Montag, 16.12.2019
 
Seit 09:35 Uhr Tag für Tag
StartseiteInterview"USA haben große Zugeständnisse gemacht"04.05.2007

"USA haben große Zugeständnisse gemacht"

Klimaforscher mit Ergebnissen von Bangkok zufrieden

Nach Einschätzung des Klimaforschers Ottmar Edenhofer ist der Widerstand der USA gegen grundlegende Maßnahmen zum Klimaschutz gebrochen. Zwar sei es nach wie vor fraglich, ob sich die Vereinigten Staaten je am so genannten Kyoto-Prozess beteiligten. Aber dass sie "eine produktive Rolle im globalen Klimaschutz spielen werden", daran habe er nach der UN-Konferenz in Bangkok keine Zweifel mehr, sagte Edenhofer, Cefökonom am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.

Moderation: Bettina Klein

Der Glacier-Bay-Nationalpark im Süden von Alaska. (Stock.XCHNG / Eric Storm)
Der Glacier-Bay-Nationalpark im Süden von Alaska. (Stock.XCHNG / Eric Storm)
Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Beim Klimaschutz tickt die Uhr

Bettina Klein: Ottmar Edenhofer ist Chefökonom am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, und er hat an dem Bericht mitgeschrieben, dem Bericht des Klimarates, des Intergovernmental Panel on Climate Change, kurz IPCC. Wir haben den Wissenschaftler kurz vor der Sendung noch in Bangkok erreicht, und ich habe ihn zunächst gefragt, wie schwierig es nach seiner persönlichen Erfahrung war, diesen Kompromiss zu finden.

Ottmar Edenhofer: Der Bericht war gar nicht so einfach zu Stande zu bringen, und im Vorfeld der Verhandlungen hat man eigentlich befürchten müssen, dass es eher schrecklich wird, vor allem wenn man die Erfahrungen aus Brüssel mitgenommen hat bei dem Bericht der zweiten Arbeitsgruppe. Es ist aber dann ganz anders geworden. Sowohl die USA als auch China haben eine enorm konstruktive Rolle gespielt, und man kann wirklich sagen es waren sehr harte Verhandlungen, aber unglaublich konstruktiv, sehr an der Sache orientiert und am Ende, glaube ich, haben wir einen Bericht zu Stande gebracht, der recht gut geworden ist.

Klein: Worin hat sich die konstruktive Rolle Chinas und der USA ausgedrückt, denn China gilt ja weiterhin eigentlich als Bremser?

Edenhofer: Zunächst einmal ist das Allerwichtigste gewesen, dass China den gesamten Prozess unglaublich ernst nimmt. Das heißt mit anderen Worten, China weiß, das Thema Klimawandel und Klimaschutz steht auf der globalen politischen Tagesordnung und wird da nicht mehr verschwinden. Das, denke ich, ist schon mal ein erstes großes Anerkenntnis der Tatsache, dass China sich auch im Bereich der Klima- und Energiepolitik neu positionieren muss.

Die USA haben durchaus große Zugeständnisse gemacht. Ich glaube, es ist herausragend zu erwähnen, dass es in der Zwischenzeit in der Weltgemeinschaft einen Konsens gibt, dass der Klimaschutz notwendig ist und dass er finanzierbar ist. Das ist ein völlig neuer Tatbestand, dass das jetzt international als ein Konsens gilt.

Es gab ein sehr intensives Ringen um die Frage, mit welchen technischen Optionen Klimaschutz betrieben werden soll. Da stand ganz klar im Vordergrund die Frage, welche Rolle sollen die erneuerbaren Energien haben, welche Rolle die Energieeffizienz, welche Rolle die Abscheidung von Kohlenstoff an Gas- und Kohlekraftwerken und die Lagerung im Untergrund. Und natürlich auch die Kernenergie spielte eine bedeutende Rolle, die Diskussion darum. Es ist eben auch erstaunlich, dass hier der IPCC durchaus eine Gewichtung vorgenommen hat. Er hat nämlich gesagt, das ökonomische Potenzial der erneuerbaren Energieträger sei bis zum Jahre 2030 bei 30 bis 35 Prozent am globalen Strommix. Jeder, der Fachmann im Bereich der Energiewirtschaft ist, weiß, was das für ein ungeheuer ambitioniertes Ziel ist, aber immerhin auch das haben die USA anerkannt. Das ist ein großes ökonomisches Potenzial bei den erneuerbaren. Das gleiche gilt für die Energieeffizienz.

Streitpunkt war die Kernenergie, aber auch hier hat der IPCC eigentlich eine ganz gute Position gefunden. Er sagt nämlich: Heute haben wir 16 Prozent Anteil der Kernenergie an der globalen Stromproduktion. In den nächsten 30 Jahren könnte sich dieser Anteil bis zu 18 Prozent erhöhen. Aber das ist dann das Maximum des ökonomischen Potenzials, wenn wir davon ausgehen, dass es zum CO2-Preis von 50 Dollar pro Tonne CO2 käme.

