (picture alliance / NurPhoto / Beata Zawrzel)Dossier: Rassismus (picture alliance / NurPhoto / Beata Zawrzel)

Proteste, aber keine Bewegung

Und dafür gibt es einen Grund: Die Proteste, die wir gerade erleben, sind Proteste, keine Bewegung. Sie haben keine Agenda. Und vor allem keine Führung. Es gibt derzeit keinen Martin Luther King. Nicht eine einzige Person hat sich in den vergangenen Tagen an die Spitze gestellt, hat die Forderungen an die weiße Gesellschaft formuliert. "No Justice, no Peace - Ohne Gerechtigkeit keine Friede" ist ein Slogan, kein Programm. Aber genau das braucht es.

Denn so sieht afroamerikanische Lebenswirklichkeit aus, nur ein anschauliches Beispiel: Die Schulen in schwarzen Vierteln sind dramatisch schlechter, weil Schulen nicht gleichmäßig, sondern aus den Immobiliensteuern des Wohnbezirks finanziert werden. Teures Wohnviertel mit wenig Kindern heißt gute Schule; enge Wohnverhältnisse und viele Kinder heißt schlechte Schulen, keine Chance auf ein anderes Milieu. Die falsche Postleitzahl zu haben heißt, entweder gar keinen Job zu bekommen oder für gleiche Arbeit weniger Lohn.

Vor einer großen sitzenden Menschenmenge mit Gesichtsmasken steht ein Schwarzer mit erhobener Faust. Auf seinem T-Shirt steht in bunten Buchstaben "Black Lives Matter".  (dpa / AP / Markus Schreiber) (dpa / AP / Markus Schreiber)Gesellschaft in den USA - Struktureller Rassismus und weiße Privilegien
Struktureller Rassismus führe in den USA zu andauernder Benachteiligung schwarzer Bürger, sagte die Historikerin Britta Waldschmidt-Nelson im Dlf. Bei der Polizei und an anderen Schaltstellen säßen zudem oft Anhänger rassistischer Ideologien.

Struktureller Rassismus

Rassismus in den USA ist meist gar nicht persönlich, sondern strukturell. In der Theorie und den Gesetzbüchern herrscht gleiches Recht für alle, in der Praxis aber zementieren die Regeln nach denen etwas organisiert wird, die Verhältnisse. Jeder kann studieren, aber wenn Studieren ein Vermögen kostet, dann ist das nur scheinbare Gleichberechtigung. Das gilt für Gesundheitsvorsorge, Justiz, Wahlrecht – das ganze Leben. Chancenlosigkeit von Generation an Generation weitergegeben, obwohl nach dem Gesetz alles in Ordnung ist.

Soll sich etwas ändern, muss das System durchbrochen, nicht ein paar Almosen verteilt werden, um zu beruhigen. Dafür aber braucht es eben eine Agenda und jemanden, der sie formuliert und verhandelt. Das gilt im Übrigen auch für die andere Seite, die Regierungen in Washington, in den Bundesstaaten. Sie benötigen Ansprechpartner, die für die Bewegung stehen, mit denen sie von ihrer Seite strukturelle Veränderungen aushandeln und dann umsetzen. Aber es ist niemand da. Und vielleicht ist die Regierung auch gar nicht so traurig darüber, denn dann muss sie sich den Forderungen nicht stellen, muss nichts ändern, werden die Besitzverhältnisse bleiben, wie sie sind.

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