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StartseiteRock et ceteraDer Anti-Rockstar27.01.2019

US-Songwriter Cass McCombsDer Anti-Rockstar

Cass McCombs macht kein großes Aufheben um sich, gab eine zeitlang nur per E-Mail Interviews. Kreativität, Neugier und Freiheit der Kunst sind dem Gitarristen und Songwriter viel wichtiger als autobiografische Daten. 2016 ist er dennoch einem breiteren Publikum bekannt geworden: endlich!

Von Anke Behlert

Ein Mann stützt sich mit beiden Armen auf einem Ast ab.  (Rachel Cassells)
Romantik und Toilettenwitz sind bei ihm manchmal nur eine Textzeile voneinander entfernt: Cass McCombs (Rachel Cassells)
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Musik: "In a Chinese Alley"

Wenn man sich die Songs von Cass McCombs anhört, kann folgendes passieren. Zuerst muss man lachen und kurz darauf bleibt einem das Lachen im Hals stecken. Oder umgekehrt. Tragik und Humor, Abgründe und Verletzlichkeit, Romantik und Toilettenwitze liegen bei McCombs manchmal nur eine Textzeile voneinander entfernt. Mag es auf den ersten Blick um Herzschmerz gehen, kommt bald die Frage auf: Hast du Angst vorm Sterben oder nur vorm Tod-Sein? Wie im Song "I Went To The Hospital", dem ersten Stück seines ersten Albums "A" aus dem Jahr 2003. Ein nachdrücklicher Auftakt, der gleich klarstellt: seichte Liebeslyrik oder oberflächliche Phrasen sind nicht seine Sache.

Musik: "I Went To The Hospital"

Geboren wird Cassius Eugene McCombs am 13. November 1977 in Concord, einer Kleinstadt in der San Francisco Bay Area. Mit 14 beginnt er Gitarre zu spielen, entdeckt The Grateful Dead. Er singt im Chor und spielt in Dutzenden Bands, probiert Punkrock, Hiphop, Jazz aus. Er ist an so ziemlich jeder außerschulischen Aktivität interessiert, bei der man sich kreativ ausleben kann. An den Unterricht hingegen hat er keine guten Erinnerungen.

Tage in Biblotheken verbracht

"Ich habe Schule gehasst, das war eine echte Qual. Manchmal war ich auf LSD, denn ohne hatte ich ständig Angst verprügelt zu werden oder wegen der Mädchen. Und das letzte, was ich wollte, war dort irgendetwas zu lernen."

Musik: "Big Wheel"

Nach der Schule verteilen sich seine Freunde auf Colleges im ganzen Land. Er selbst studiert nicht, zieht den Kumpels einfach hinterher, verbringt die Tage lesend in den Bibliotheken. Eine Zeitlang hat er keinen festen Wohnsitz, tingelt herum und schläft bei anderen Leuten auf der Couch oder in seinem Auto.

"Ich bin da nicht stolz drauf, es war einfach so. Ich bin viel rumgereist, habe gecampt und bei all meinen Freunden übernachtet. Irgendwann hab ich herausgefunden, dass vor allem in New York viele Leute Zugang zu ihren Hausdächern haben. Ich habe mich dann in eine Bar gesetzt und Leute angesprochen, ob ich auf ihrem Dach übernachten kann."

Einladung von John Peel 

In New York wird McCombs kurz Teil der Anti-Folk-Szene, die in den frühen 2000ern einen Höhepunkt erlebt. Seine erste EP "Not The Way" von 2002 ist deutlich von diesem rohen DIY-Sound geprägt. Kein geringerer als Radiolegende John Peel war davon so begeistert, dass er McCombs zu einer seiner berühmten Sessions nach England einlud.

"Das war eine große Ehre für mich und eine einmalige Gelegenheit. Aber er war leider nicht da, ich habe ihn nicht persönlich getroffen. Das war meine erste Reise nach Europa, ohne ihn wäre ich vermutlich nie hierhergekommen. Ich habe Stücke von meinem ersten Album gespielt und den Song "I cannot lie", der damals als Seven Inch erschienen ist."

Portrait-Aufnahme von Cass McCombs (Silvia Grav)Beeinflusst von 70er Westcoast Funk und The Grateful Dead (Silvia Grav)

Musik: "I Cannot Lie"

Von Anfang an thematisiert er in seiner Musik auch die hässlichen Seiten des Lebens und der menschlichen Natur. Es geht zum Beispiel um Krankheiten, wie im Song "AIDS in Africa" - an anderer Stelle um Krieg, Drogen, Umweltzerstörung oder Diskriminierung, wie in "Run Sister Run" vom letzten Album "Mangy Love". Keine Thematik ist dem 41-Jährigen zu heikel oder unangenehm, er traut sich sogar, einen tanzbaren Groove darunter zu legen.

Musik:  "Run Sister Run"

Eines seiner am kontroversesten diskutierten Stücke ist "Don't vote" vom 2009er-Album "Catacombs". Der Kalifornier hat in der Vergangenheit mit der Organisation Headcount zusammengearbeitet, die bei Konzerten Wähler registriert. Entsprechend lohnt auch bei diesem etwas reißerischen Songtitel genaues Hinhören, denn es geht gerade nicht darum, nicht zu wählen, betont McCombs.

