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StartseiteSport am WochenendeVorerst keine Rückkehr in die Stadien26.04.2020

US-Sport in der CoronakriseVorerst keine Rückkehr in die Stadien

Niemand weiß, wie es weitergeht. Nur eines ist klar: Die Coronakrise produziert im amerikanischen Sport Milliardenverluste - etwa im Basketball, Eishockey und Baseball. Und eine Rückkehr zur Normalität dürfte schwieriger werden als in Deutschland.

Von Jürgen Kalwa

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Basketball-Spiel zwischen den Los Angeles Lakers and Milwaukee Bucks am 6. März 2020. Der LA-Spieler LeBron James bei einem Wurf. (imago images / ZUMA Wire)
Ein NBA-Spiel (wie hier zwischen den LA Lakers und den Milwaukee Bucks) wird es auf längere Sicht nicht geben. (imago images / ZUMA Wire)
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Es war eine Entscheidung mit enormer Signalwirkung, als die National Basketball Association vor sechs Wochen abrupt ihren Betrieb einstellte. Der erste Spieler hatte sich mit dem Corona-Virus infiziert. Wie groß die Gefahr war, zeigen die Zahlen Stand heute: Mehr als zehn NBA-Profis wurden angesteckt.

Dem Beispiel der Basketballer folgte schon bald der gesamte amerikanische Sport und landete auf diese Weise in einer surrealen Warteschleife. Niemand weiß, wie es weitergehen wird. Und selbst halbwegs durchdachte Notfallpläne, wie der die Meisterschaft mit einer verkürzten Playoff-Runde, ohne Publikum und an einem einzigen Ort – in der Casino-Stadt Las Vegas durchzuführen – wirken bis auf weiteres ziemlich unrealistisch.

70 Milliarden Dollar jährlicher Anteil am Bruttosozialprodukt

Auch andere Ligen doktern an Lösungsmöglichkeiten. So denkt die Eishockeyliga NHL darüber nach, die Playoffs in insgesamt vier Städten auszutragen. Und Major League Baseball malt sich eine Saison aus, die mit allen Teams ausschließlich in einem einzigen Bundesstaat stattfindet: in Arizona.    

Die Quarantäne hat einen Industriezweig auf Eis gelegt, der als Wirtschaftsfaktor stattliche 70 Milliarden Dollar jährlich direkt zum Bruttosozialprodukt beiträgt. Der Effekt reiche weit, sagt der Volkswirtschaftler und Sportexperte Victor Matheson von der Universität Holy Cross in Massachusetts:

"Das Geld wechselt zunächst im Stadion die Hände. Aber seinen Verdienst gibt der Bierverkäufer anschließend wieder aus. Zum Beispiel in einem Bekleidungsgeschäft. Dessen Inhaber geht wiederum in Restaurants. Da arbeiten Kellner, die von den Einnahmen ihren Lebensunterhalt bestreiten. So kommt man auf eine wirtschaftliche Aktivität, die ungefähr dem Doppelten des ursprünglichen Betrags entspricht. Allerdings: Viel wichtiger ist die symbolische Bedeutung von Sport."

Die Langzeitfolgen sind ungewiss

Die stand in den USA schon häufiger auf dem Prüfstand. Bei Spielerstreiks etwa, oder Aussperrungen im Rahmen von Tarifauseinandersetzungen. Aber, sagt Kulturwissenschaftler John Hoberman von der University of Texas in Austin:

"So etwas haben wir noch nie erlebt. Wir wissen deshalb auch nichts über die Langzeitfolgen. Ob das Interesse der Fans an Sport auf demselben Niveau bestehen bleibt. Ob ihre emotionale Beziehung zu bestimmten Athleten verloren geht. Viele Leute spekulieren darüber, wie demnächst unser soziales Leben sein wird. Und sie prognostizieren mit einiger Gewissheit, dass diese lange Phase des Entzugs für unvorhersehbare Formen der Anpassung sorgen wird."

In Deutschland gibt es Fußball, in den USA viele Sportarten

Was Anpassungsmöglichkeiten angeht, befinden sich die USA allerdings, zumindest theoretisch, in einer günstigen Ausgangslage. Das Interesse an Sport verteilt sich traditionell auf viele Mannschafts- und Einzelsportarten. Hoberman sieht hier einen Unterschied zum Sport in Deutschland:  

"Ich gebe gerade ein Online-Seminar mit dem Titel "Sport und Politik in Deutschland". Eines der zentralen Themen ist die Verflechtung der Promis im Sport mit der Politik. So etwas habe ich noch nie irgendwo anders gesehen. Fußball hat für die deutsche Gesellschaft eine Bedeutung, die noch größer ist als in Argentinien oder Brasilien."   

Die Vorhersagen für den US-Sport sind eher düster

Die Ursache für diese Bedeutung des Fußballs in Deutschland sieht Hoberman in der Zeit des Wiederaufbaus nach der Katastrophe der Nazi-Diktatur:

"Deutschland fehlte nach 1945 ohne Armee die Möglichkeit, militärische Macht zu projizieren. Was blieb, war die weiche Version, Soft Power, in Form einer bedeutenden Sportart. In der kamen dann deutsche Tugenden zur Geltung: Arbeitseifer, Präzision und Kampfgeist."

Dank dieser alles überragenden Bedeutung von Fußball scheint es im Vergleich zu den USA leichter, schon bald zumindest in Deutschland den Profisport als soziales Bindeglied zu reaktivieren und einen Anstrich von Normalität zu schaffen. Während dessen sehen die Vorhersagen für die USA eher düster aus.

Lange Pausen im Wettkampfsport

Beispiel Collegesport, ein riesiger Publikumsmagnet. Der wird im Herbst nicht wie geplant stattfinden können, weil alle Zeichen darauf hindeuten, dass der reguläre Lehrbetrieb weiter nur Online-Kurse anbieten wird. Auch die NFL – deren nächste Saison im September anlaufen soll – wird sich angesichts der restriktiven Haltung vieler Gouverneure überall im Land erstmals über eine Spielpause Gedanken machen müssen. Victor Matheson:

"Das heißt nicht, Sport ist tot. Aber man kann sich kaum vorstellen, dass sich Menschen beim Sport wieder in die Arme fallen, bis wir einen Impfstoff haben oder ein Medikament, das Infizierte heilen kann. Und bis dahin wird Sport auch nicht die Rolle einer Katharsis spielen können, wie das in der Vergangenheit nach Tragödien der Fall war."

Dass die Faszination noch immer besteht, ist allerdings unbestritten: Die NFL-Nachwuchsdraft in der letzten Woche produzierte einen neuen Einschaltquotenrekord.

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