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StartseiteSport am Wochenende"Das Schweigen ist ohrenbetäubend" 06.11.2016

US-Wahl"Das Schweigen ist ohrenbetäubend"

Die von Donald Trump provozierte Polarisierung im Wahlkampf macht auch vor amerikanischen Sportlern nicht halt. Während namhafte schwarze Athleten ihre politische Zurückhaltung Stück für Stück aufgeben, ducken sich andere lieber weg. Besonders beunruhigend: die fehlende Bereitschaft weiblicher Profigolfer, den Mund aufzumachen. Sie sollen im nächsten Jahr auf einem Platz ihre US Open austragen, der Trump gehört.

Von Jürgen Kalwa

Donald Trump beim Golfspiel in einem Luxuy-Ressort in Aberdeenshire, Schottland, im Juli 2011. Der US-Magnat kandidiert für das US-Präsidentschaftsamt.  (PRESS ASSOCIATION / Danny Lawson)
Donald Trump auf einem schottischen Golfplatz (PRESS ASSOCIATION / Danny Lawson)

Die eindringlichsten Geräusche beim American Football entstehen, wenn Angreifer und Verteidiger aufeinanderprallen: Körper gegen Körper, Plastikpanzer gegen Plastikpanzer, Helm gegen Helm. Sie signalisieren: Das Spiel ist knallhart und gefährlich. Vor mehr als 100 Jahren starben dabei so viele College-Sportler, dass der damalige Präsident Theodore Roosevelt, beileibe kein Weichling, die Autorität seines Amtes in die Waagschale warf. Das Ergebnis: Wichtige Regeländerungen wie den Pass des Quarterbacks nach vorne. Sie retteten die Sportart, noch ehe es eine Profiliga gab.

Deren Spiele sind heute Amerikas größtes Fernsehspektakel, aber der Kandidat der Republikanischen Partei ist gelangweilt: "Football ist weich geworden. Genauso wie unser Land", sagte Donald Trump im Januar. Er verspottet die Sorge vor schweren Gehirnschäden, die zu Invalidität und frühem Tod führen können: "Du bekommst eine kleine Delle am Kopf ab und kannst den Rest der Saison nicht mehr spielen."

Das Alpha-Männchen-Gehabe kommt an. Wenn auch nur in einem Teil der Sportwelt. Berühmte Trainer mit Hang zum Diktatorenhaften – sie lieben Trump. Und Athleten wie Tom Brady, die ihn als Freund betrachten und mit ihm Golf spielen. Doch das kann einen in die Klemme bringen. Wie würde er seinen Kindern erklären, dass Trump nach eigenem Eingeständnis Frauen sexuell belästigt? Statt darauf zu antworten, verließ der Quarterback der New England Patriots einfach mit einem kurzen Gruß die Pressekonferenz.

Golfen für Beziehungspflege

Wegducken ist typisch für den Profisport, wo reiche Athleten gerne so tun, als stünden sie über den Dingen, als seien sie von den Problemen der amerikanischen Gesellschaft weit entfernt. Man nehme das jüngste Beispiel der letzten Wochen: Die Profigolferinnen, die im nächsten Jahr die US Open auf einem Platz austragen sollen, der dem Immobilienunternehmer gehört. Und der wie alles, was er besitzt, seinen Namen trägt: Trump National.

Der 70-Jährige nutzt diese Anlagen unter anderem dazu, seine Beziehungen zu den Mächtigen und Reichen zu pflegen. Er liebe es, in Golf zu investieren, sagte er, als er den Zuschlag für das Turnier im nächsten Jahr erhielt, als nur sehr wenige Details über seine Verhaltensmuster gegenüber Frauen bekannt waren. Seit kurzem besteht daran kein Zweifel mehr: Er betreibt Schönheitswettbewerbe offensichtlich hauptsächlich deshalb, damit er die nackten Kandidatinnen in der Umkleidekabine überraschen kann. Und er prahlt vor anderen Männern mit sexuellen Übergriffen.

"Verfügen wir über gar keine Haltung mehr?"

Was sagten bisher die Spielerinnen und die Golf-Funktionäre? Nichts. Christine Brennan, Kolumnistin der Zeitung USA Today, ist fassungslos. Daran ließ sie in einem Interview mit dem Sparten-Sender "Golf Channel" keinen Zweifel: "Das Schweigen ist ohrenbetäubend. Der Mann hat gesagt, er kann Frauen sexuell attackieren. Warum sollte irgendeine Golferin eine Anlage betreten, an der draußen sein Name steht? Verfügen wir über gar keine Haltung mehr?"

Der Quarterback der San Francisco 49ers, Colin Kaepernick, kniet während der Nationalhymne. (AP / Chris Carlson)Der Quarterback der San Francisco 49ers, Colin Kaepernick, kniet während der Nationalhymne. (AP / Chris Carlson)

Interessanterweise trifft das mit der fehlenden Haltung auf prominente schwarze Sportler, die in der NFL und der NBA die Mehrheit der Aktiven stellen, immer weniger zu. "Geht wählen", lautet der Slogan der Basketballer in einem Promovideo der NBA-Gewerkschaft. Aus dem neutralen Appell lässt sich aber durchaus Sympathie für Hillary Clinton herauslesen. Denn Trumps Weltbild vom schwarzen Amerika ist negativ und herablassend. Und zu seinen Anhängern gehören zehntausende von Polizisten, die mittlerweile dort, wo Minderheiten leben, wie eine Besatzungsarmee auftreten.

"Wählen zwischen zwei Übeln"

Eine Mentalität, gegen die Dwayne Wade, Basketballspieler bei den Chicago Bulls, im Sommer bei einer Preisverleihung des Sportsenders ESPN Stellung bezog. Neben ihm auf der Bühne: LeBron James, Carmelo Anthony und Chris Paul, die ebenfalls das Wort ergriffen. "Die pauschalen Verdächtigungen müssen aufhören. Das gezielte Töten muss aufhören. Dass dunkelhäutige Menschen als wertlos betrachtet werden, muss aufhören."

Der derzeit am stärksten beachtete Sportler ist Colin Kaepernick, Quarterback der San Francisco 49ers, bekannt wegen seines Protests gegen die Flaggen- und Hymnenzeremonie vor Spielen. Er sieht das ähnlich, aber er vermag keinen Unterschied zwischen den beiden Kandidaten – Hillary Clinton und Donald Trump – zu erkennen. "Beide sind erwiesenermaßen Lügner und wollen demonstrieren, dass sie weniger rassistisch sind als der andere. Wählen kann man hier nur zwischen zwei Übeln. Aber es bleibt ein Übel."

Was Basketballer LeBron James offensichtlich anders sieht. Er tritt in ein paar Stunden in Cleveland mit Hillary Clinton bei einer Wahlkampfveranstaltung auf. Warum? "Wir brauchen einen Präsidenten, der das Leben in unseren Gemeinden versteht", sagte er neulich. "Und der auf das aufbaut, was Präsident Obama geschaffen hat."

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