Kommentare und Themen der Woche 12.02.2020

US-Vorwahlen in New HampshireDie Demokraten zerlegen sich selbstVon Thilo Kößler

Beitrag hören Der US-Senator Bernie Sanders während einer Rede in Manchester, New Hampshire. (AFP /  TIMOTHY A. CLARY)Bernie Sanders ist der strahlende Sieger in der Vorwahl der US-Demokraten in New Hampshire (AFP / TIMOTHY A. CLARY)

Nach dem Vorwahlsieg in New Hampshire ist Bernie Sanders der Favorit im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur der US-Demokraten. Davon ist unser Kommentator Thilo Kößler überzeugt. Doch die Partei setze mit Sanders auf das falsche Pferd. Mit ihm als Gegenkandidaten dürfe Donald Trump auf eine zweite Amtszeit hoffen.

Die gute Nachricht zuerst nach dieser Vorwahl der Demokraten in New Hampshire: Nach dem langen Hängen und Würgen der Anfangsphase mit zwei Dutzend vornehmlich chancenlosen Kandidaten gibt es jetzt einen Favoriten. Bernie Sanders hat sich nicht nur bei den Progressiven durchgesetzt und seine Konkurrentin Elizabeth Warren auf die hinteren Plätze verwiesen. Er hat jetzt auch alle Chancen, zum Spitzenkandidaten der Demokraten im Präsidentschaftswahlkampf 2020 zu werden. Der 78-Jährige selbsternannte demokratische Sozialist setzt alles daran, seine Favoritenrolle auszubauen. Und er wird all seine logistischen und finanziellen Ressourcen nutzen, um sein Ziel zu erreichen: gegen Donald Trump anzutreten. 

Bernie Sanders – der falsche Favorit

Und das ist die schlechte Nachricht: Bernie Sanders ist der falsche Kandidat, um Donald Trump den Kampf anzusagen. Eine Vorahnung auf das, was kommen wird, lieferte gestern bereits Fox News, als stundenlang die Bauchbinde über die Bildschirme lief: "Sozialist gewinnt Vorwahl in New Hampshire". Die Rote-Socken-Kampagne gegen Trumps Herausforderer in spe ist bereits in vollem Gange - mit ihm als Spitzenkandidaten wird es Donald Trump ein Leichtes sein, den politischen Gegner als Gefahr für das Land zu diskreditieren und seine Anhänger zu mobilisieren.

Tatsächlich läuft jetzt alles auf Bernie Sanders hinaus, weil sich die Moderaten im demokratischen Lager gegenseitig im Weg stehen und verhindern.

Pete Buttigieg, der junge Newcomer, der sich auf den Weg zum Hoffnungsträger machte, hätte sich in New Hampshire leicht an die Spitze der demokratischen Bewerber setzen können, wenn ihm nicht Amy Klobuchar in die Quere gekommen wäre. Die selbstbewusste Senatorin aus Minnesota hat zwar praktisch null Chancen, das Rennen um die Nominierung zu gewinnen, weil sie weder über ein Team, noch über die Logistik für einen landesweiten Wahlkampf verfügt. Doch sie nutzte die Gunst der Stunde, um sich in New Hampshire als "dark horse", als Überraschungskandidatin, auf Platz drei zu schieben.

Möglich wurde ihr das durch den tiefen Fall Joe Bidens, dessen Umfragewerte wie ein Mehlsack in die Tiefe stürzten. Die mittlerweile aussichtslose Position des gescheiterten Ex-Favoriten war Anlass für viele potentielle Biden-Wähler, das Pferd zu wechseln und Amy Klobuchar die Stimme zu geben. Statt generös-staatsmännisch beiseite zu treten und eine Wahlempfehlung für Buttigieg abzugeben, hält Biden greisenhaft-starrsinnig an seiner Bewerbung fest und sorgt auf diese Weise dafür, das moderate Lager der Demokraten weiter zu schwächen – was allein Bernie Sanders zugutekommt.

Spaltpilz im moderaten Lager

Das wird den Milliardär Michael Bloomberg dazu ermuntern, noch mehr Geld in seinen Wahlkampf zu pumpen. Aber auch das wird dem Spaltpilz im moderaten Lager nur weiter Vorschub leisten. Nur dort kann Bloomberg Stimmen fischen. Im Sanders-Milieu ist für ihn nichts zu holen. Dieses selbstzerstörerische Szenario erinnert an die moderaten Republikaner, die sich im Wahlkampf 2016 so lange stritten, bis es Donald Trump an die Spitze geschafft hatte. 

Mit Bernie Sanders als demokratischem Spitzenkandidaten darf Donald Trump auf eine zweite Amtszeit hoffen. Denn Sanders wird nicht in der Lage sein, das gesamte Wählerspektrum der Demokraten zu mobilisieren, neue Wählerschichten anzusprechen und eine breite Koalition zu formen. Sanders wird überhaupt nicht in die Offensive kommen. Er wird vollauf damit beschäftigt sein, die Attacken Donald Trumps abzuwehren.

Thilo Kößler - Dlf Korrespondent in Washington, USA (Marion Meakam)Thilo Kößler - Dlf Korrespondent in Washington, USA (Marion Meakam)Thilo Kößler begann nach einem Geschichtsstudium seine Rundfunk-Laufbahn 1978 als Reporter im Studio Nürnberg des Bayerischen Rundfunks. 1987 wechselte er als Zeitfunk-Redakteur zum SDR nach Stuttgart und war von 1990 bis 1996 ARD-Hörfunk-Korrespondent für den Nahen Osten am Standort Kairo. Seit 1998 arbeitete er als Redakteur im Deutschlandfunk, zunächst im Zeitfunk, dann als Leiter der Europaredaktion. Ab 2007 war er Leiter der Abteilung "Hintergrund". Seit Juni 2016 ist er USA-Korrespondent von Deutschlandradio mit Sitz in Washington.

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