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StartseiteInformationen am MorgenSechs Milliarden gegen die Opioid-Krise01.07.2019

USASechs Milliarden gegen die Opioid-Krise

In keinem anderen Land werden Opioide so häufig verschrieben wie in den USA. Schmerzfrei sein - koste es, was es wolle - ist bei vielen Patienten die Devise. Doch mittlerweile sterben rund 100 Menschen täglich an einer Überdosis. US-Präsident Donald Trump will dagegen jetzt vorgehen.

Von Detlef Karg

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FILE - In this Aug. 17, 2018 file photo, family and friends who have lost loved ones to OxyContin and opioid overdoses leave pill bottles in protest outside the headquarters of Purdue Pharma, which is owned by the Sackler family, in Stamford, Conn. New York is suing the billionaire family behind Oxycontin, alleging the drugmaker fueled the opioid crisis by putting hunger for profits over patient safety. (AP Photo/Jessica Hill, File) | (AP Photo / Jessica Hill)
In den USA greifen immer mehr Menschen zu Opioiden (AP Photo / Jessica Hill)
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"Jeder hier ist heute mit anderen vereint in dem lebenswichtigen Ziel, unsere amerikanischen Mitbürger aus dem Griff der Drogenabhängigkeit zu befreien und die Opioidkrise ein für allemal zu beenden."

Eine Szene, wie sie sich täglich hunderte Male in den USA abspielt, ob auf der Straße wie hier, oder unbemerkt in einer Wohnung: Eine Überdosis Opioide markiert den vorläufigen Endpunkt einer Drogenkarriere. Das Opfer kann kaum noch atmen, da die Opioide die Atmung lähmen. Höchste Zeit also für die Polizisten, zu helfen. Ein Gegengift wird in Form eines Nasensprays verabreicht. Diese erschütternde Szene hat übrigens das Büro des Sheriffs von Pasco County im US-Bundesstaat Florida im Internet veröffentlicht.

Dass Donald Trump im Herbst vergangenen Jahres den Nationalen Medizinischen Notstand ausrief, hat seinen guten Grund. Rund 100 Amerikaner sterben täglich allein an einer Überdosis opioidhaltiger Schmerzmittel, in Deutschland eher unter dem allgemeinen Namen Morphine bekannt, und nur in Ausnahmefällen verschrieben – anders als in den Vereinigten Staaten. Die Spur zum Ausgangspunkt der Krise führt in die achtziger Jahre:

"Wir haben das von unseren Berufsverbänden gehört, von Journalisten im ganzen Land, von den Krankenhäuser und den Regierungen der Bundesstaaten: Aus jeder Richtung schallte es uns entgegen, dass Menschen ohne Not an Schmerzen leiden. Und dass das Risiko, dass Opioide süchtig machen, sei übertrieben dargestellt gewesen."

Das sagt der Drogenforscher Andrew Kolodny von der Brandeis University in Massachusetts – er gilt als eine Koryphäe auf diesem Gebiet.

Der Griff zu den vertrauten Pillen

Gezielte Werbekampagnen sorgten also dafür, die starken Medikamente auch schon bei chronischen Rückenschmerzen zu verschreiben. Was das mit den Menschen macht, zeigt die Drogenkarriere von Bill Kinkle, den ich in einem Vorort von Philadelphia treffe, einer der Hochburgen des Medikamentenmissbrauchs und des Drogenkonsums in den USA:

"Im Jahr 2004 hatte ich einen Nierenstein. Und gegen die Schmerzen bekam ich Opioide. Immer wenn ich sie nahm, war es wie ein neues Leben. Keine Euphorie, aber ich fühlte mich so zufrieden in der Welt und alles war richtig mit der Welt. Und ich habe das Medikament dann gar nicht mehr gegen die Schmerzen genommen, sondern es aufgehoben, um schöne Momente mit anderen Leuten zu erleben."

Soweit, so gut. Denn damals war der examinierte Krankenpfleger noch nicht abhängig geworden, hielt Vorträge über Notfallmedizin auf Kongressen. Doch mit der Scheidung von seiner ersten Frau 2007 wurde alles anders: Depressionen kamen über ihn. Doch statt einer Therapie griff der heute 45-jährige zu den vertrauten Pillen, die alles ein wenig leichter machten.