Aktiv bei den Skiffle Players

"Ob man wählt oder nicht, das muss jeder selbst entscheiden. Für mich ist beides ok, man sollte es nur begründen können. Ich kenne viele Leute, die finden, dass Wahlen einfach nur eine Art "Teile und Herrsche"-System sind. Wenn Menschen glauben, dass die anderen ihre Gegner sind, kann man sie leichter unterwerfen. Ich selbst sehe das differenzierter. Wenn man darüber abstimmt, ob Schulen mehr Geld bekommen sollen, ist das sinnvoll. Was ich nicht mag, sind diese vielen Selbstdarsteller und Marionetten in der Politik. Die braucht niemand."

Musik: "Don't Vote"

Auf den acht bislang erschienenen Studioalben greift McCombs viele unterschiedliche Musikstile auf, von Punk über Psychedelic Rock, bis Soul, Blues, Folk und Country. Da es für ihn aber offenbar niemals zu viel Musik sein kann, ist der Songwriter auch noch in diversen anderen Projekten aktiv. Zum Beispiel bei den Skiffle Players. Die haben zunächst alte Bluegrass- und Country-Nummern gecovert. McCombs' charakteristisches Fingerpicking eignet sich dafür besonders gut.

"Wir haben zuerst Folk gespielt und Piedmont Blues. Dabei benutzt man Daumen und Zeigefinger zum Spielen, und so habe ich das ohnehin gemacht. Aber seitdem haben wir uns verändert. Wir schreiben jetzt auch eigene Songs und schauen, was es an Folkideen aus anderen Gegenden gibt, wie Lateinamerika oder dem Nahen Osten."

Musik: The Skiffle Players - "Harsh Toke"

Sie hören "Rock et cetera" mit einem Portrait des kalifornischen Songwriters Cass McCombs. Viele Jahre wurde der vor allem in Kollegen- und Auskennerkreisen geschätzt. Ein Grund: jegliche Form der Selbstvermarktung war ihm ein Graus. Interviews gab er nur widerwillig, eine Zeitlang sogar nur schriftlich. Das ist heute nicht mehr so. Zum Glück, denn er ist ein sehr interessanter und geistreicher Gesprächspartner. Mit dem letzten Album "Mangy Love" ist McCombs endlich auch einem breiteren Publikum bekannt geworden. Beeinflusst von 70er Westcoast Funk und immer wieder The Grateful Dead versammelt die Platte seine langsamen, sanften, groovenden und schrammeligen Facetten und zeigt sein ganzes Können als Songwriter. Nahezu zwei Dutzend Gäste spielen auf dem Album mit, Schicht um Schicht fügen sich die ausladenden Arrangements übereinander. Bei dem Song "Opposite House" ist unter anderem Kollegin Angel Olsen dabei.

Musik: "Opposite House"

Das nunmehr neunte Studioalbum "Tip Of The Sphere", das im Februar erscheint, ist klanglich deutlich aufgeräumter. Aufgenommen hat McCombs die Songs in den Figure 8 Studios in Brooklyn. Mit dabei war seine Band: Bassist Dan Horne, Drummer Otto Hauser und Frank LoCrasto am Klavier. Und wie all seine Alben, ist auch dieses live eingespielt.

Humorvollen Lyriker

"Im Grunde gehe ich jedes Album gleich an. Ich mag Folk, Blues und 50s-Rock'n'Roll. Ich mag es, wenn man die Atmosphäre im Raum hört und die Interaktion zwischen den Musikern. Wir versuchen das auch, alles so live wie möglich. Natürlich passieren Fehler, die man korrigieren muss. Aber es nicht so wie bei Elvis, der zwei Tage an jedem Stück arbeiten konnte. So viel Zeit hatten wir nicht."

Musik: "Sleeping Volcanoes"

Auch auf "Tip Of The Sphere" hört man den poetischen, eigensinnigen, herzerwärmenden und humorvollen Lyriker McCombs. Seine auf den ersten Blick oftmals schwer zu entwirrenden Allegorien lohnen immer ein zweites und auch drittes Hinschauen. Denn Cass McCombs schafft es, auf vermeintlich bekannte und schon tausend Mal gehörte Themen neue Perspektiven zu eröffnen. Und auch musikalisch ist er an Wiederholung nicht interessiert. Selbst wenn ihn das Musikmachen manchmal nervt, aufhören ist auch keine Option.

"Musik machen ist mitunter sehr frustrierend. Es kann Spaß machen, aber ich bin extrem selbstkritisch und ziemlich schnell enttäuscht von meiner Arbeit. Und dann bekomme ich schlechte Laune. Bei anderen ist das nicht so, die üben eben ihre Technik. Ich muss immer irgendwelche Ideen ausprobieren und die sind manchmal auch ziemlich absurd."

Musik: "Love Thine Enemy"

Die Songs von Cass McCombs sind klassische Slow Burner: lässt man sich drauf ein, enthüllen sie nach und nach ihre Geheimisse um sich dann dauerhaft im Kopf festzuhaken. Egal ob beschwingt-schönes Liebeslied, psychedelische Ode an die Natur oder einfühlsame Darstellung einer mentalen Störung - er kann von allem singen und man hört ihm gerne zu.

Musik: "Brighter"

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