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StartseiteKalenderblatt90 Jahre Bürgerrechte für Indianer02.06.2014

USA90 Jahre Bürgerrechte für Indianer

Am 2. Juni 1924 unterzeichnete Präsident Calvin Coolidge ein Gesetz, das allen Indianern die US-Staatsbürgerschaft gab, zusätzlich zur Stammeszugehörigkeit. Das markierte einen Wendepunkt im Umgang mit den Ureinwohnern: Lange war es Ziel der US-Regierung, die Kulturen der vermeintlich Wilden systematisch zu zerstören.

Von Ulrike Rückert

Matthew Black Eagle Man, Mitglied der Dakota Sioux Nation, wartet in Washington, DC, auf die Stammesführer der Cowboy and Indian Alliance, um gemeinsam mit einem Ritt zu Pferde gegen die Keystone XL Pipeline zu deomonstrieren. Im Hintergrund ist die Kuppel des Capitols zu sehen. (picture alliance / dpa / Jim Lo Scalzo)
Bis heute sind Stammesmitglieder zugleich Bürger der USA und ihrer indianischen Nation. (picture alliance / dpa / Jim Lo Scalzo)

"Der Senat und das Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten von Amerika haben beschlossen, dass alle Indianer, die in den territorialen Grenzen der Vereinigten Staaten geboren sind und nicht Staatsbürger sind, hiermit zu Staatsbürgern der Vereinigten Staaten erklärt werden."

Mit der Unterschrift von Präsident Calvin Coolidge trat der "Indian Citizenship Act" am 2. Juni 1924 in Kraft.

"Gerechtigkeit für die Indianer. Was sich als epochales Ereignis in der amerikanischen Geschichte, kaum geringer als die Befreiung der Sklaven, erweisen könnte, geschah fast unbeachtet in Washington. Dieses Gesetz beseitigt ein Unrecht, das zum nationalen Skandal geworden war",

schrieb die "Los Angeles Times". Die meisten Amerikaner nahmen es allerdings kaum zur Kenntnis. In den USA gab es nur noch etwa 300.000 Indianer, nicht mehr als ein viertel Prozent der Gesamtbevölkerung, und die meisten waren bereits US-Staatsbürger. Die übrigen galten bis 1924 als Ausländer, denn die USA behandelten die indianischen Stämme als souveräne Nationen.

"Insgesamt ist der Status der indianischen Gruppen immer schwierig gewesen und eigentlich, finde ich, trifft es immer noch am besten eine Gerichtsentscheidung von 1831, dass sie eine "domestic dependent nation" sind. Also einerseits "domestic", innerhalb der USA und daher auch abhängig von den USA. Aber andererseits eben doch eine Nation. Also dieser Zwitter-Status, einerseits abhängig, aber andererseits doch souverän, und daran hat sich bis heute nichts geändert, und das ist nach wie vor in den Gerichtsentscheidungen sehr kompliziert und wird mal in die eine Richtung entschieden und mal in die andere",

erklärt die Historikerin Heike Bungert. Es verkomplizierte die Situation noch mehr, dass die Indianer gleichzeitig als Mündel der US-Regierung galten, weil sie sich als unzivilisierte Wilde nicht selbst regieren könnten. Nachdem die Weißen sie in Reservate gepfercht hatten, war es Ende des 19. Jahrhunderts Ziel der Regierung, ihre Kulturen systematisch zu zerstören:

"Soll er ein armseliger Wilder bleiben, ein Hindernis auf dem Weg der Zivilisation, eine wachsende Bürde für das Volk? Oder soll er zu einem zivilisierten Steuerzahler werden?"

Traditionen der Völker verhindern Schulterschluss

Mit rigiden Maßnahmen sollten sie in amerikanische Bürger verwandelt werden und dafür ihre Stammeszugehörigkeit aufgeben. Nur für einige Nationen gab es Ausnahmen. Zu einem gemeinsamen Kampf für ihre Rechte fanden die indianischen Völker nicht zusammen. Zu unterschiedlich waren ihre Traditionen, ihre Vertragsrechte gegenüber den USA und der Grad ihrer Anpassung an die weiße Gesellschaft.

Weiße Indianerrechtsaktivisten und assimilierte Indianer feierten es 1924 als großen Fortschritt, "dass mit diesem Staatsbürgerschaftsgesetz eine Art doppelte Staatsbürgerschaft erlaubt wurde, dass man in der indianischen Gruppe weiterhin Mitglied sein konnte. Was wichtig war, weil die meisten indianischen Gruppen Gemeinschaftsbesitz haben, und nur dann, wenn man dort Mitglied ist, kann man eben auch von diesem Gemeinschaftsbesitz profitieren."

Einige Stämme betrachteten dagegen die ungebetene Einbürgerung als neuen Angriff auf ihre Souveränität, erklärt Heike Bungert:

"Einige waren aber natürlich auch nicht so begeistert, weil man der US-Regierung allgemein nach der ganzen langen Geschichte misstraut hat. Es hatten doch einige Angst, dass sie die Rechte innerhalb ihrer Stammesgruppe oder Nation verlieren würden, und dass sie ihre Identität verlieren würden, wenn sie jetzt eben Bürger der USA seien."

Als Staatsbürger waren die Indianer noch keineswegs gleichberechtigt. Einige Bundesstaaten verweigerten ihnen noch jahrzehntelang das Wahlrecht. Bis heute sind Stammesmitglieder Bürger der USA und ihrer indianischen Nation, die in einem diffizilen Verhältnis zueinander stehen. Aber die "doppelte" Staatsbürgerschaft ist für die meisten eine Selbstverständlichkeit – insofern war das Staatsbürgerschaftsgesetz von 1924 tatsächlich ein epochales Ereignis.

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