"Naja, das war damals nicht schwer. Ich habe ja in einer Intensivstation gearbeitet, da wurden Opioide dauernd verabreicht. Also habe ich mir mal hier zehn Milligramm in den Kittel gesteckt, und dann da mal wieder etwas."

Bereits nach einem halben Jahr reichten die Pillen aber nicht mehr für das Rundum-Sorglos-Gefühl, Bill erschien nicht mehr zur Arbeit, versetzte sein ganzes Hab und Gut für Heroin, denn das war wesentlich billiger als die Pillen, und wurde entlassen. Das war der Weg in eine 11-jährige Drogenkarriere, mit zahlreichen Rückfällen.

Gruppengespräche als Therapie

Rückfälle gehören für den Drogentherapeuten Steven Drzewoszewski zum Alltag. Ebenso wie das Pfauengeschrei auf dem Gelände der Carrier Clinic in Hillsborugh im US-Bundesstaat New Jersey. Der smarte 45-jährige leitet die Entzugsabteilung mit ihren rund 40 Patienten, viele von Ihnen opioidabhängig. Pfauen, Pferde und andere Tiere finden sich auf dem Gelände. Das, so Steven, beruhige die Patienten und trage zum Erfolg der Therapie mit bei:

"Ja, die Pfauen, die leben hier auf dem Gelände. Manchmal denken Leute, hier schreien Patienten um Hilfe, aber das ist natürlich nie der Fall, es sind immer die Pfauen."

Leichtigkeit im Umgang mit schweren Schicksalen, die hat sich Steven bewahrt. Und während wir über das weitläufige Klinkgelände mit seinen pastellfarbenen Flachbauten gehen, schildert er mir, was der eigentliche Teil der Therapie sei: vor allem Gruppengespräche, unterstützt durch Medikamente, die die Entzugserscheinungen lindern.

"Ich habe Ärzte therapiert, Rechtsanwälte, Hausmeister, Müllwerker, ich habe Leute von der Straße behandelt, ich habe Familienväter behandelt und ich habe die Kinder dieser Familienväter behandelt, alle…"

– Und wenn ein Arzt dann doch nichts mehr verschreiben will?

"Es gibt tatsächlich den Begriff des Doctor-Shopping, wenn Abhängige erst zu einem Arzt gehen, dann zu einem anderen, dann wieder zu einem anderen. Das fällt irgendwann bei der Versicherung auf, dann bezahlen die das nicht mehr. Dann bezahlen die Leute Cash!"

"Hallo, ich bin Frank. Ich nehme Movantik gegen Opioidbedingte Verstopfung. Ich hatte Rückenschmerzen, bekam Opioid, aber damit kam die Verstopfung. Meine Ärztin fragte mich, wie lange es denn schon her sei… that was my Movantik momen."

Der Kampf um Amerikas Jugend

Besser lässt sich die weiterhin breite Banalisierung des Opioidkonsums in den USA wohl kaum verdeutlichen. Doch zurück nach Philadelphia, zu Bill Kinkle. Er hat es offenbar geschafft, ist seit einem Jahr clean. Er will zurück in seinen Beruf als Pfleger. Täglich muss er daher für unangekündigte Drogentests bereitstehen, eine App auf seinem Smartphone sorgt dafür:

"Ich nehme an einem speziellen Monitoringprogramm des Berufsverbands der Pfleger teil. Ich checke jeden Tag über diese App ein und kann jederzeit getestet werden, ich kann also auch kein Methadon oder anderes nehmen. Ich muss auf jede bewusstseinsverändernde Droge verzichten."

Amerika kämpft, vor allem um seine Jugend. Denn es sind die um die 20-jährigen wie dieser Patient, den Steven Drzewoszewski in der Carrier Clinic leider schon wieder begrüßen muss:

"Hey, are you all right? Good, thanks for asking."

Ob die Milliarden aus Washington helfen, wird sich zeigen. Denn für viele sind eben Opioide so selbstverständlich wie Aspirin. Immerhin steigt die Zahl der Todesfälle erstmals seit Jahrzehnten nicht mehr – ein Hoffnungsschimmer, auch wenn für viele Amerikaner weiterhin jede Hilfe zu spät kommt.

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