Dienstag, 02.06.2020
 
Seit 20:10 Uhr Hörspiel
StartseiteWirtschaft am Mittag"Das ist Gift für jegliche wirtschaftliche Entwicklung"08.01.2020

USA-Iran-Konflikt"Das ist Gift für jegliche wirtschaftliche Entwicklung"

Etwa zwei Dutzend deutsche Firmen seien aktuell im Iran vertreten, sagte Dagmar von Bohnstein von der deutsch-iranischen Handelskammer im Dlf. Sie bräuchten dringend die Perspektive, dass es im Land zu einer politischen Stabilisierung kommt. Dann gebe es Hoffnung für einen wirtschaftlichen Austausch.

Dagmar von Bohnstein im Gespräch mit Silke Hahne

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Ein Mann geht am 02.11.2017 in Teheran im Iran an einem Banner mit der Aufschrift "First German Business Center Opens its Doors in Tehran" vorbei.  (dpa / Farshid Motahari)
Die Wirtschaft im Iran ist in einem desolaten Zustand, sage Dagmar von Bohnstein (dpa / Farshid Motahari)
Mehr zum Thema

Angriff auf US-Stützpunkte im Irak "Der Iran möchte sich nicht mit den USA anlegen"

Der Iran-Irak-USA-Konflikt Darum geht es in der Eskalation am Persischen Golf

Konflikt im Mittleren Osten Europäer brauchen eine neue Iran-Strategie

Trauerkundgebungen in Iran Bilder wie nach dem Tod Khomeinis

Silke Hahne: Die Lage im Nahen Osten spitzt sich weiter zu. Über die Folgen für den Iran konnte ich kurz vor der Sendung mit Dagmar von Bohnstein sprechen, die in Teheran die Geschäfte der Außenhandelskammer führt. Und ich habe sie als erstes gefragt: Ist diese Eskalation nach dem Ausstieg der USA aus dem Atomabkommen und nach US-Sanktionen jetzt der endgültige Sargnagel für die wirtschaftliche Erholung im Iran?

Dagmar von Bohnstein: Na ja, gut. Der endgültige Sargnagel für die wirtschaftliche Erholung im Iran ist ein großes Wort, muss ich sagen. Die US-Sanktionen haben natürlich den Iran extrem getroffen. Die Wirtschaft ist in einem desolaten Zustand. Aber eben nicht nur wegen der US-Sanktionen selbst, sondern auch wegen den wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen im Land.

Proteste am 5. Januar 2020 vor dem US-Konsulat in Istanbul, Türkei. Demonstranten zeigen Poster mit US-Präsident Donald Trump und dem getöteten iranischen General Soleimani. (AFP / Yasin Akgul) (AFP / Yasin Akgul)Darum geht es in der Eskalation am Persischen Golf
Als Vergeltungsangriff gegen die USA hat der Iran zwei US-Militärbasen im Irak Raketen angegriffen. Dies schürt die Furcht vor einer weiteren Eskalation. Doch wie kam es eigentlich dazu? Ein Überblick.

Hahne: Glauben Sie dennoch, dass diese Zuspitzung jetzt trotzdem etwas an der Lage ändern wird?

von Bohnstein: Na ja, natürlich. Ich meine, Wirtschaft braucht immer Stabilität. Das war ja auch der große Vorteil des Atomabkommens. Im Moment ist die Lage natürlich alles andere als stabil. Sie wissen jetzt ja nicht, was in einer Stunde passieren wird. Insofern ist das natürlich wirklich Gift für jegliche wirtschaftliche Entwicklung.

"Alle Seiten müssen jetzt wirklich extrem besonnen agieren"

Hahne: Rechnen Sie denn auch mit neuen Sanktionen, gegebenenfalls nicht nur der USA, sondern auch der traditionellen Bündnispartner der USA?

von Bohnstein: Es ist die Frage, wie Iran jetzt reagiert. Iran hat ja in fünf Stufen seine Verpflichtungen aus dem Atomabkommen zurückgenommen. Am 5. Januar ist ja die letzte Ausstiegsstufe verkündet worden. Aber immer mit diesem Nebensatz, Iran würde jederzeit ins Abkommen zurückkehren, wenn sich die USA von den Sanktionen verabschieden.

Wir haben natürlich die Gefahr, die ist virulent, dass Iran das Abkommen endgültig kündigt – hat es aber mit letzter Konsequenz noch nicht gemacht. Das ist jetzt die große Hoffnung, die wir haben, dass Iran so besonnen reagiert, dass es weiterhin die Zusammenarbeit mit der Atomenergiebehörde in Wien aufrecht erhält. So hat es die Staatsführung hier ja auch verkündet. Das ist der erste Schritt.

Der zweite Schritt wäre natürlich: Wir brauchen jetzt dringend einen Erfolg von Instex, dem neuen Zahlungskanal, der den Iranern dann auch zeigt, die Europäer stehen nach wie vor zu ihrem Versprechen und zu ihrer Ankündigung. Wir müssen jetzt wirklich, alle Seiten und auf allen Ebenen, extrem besonnen agieren, um das Erreichte so gut es geht noch zu bewahren.

