Dienstag, 23.04.2019
 
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USA-Nordkorea-Gipfel Zu groß gedacht

Die Erwartungen an den Gipfel in Hanoi seien hoch gewesen und von beiden Seiten angestachelt worden, kommentiert Lena Bodewein. Vielleicht hätten sich Trump und Kim auf das Kernziel - atomare Abrüstung - vorbereiten sollen und weniger auf einen Friedensschluss.

Von Lena Bodewein

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US-Präsident Donald Trump und Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un schütteln sich die Hand (AFP /  SAUL LOEB )
Jetzt müssten beide Seiten sich das zerrupfte Gefieder ordnen, kommentiert Lena Bodewein (AFP / SAUL LOEB )
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Ein Satz mit x: Das war wohl nix. Kein Friedensschluss, kein Friedensvertrag und bestimmt auch kein Friedensnobelpreis für Donald Trump, kein bisschen Frieden also nach dem Gipfelabsturz von Hanoi. Denn so wirkte es: Wie ein Absturz. Die Erwartungen waren so hoch gewesen, von beiden Seiten angestachelt. Es sollte Großartiges vollbracht werden – um es mit Trump‘schen Worten zu sagen: Es sollte noch großartiger sein als der erste Gipfel.

Da brauchte er so dringend einen Erfolg, denn zeitgleich mit dem Gipfel geriet seine Welt in Washington ins Wanken: Lügner, Betrüger und Rassist, das sagt sein ehemaliger Anwalt Michael Cohen bei seiner Befragung im Kongress über ihn. Dann legt womöglich in der kommenden Woche schon der Sonderermittler Robert Mueller seinen Bericht vor – noch mehr Ärger für Trump, alles Dinge, die er liebend gerne überdeckt hätte. Überdeckt mit einem "großartigen" Abschlussdokument von Hanoi, einer gemeinsamen Erklärung über den Frieden auf der koreanischen Halbinsel. Das wäre wirklich spektakulär gewesen: Die beiden Koreas befinden sich auch nach dem Ende der Kampfhandlungen 1953 völkerrechtlich gesehen noch im Kriegszustand. Und das zu einem Friedensschluss zu bringen zwischen Nordkorea und den USA, und später vielleicht zu einem echten Friedensvertrag zwischen Nord- und Südkorea, China und den USA, da hätte groß "Friede von Hanoi" draufgestanden und beide Seiten hätten mit stolzgeschwellter Brust nach Hause gehen können.

Jetzt müssen andere einspringen

Ein bisschen zu groß gedacht. Vielleicht hätten sie sich auf das Kernziel vorbereiten sollen und weniger auf einen Friedensschluss – atomare Abrüstung war das, was in Singapur vereinbart wurde, und dafür brauchte es ganz konkrete Vereinbarungen über ganz konkrete Schritte zur Denuklearisierung. Klingt natürlich sehr nüchtern und weniger toll als "Friede von Hanoi".

Jetzt müssen andere einspringen: Südkoreas Präsident Moon Jae In will sich wieder mehr und stärker einbringen; Trump soll ihn noch vor seiner Abreise aus Hanoi gebeten haben, mit Nordkorea zu verhandeln.

Aber mal ehrlich: Das klingt doch nach verwirrter Teenager-Romanze – "Ich weiß nicht, was ich falsch gemacht habe, sprich du doch mal mit ihr bzw. ihm". Wenn es nicht so brandgefährlich wäre, hätte es auch schon wieder etwas Komisches. Diese ganze unwahrscheinliche Liebesgeschichte – zwei Alphamänner von ganz verschiedenen Seiten sehen, dass sie etwas gemeinsam haben: Sie mögen die große Show und verstehen etwas von ihrer Inszenierung. Also kommen sie unter den Augen und Kameralinsen der Weltöffentlichkeit zu einer ersten – historischen – Annäherung zusammen. Ein Handschlag in Singapur.

Und so haben sie sich – anscheinend überstürzt – zu einem zweiten Treffen verabredet.

"Willst du mit mir gehen", so stand es früher auf den Zettelchen, die man seinem Schwarm mit schwitzigen Händen reichte, "kreuze an: Ja, nein, vielleicht." Im Moment ist das Kreuzchen also bei "Vielleicht".

Beide Seiten müssen sich das zerrupfte Gefieder ordnen

Da hat es auch nicht viel geholfen, dass die USA den Grund für den Gipfelabbruch anders darstellen als Nordkorea: Kim habe die vollständige Aufhebung aller Sanktionen gefordert und das habe er, Trump, nicht machen können. Manchmal müsse man eben gehen, und das habe er getan. Und das muss Nordkorea, wo Pressekonferenzen eine Seltenheit sind, derartig gewurmt haben, dass Kim Jong Un seinen Außenminister um Mitternacht vor die Presse schickte, damit der seine Version vortrug – von wegen Aufhebung aller Sanktionen, nicht einmal die Hälfte wollten sie aufgehoben haben, und dafür hätten sie größtmögliche Abrüstung geliefert. Also die Zerstörung einer Wiederaufbereitungsanlage unter den Augen von US-Experten. Mehr könne und wolle man auch nicht bieten.

Was nun? Jetzt steht das Kreuzchen bei vielleicht. Jetzt müssen beide Seiten sich das zerrupfte Gefieder ordnen. Die Sanktionen bleiben bestehen, Nordkorea will aber weiterhin keine Atomtests durchführen. Und nach einer Pause will man grundsätzlich weiterreden. Bis das Kreuzchen woanders steht.

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