Klein: Herr Edenhofer, Sie haben uns eine Reihe von Punkten genannt. Lassen Sie uns auf die einzelnen noch mal detaillierter eingehen. China hat sich ja in diesem Prozess insoweit profiliert, als es ja doch weiterhin auf Kohle als billigstem Energieträger setzt und andernfalls um Rückschritte beim Wirtschaftswachstum fürchtet. Worin genau haben denn die Zugeständnisse der Chinesen bestanden?

Edenhofer: Zunächst einmal haben Sie vollkommen Recht. Es geht hier um die Kohlenutzung, aber auch klar ist, dass China mit unterschreibt, dass CO2 einen Preis bekommen muss, damit es zu einem effektiven Klimaschutz kommt. Das heißt natürlich, dass auch China damit anerkennt, dass es in der Zukunft Investitionen in CO2-freie oder CO2-arme Kohlekraftwerke geben muss. Das ist ein großes Zugeständnis gewesen, aber das wichtigste Zugeständnis meines Erachtens war, dass sie anerkennen, Klimaschutz ist notwendig und er ist für die globale Weltgemeinschaft finanzierbar.

Klein: Andere Frage: USA und Australien, beides ja Staaten, die nicht bereit sind, zum Beispiel dem Kyoto-Protokoll beizutreten. Es gab jetzt auch beim USA/EU-Gipfel gewisse allgemeinere Fortschritte, dass man sozusagen den Vereinigten Staaten auch abgerungen hat das Zugeständnis, wir müssen uns um den Klimaschutz kümmern, und es hat sicherlich dort auch ein Bewusstseinswandel stattgefunden. Aber worin genau besteht die Bereitschaft zu Kompromissen jetzt in dieser Frage bei diesem Bericht, den Sie heute vorgestellt haben?

Edenhofer: Zunächst einmal ging es in diesem Bericht nicht um die Frage, ob die Vereinigten Staaten sich an einem Kyoto-Plus-Abkommen beteiligen werden oder nicht, sondern es ging ja nur um die Frage, welche der wissenschaftlichen Fakten werden denn jetzt zweifelsfrei von den Regierungen anerkannt. Das war ja mal das erste. Das heißt, wir sind hier noch auf der Basis, was gilt denn jetzt als Faktum in der internationalen Staatengemeinschaft? Das war der Gegenstand der Verhandlungen. Aber hier haben auch die USA anerkannt, dass CO2 einen Preis braucht und dass es nicht länger angehen kann, dass wir die Atmosphäre kostenlos nutzen.

Davon unabhängig ist die Frage, ob die Vereinigten Staaten je einem Kyoto-Protokoll beitreten werden. Aber hier verweise ich auf die Diskussionen in den USA selber. In Kalifornien gibt es relativ ehrgeizige Emissionsreduktionsprogramme. Es gibt dort Diskussionen, wie man sich zum Beispiel an dem europäischen Emissionshandel beteiligen könnte. Das Gleiche gilt für die Neuengland-Staaten. Ich glaube man, darf sich hier nicht nur auf die Frage konzentrieren, ob die Vereinigten Staaten je einem Kyoto-Prozess beitreten werden. Da bin ich auch nach wie vor skeptisch, dass das je passieren wird, dass aber die Vereinigten Staaten eine produktive Rolle im globalen Klimaschutz spielen werden und spielen können, daran habe ich eigentlich nach Bangkok keine Zweifel mehr.

Klein: Schauen wir nach Deutschland, Herr Edenhofer. Der deutschen Seite war nach dem, was man gehört hat, es wohl nicht so recht, dass in dem Papier ausdrücklich betont werden sollte, dass Atomenergie kaum einen Treibhauseffekt verursacht. Mehr Kernenergie zumindest für eine Übergangszeit, das meinen Experten hierzulande auch, die nicht unbedingt als Atomkraftfreunde gelten. Wie relevant ist diese Frage aus Ihrer Sicht?

Edenhofer: Die Frage ist schon relevant. Nur muss man hier wieder klar unterscheiden die Debatte, die wir in Deutschland führen. Da geht es um die Frage der Verlängerung der Laufzeiten von bestehenden Kernkraftwerken. Das ist aus meiner Sicht die Frage, ob es hier eine Brückentechnologie sein soll in eine andere Energiezukunft. Das ist aus meiner Sicht die nationale Debatte.

International ist es um die Frage gegangen, welchen Beitrag soll die Kernenergie eigentlich leisten? Da hat der IPCC ganz klar gesagt: Die Kernenergie kann einen Beitrag leisten, aber sie kann auf keinen Fall den Hauptbeitrag leisten. Der IPCC sieht als die Obergrenze 18 Prozent an der globalen Stromproduktion im Vergleich zu heute 16 Prozent. Das heißt also, absolut gesehen werden dann neue Kraftwerke ans Netz gehen, aber man sieht eigentlich ziemlich deutlich, dass die anderen Optionen wesentlich wichtiger sind. Gegen diese Formulierung hat es in der deutschen Delegation keinen Widerstand gegeben.

Klein: Ottmar Edenhofer, Chefökonom am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und Mitautor des dritten Teils des Weltklimaberichtes, der heute in Bangkok vorgestellt wurde.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk