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StartseiteInformationen am MorgenDer lange Schatten Karimows22.05.2019

UsbekistanDer lange Schatten Karimows

Nach dem Tod des langjährigen Machthabers Islam Karimow wandelt sich Usbekistan: Die Wirtschaft blüht auf und die Presse darf teilweise frei berichten. Doch die Seilschaften des alten Regimes sind noch aktiv und Menschenrechte haben noch nicht wirklich Fuß gefasst.

Von Thielko Grieß

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Stadtpark in Taschkent, Usbekistan, Feierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag. Am 1.9.2011 ist das Land seit 20 Jahren unabhängig von der eh. Sowjetunion. (AFP / STR)
Stadtpark in Taschkent, Usbekistan, Feierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag: Das zentralasiatische Land war bis 1991 eine sowjetische Republik (AFP / STR)
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Weiße Bluse, Rock und die Haare zu zwei Zöpfen geflochten: Schüler tragen mit Inbrunst und Stolz ihr Lied vor. "Bobo" heißt es, was auf Usbekisch Großvater bedeutet. Gemeint ist der Mann, der im Hintergrund als Statue vor seinem früheren Amtssitz zu sehen ist: Islam Karimow, mit gütiger Miene. Er hat Usbekistan fast drei Jahrzehnte brutal diktatorisch beherrscht, bis er 2016 starb. Die Kinder und ihre Lehrerinnen drehen einen Videoclip zu seinen Ehren.

Karimow sei ein fürsorglicher, guter Landesvater gewesen, meint Amina, die in der Fünften Schule in Taschkent die fünfte Klasse besucht, so wie man es ihr beigebracht hat. Das aber ist nicht einmal die halbe Wahrheit. Karimow hat mit Hilfe mächtiger Geheimdienste tatsächliche und imaginierte Gegner inhaftieren und foltern lassen. Das Land verarmte. Den schon in der Sowjetunion exzessiv betriebenen Baumwollanbau hat er weiter verschärft, ordnete zur Ernte Zwangsarbeit an. Das Wasser wurde aus Flüssen abgeleitet: Auch deshalb ist der usbekische Teil des einst riesigen Aralsees unrettbar verloren.

Die Freiheit verändert das Denken der Menschen

Zur Wahrheit von heute gehört nun, dass seit 2016 mit Schawkat Mirsijojew ein neuer Präsident regiert. Seine Wirtschaftsreformen beleben das Land, Steuern sinken, der Handel profitiert von geringeren Zöllen, der Tourismus von visafreier Einreise auch für Deutsche. Investoren stehen Schlange. Und eine Seidenmanufaktur wie diese, Yodgorlik in der Stadt Margilan, kann alte usbekische Traditionen wieder herzeigen – nicht umsonst führte hier einst die Seidenstraße entlang.

Kumrucha Matkarimowa webt im Takt: Ihre Füße bespielen acht Pedale, fast wie an einer kleinen Orgel. Ihre Hände lassen das Weberschiffchen von links nach rechts und wieder zurück schnellen. Seit bald 40 Jahren webt sie Seidenstoffe, jetzt gerade glattes Satin, erzählt sie.

Drei bis vier Meter am Tag schaffe sie, bei acht Stunden Arbeit. Der Direktor der Manufaktur Yodgorlik, Asampon Abdullajew, ist jemand, der die Chancen der neuen Zeit nutzt. Inzwischen exportiert er Seide und Seidenstoffe ins Ausland, gerade kürzlich ging eine Lieferung nach Berlin. Die Freiheit für Unternehmer verändere das Denken der Menschen rasant: "Sie begreifen nun, dass man mit Ideen Geld verdienen kann, mit Hotels, als Taxifahrer, mit der Herstellung von Souveniren", sagt er. Überhaupt habe sich die ganze Atmosphäre im Land verändert: "Nach der Wahl unseres neuen Präsidenten ist es liberaler im Land geworden. Nun können wir reden, können etwas verlangen – was früher nicht erlaubt war."

Eine Freiheit, die nicht für alle gilt

Zwischen all den farbigen Seidentüchern unter der warmen Sonne Usbekistans könnte man fast vergessen, dass diese Freiheit nicht für alle gilt.

Abdulla Bobomurod besingt auf seinem Youtube-Kanal Opfer der usbekischen Gewaltherrschaft. Er selbst kann davon berichten, dass unter dem neuen Präsidenten Folterknechte von früher weiter schlagen und quälen dürfen. In seinem Fall geschah es während der Untersuchungshaft.

"Meine Haut wurde abgerissen, hier habe ich bis heute eine Narbe. Sie haben mich geschlagen, mit einem Plastikrohr, einem Schlagstock. Immer auf den linken Oberarm. Ich habe ihnen gesagt: ‚Schlagt auch auf die rechte Hand.‘ Aber sie wollten ja, dass ich mit der rechten Hand schreiben kann."

Unterschreiben sollte er ein Schuldeingeständnis, er habe zum Umsturz aufgerufen. Als sie ihm Fotos seiner Kinder zeigten und auch ihnen drohten, unterschrieb er. Nun ist er zwar entlassen, muss aber noch einige Zeit ein Fünftel seines Einkommens an den Staat abführen.

Bobomurod ist früher lediglich seinem Beruf nachgegangen: Er ist Journalist, hat unter Pseudonym über die Selbstherrlichkeit der usbekischen Sicherheitsapparate geschrieben. Dann versprach der neue Präsident Mirsijojew Offenheit, forderte von Journalisten sogar öffentlich Kritik ein. Bald darauf wurde Bobomurod festgenommen und gefoltert. "Ich hatte sowieso jeden Tag gedacht: Das ist der letzte Artikel in meinem Leben, irgendwann nehmen sie mich fest. Ich hätte aber nicht gedacht, dass das unter Mirsijojew passiert." Nach wie vor gibt es Einschüchterungsversuche. Vor seinem Haus beobachten ihn Geheimdienstler, erzählt er.

Zwei Gruppen kämpfen um die Macht

Wer seinen Fall analysiert, erfährt: Usbekistan gönnt sich zwar viel wirtschaftliche Freiheit – ist aber kein Staat, in dem Menschenrechte wirklich Fuß gefasst haben. Erst vor kurzem ist wieder ein Journalist festgenommen worden. Echte Oppositionsparteien bestehen nicht.

Auf der anderen Seite gibt es viele Begnadigungen, ausgesprochen durch den Präsidenten. Manchmal zeigt sogar das Staatsfernsehen, wie die Freigelassenen durch die Gefängnistore nach draußen schreiten. Webseiten, auch kritischer Medien wie der Deutschen Welle oder BBC, sind vor kurzem nach jahrelanger Blockade freigeschaltet worden, während andere gesperrt bleiben.

Das uneinheitliche Bild lässt für Bobomurod nur einen Schluss zu: In den staatlichen Apparaten ringen zwei Gruppen miteinander. "Das sind Konservative, die überhaupt keine Veränderungen wollen. Sie wollen, dass es so bleibt wie unter Karimow. Das ist die Welt seiner Leute, die Welt der Stalinisten. Und auf der anderen Seite die Jungen, die Anhänger von Reformen. Sie sind progressiv, denken anders, europäisch."

Folteropfer wie er wünschen sich vom bald anreisenden Bundespräsidenten Steinmeier vor allem eines: Möge der nicht nur die Chancen für Investoren loben. Möge er auch ansprechen, wie lang und dunkel der Schatten Karimows ist.

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