Hahne: Würden Sie denn den Angriff als besonnene Reaktion beschreiben? Das ist ja jetzt heute Nacht nun mal passiert und das sieht ja erst mal nach Rache aus.

von Bohnstein: Natürlich. Ich würde jetzt sagen, es ist Schlag und Gegenschlag. Wenn es damit ein Bewenden hat, wenn das nun wieder Gleichstand ist zwischen den beiden Seiten und man jetzt auch anfangen könnte, auf diesem Gleichstand die Zukunft vorzubereiten, durch Vermittlung von Dritten oder durch wie auch immer geartete Gespräche, dann könnte ich sagen, hätten wir auch eine Zukunft und hätte die Wirtschaft eine Zukunft. Wir brauchen die Stabilität, wir brauchen eine Perspektive, dass es zu einer Deeskalierung kommt. Dann sehe ich auch eine Hoffnung für weiteren wirtschaftlichen Austausch.

Das Bild zeigt eine iranische Fateh-110 Boden-Boden-Rakete (picture-alliance / dpa / Iranian Defense Ministry / Vahid Reza Alaei) (picture-alliance / dpa / Iranian Defense Ministry / Vahid Reza Alaei)Angriff auf US-Stützpunkte im Irak - "Der Iran möchte sich nicht mit den USA anlegen"
Trotz des Angriffs auf zwei US-Militärbasen im Irak sei der Iran nicht an einer weiteren Eskalation der Lage interessiert, sagte der Politologe Peter Rough im Dlf. 

Hahne: Das wäre dann jetzt aber wirklich das sehr optimistische Szenario, oder?

von Bohnstein: Ich glaube, beide Seiten haben ja oft genug beteuert, dass sie kein Interesse an einem Krieg haben. Und ganz rational überlegt kann auch keiner ein Interesse daran haben, weil es dabei nur Verlierer geben kann. Die Gefahr, die im Moment ja besteht, ist, dass es nicht aus rationalen Überlegungen zu einer größeren Eskalation kommt, sondern mehr oder weniger, weil die Seiten sich gegenseitig aufschaukeln.

Hahne: Schauen wir noch auf den deutsch-iranischen Handel. Der ist ja schon im vergangenen Jahr massiv eingebrochen. Rechnen Sie denn jetzt vorläufig damit, dass weitere Firmen sich zurückziehen? Es sind ja eh überwiegend Mittelständler, wenn ich das richtig verstanden habe, die überhaupt noch da sind.

von Bohnstein: Das ist nicht so ganz richtig. Es gibt gerade im Chemiebereich auch einige große, die hier zum Teil produzieren, zum Teil aber auch Handel treiben, im Pharmabereich, im Chemiebereich. Es gibt natürlich auch viele Mittelständler im Bereich der erneuerbaren Energien, aber auch im Bereich des Maschinenbaus, die nach wie vor in diesem Markt aktiv sind. Das Volumen hat sich ja reduziert von Januar bis Oktober im letzten Jahr auf 1,3 oder 1,4 Milliarden Euro. Das ist ja schon eine Halbierung im Vergleich zum Vorjahr. Sehr viel weniger, denke ich, kann es und wird es nicht werden. Aber es ist natürlich wirklich die Frage, inwieweit wir eine politische Stabilisierung bekommen, um diesen Stand zu halten und dann auch wieder von diesem Stand aus weiter aufzubauen.

"Investition zum Beispiel im Bereich erneuerbare Energie gibt es durchaus"

Hahne: Wie viele deutsche Firmen sind denn jetzt quantitativ noch im Iran?

von Bohnstein: Es ist ja so, dass die Firmen, die hier aktiv sind, keine große Werbung dafür machen. Das heißt, es kann immer nur Schätzungen geben, und ich würde mal von zwei Dutzend ausgehen, die hier noch wirklich vor Ort mit einer Repräsentanz oder bestenfalls mit einer Produktion oder mit einer Investition vor Ort sind. Investition zum Beispiel im Bereich erneuerbare Energie gibt es ja durchaus. Und auch Pläne, zumindest bis Ende letzten Jahres, für weitere Investitionen.

Hahne: Stehen Sie denn mit einigen von diesen Firmen auch in Kontakt? Gibt es da schon Reaktionen auf die jüngsten Ereignisse?

von Bohnstein: Im Moment gibt es noch keine Reaktionen. Wir haben für nächste Woche Mittwoch einen Round Table einberufen mit den verbliebenen Vertretern deutscher Firmen hier vor Ort, um uns dann auszutauschen, denn jetzt so kurz nach den Ereignissen ist es einfach zu früh. Manche Vertreter der Firmen sind noch gar nicht aus dem Weihnachtsurlaub wieder zurück. In jedem Fall brauchen wir jetzt, ich sage mal, eine Woche Zeit, mindestens, damit jeder für sich in den Firmen analysieren kann, was denn die Auswirkungen sind. Wir müssen auch gucken, wie die politische Entwicklung weitergeht. Das ist ja, wie ich schon sagte, von Stunde zu Stunde eigentlich nicht vorhersehbar. Ich würde sagen, man muss das nächste Vierteljahr abwarten, um zu sehen, wie dann auch die wirtschaftliche Entwicklung sich gestaltet.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk