Freitag, 27. Mai 2022

Weitere Militärhilfen für Kiew
Den USA geht es um einen Sieg der Ukraine

US-Außenminister Antony Blinken und Verteidigungsminister Lloyd Austin haben der Ukraine bei ihrem Besuch weitere Militärhilfen zugesagt. Die starke Aktion der USA sollte den Europäern ein Vorbild sein, kommentiert Gesine Dornblüth. Denn Putin lasse sich nur von Stärke und Entschlossenheit beeindrucken.

Ein Kommentar von Gesinde Dornblüth | 25.04.2022

Mehr als Symbolik: US-Außenminister Antony Blinken und Verteidigungsminister Lloyd Austin mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj
US-Außenminister Antony Blinken und Verteidigungsminister Lloyd Austin mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj (Imago /ZUMA Wire)
Man muss nur das Foto anschauen, um die Kraft zu verstehen, die von dem Besuch des US-Verteidigungs- und des US-Außenministers in Kiew ausgeht. Wolodymyr Selenskyi, wie gewohnt hemdsärmlig in militärischem Olivgrün, wird eingerahmt von dem Koloss von Mann, Lloyd Austin, und dem Statesman Anthony Blinken. Doch es geht um mehr als Symbolik. Die Amerikaner brachten mit, was die Ukraine schnell und am dringendsten benötigt: Militärhilfe in Höhe von mehreren hundert Millionen US-Dollar. Auch wenn im Detail nicht bekannt wurde, welche Waffen geliefert werden – man kann davon ausgehen, dass es um schwere Waffen geht:

Um Artilleriegeschütze zum Beispiel, Hubschrauber, gepanzerte Fahrzeuge, Panzer, Radarabwehrsysteme und tödliche Drohnen. Damit, sagen die Ukrainer, könnten sie nicht nur ihr Land verteidigen, sondern die Russen sogar vertreiben. US-Verteidigungsminister Austin formulierte es ähnlich: Mit der richtigen Ausrüstung und Unterstützung könnten die Ukrainer gewinnen. Genau darum geht es den USA: Um einen Sieg der Ukraine.

Klare Worte, die man von deutschen Politikern vermisst

Das sind Worte, die man von vielen deutschen Politikern in dieser Klarheit vermisst: Bundeskanzler Olaf Scholz sagt zwar, Russland dürfe den Krieg nicht gewinnen. Aber das ist nicht das gleiche wie: Die Ukraine muss gewinnen.

Anders aber ist die Ukraine nicht zu retten und Demokratie und Freiheit in Europa sind es auch nicht. Denn wenn er es irgend kann, wird Wladimir Putin über die Ukraine hinaus weitergehen. Das hat er angekündigt.

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Die starke Aktion der USA sollte den Europäern ein Vorbild sein. Olaf Scholz könnte jetzt Selenskyis Einladung nach Kiew folgen, vielleicht gemeinsam mit dem frisch im Amt bestätigten französischen Präsidenten Emmanuel Macron. Beide haben lange eine Russlandpolitik verfolgt, die Russland Sonderrechte einräumte. Ein Besuch in Butscha könnte sie dazu bringen, die traurige Realität anzuerkennen und endlich die Konsequenzen zu ziehen: Putin führt einen Vernichtungskrieg, der nur mit Waffen, nicht aber mit Verhandlungen zu stoppen ist.

Putin lässt sich nur durch Stärke beeindrucken

Das Argument des Bundeskanzlers, deutsche Waffenlieferungen könnten einen dritten Weltkrieg auslösen, erscheint angesichts der amerikanischen Waffenhilfe geradezu absurd.

Die USA haben bereits Militärhilfe in Höhe von mehr als drei Milliarden US-Dollar bereitgestellt, die letzten 800 Millionen in der vergangenen Woche. Und Russland? Hat eine Protestnote überreicht. Austin und Blinken legten einfach noch einen drauf.

Wladimir Putin lässt sich nur von Stärke und Entschlossenheit beeindrucken. Natürlich besteht die Gefahr, dass Putin einen Atomschlag anordnet. Auch US-amerikanische Militärexperten schließen das nicht völlig aus. Angst davor ist verständlich. Sie darf aber nicht zu Lähmung führen. Man muss trotz Angst die richtigen Konsequenzen ziehen. Die USA machen das gerade eindrucksvoll vor. Und das ist gut so.
Dr. Gesine Dornblüth

Gesine Dornblüth

Frühere Moskau-Korrespondentin
Gesine Dornblüth wurde 1969 in Niedersachsen geboren. Sie studierte Slawistik und promovierte über russische Lyrik. In den 90er-Jahren gründete sie mit ihrem Partner das Büro "texte und toene" in Berlin und produzierte fünfzehn Jahre Alltagsreportagen, Langzeitdokumentationen, politische Analysen aus Russland, der Ukraine, dem Südkaukasus und vom Balkan. Von 2012 bis 2017 war sie Korrespondentin von Deutschlandradio in Moskau.