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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenUtopien - Spielerei, Ventil oder konkreter Vorschlag?10.04.2008

Utopien - Spielerei, Ventil oder konkreter Vorschlag?

Philosophische Tagung über die Ideen von Thomas Morus

Den Begriff "Utopie" verdanken wir dem englischen Rechtsanwalt und Premierminister Thomas Morus. Er schrieb 1516 einen Text, in dem er von einem Idealstaat auf der neuen Insel Utopia, griechisch für "nirgendwo", berichtet. Welche Rolle der Entwurf einer Utopie in der politischen Philosophie heute spielt, stand im Mittelpunkt einer Tagung im Zisternzienserkloster Bronnbach.

Von Cajo Kutzbach

Das Institut für Philosophie der Universität Karlsruhe und das Institut für Kulturforschung in Heidelberg hatten eine kleine Gruppe junger Nachwuchswissenschaftler eingeladen, um über "Thomas Morus' Utopia und das Genre der Utopie in der Politischen Philosophie" zu diskutieren. Thomas Morus hatte nicht die Absicht mit seinem Werk einen Leitfaden für die Politik zu schreiben, erklärt Ulrich Arnswald, Lehrbeauftragter an der Universität Karlsruhe:

"Thomas Morus hat das Ganze mehr als eine Ironie, als eine Parodie gedacht gehabt. Das war ein humanistisches Spiel zwischen Gelehrten, wahrscheinlich an ca. 30 Freunde in Europa verschickt worden. Und die Idee war eigentlich, die Idee des Kommunismus ein bisschen ad Absurdum zu führen, ins Abstruse zu ziehen und zu zeigen, wo so etwas hinführen kann. Mit großer Wahrscheinlichkeit sah er in seiner "Utopia" keinen Idealstaat."

Schon Platon hatte sich 360 vor Christus mit der Idee des idealen Staates befasst. Es gab im Laufe der Jahrhunderte immer wieder Utopien, aber ganz neue sind selten:

"Viele Utopien gibt es heute nicht. Gegenstand der Tagung war aber zu fragen, ob die Staatsmodelle der modernen Theoretiker - die bekannten liberalen Entwürfe von Robert Nozick, oder von Michael Walser, oder von John Rawls, ob die utopische Gedanken beinhalten ..."

... oder nur schlichte Szenarien sind. Ist Utopie nur intellektuelle Spielerei? Utopien, die mehr als Unterhaltung sein wollen, sind selten. Vielleicht müssen sie deshalb oft lange auf Leser warten?

"Thomas Morus hat heute mehr Leser als zu seinen Zeiten. Er ist ja ein Klassiker und wird immer noch gelesen, vielleicht sogar heute mehr denn je. Es gibt ja so viele Utopien mittlerweile, Utopien auch in literarischer Form, im Bereich der Science-Fiction, Francis Bacon und Andere. Moderne Utopien sind äußerst selten. Sie sind, beinhalten dann meistens nur einen Teilaspekt, sei's ökologische Aspekte zum Beispiel, die man sich anschaut, oder auch Aspekte im Bereich der Informationstechnologie."

Ein Grund könnte die Schnelllebigkeit der Zeit sein, die die Wirklichkeit viel rascher verändert, als ein Autor sein Staatsmodell entwerfen und in allen Facetten überprüfen kann.

Wie sich der neoliberale Robert Nozick eine bessere Welt vorstellt, skizziert Michael Schmidt, der in Karlsruhe Europäische Kultur- und Ideengeschichte studiert:

"Grundgedanke von ihm ist, dass die Menschen ja alle sehr verschieden sind. Wenn Sie jetzt in einer Gemeinschaft leben, die für sie die Beste ist, ist das vielleicht nicht grade die, die für mich die Beste ist. Wenn er jetzt einen modernen Staat entwerfen will dann hat er ein Problem. Das versucht er dadurch zu lösen, dass er das Staatswesen in zwei Ebenen unterteilt. Auf der unteren Ebene können sich Menschen zusammen finden, gemeinsam eine Gemeinschaft errichten und nach eigenen selbst bestimmten Regeln und Gesetzen leben. Gleichzeitig soll dann ein Grundrecht auf Auswanderung und das Recht solche Gemeinschaften auch neu selbst zu gründen soll dann dazu dienen, dass die Leute schlussendlich in der Gesellschaftsform leben können, nach den Gesetzen und Regeln, die sie für sich am Besten finden."

Gesellschaft als Wahlverwandtschaft? - Damit das funktioniert gibt es auf der übergeordneten Ebene ein Kontrollorgan, das die Einhaltung der Rechte überwacht.

"Die Grundrechte nach Nozick, das ist nämlich nur das Recht auf Privateigentum und Vertragsrecht - nicht das Menschenrecht. Und er glaubt dann, in einem starken Glauben an den Marktmechanismus, dass sich schon die Gesellschaftsformen durchsetzen werden, die die Besten sind."

Die Utopie dient hier also auch der Rechtfertigung des eigenen Glaubens.

Ganz anders sieht das der Philosoph und Verwaltungsfachmann Peter Winter in seinem letztes Jahr erschienen Buch "Staat ohne Herrscher":

"Also das ist im weitesten Sinne eine Utopie, die prinzipiell darauf basiert, dass dieser Staat ohne Herrscher aufgebaut werden soll. D.h. an die Stelle des Regierenden, tritt die Herrschaft des Gesetzes. Ganz wichtig dabei, dass die Marktwirtschaft, Privateigentum abgeschafft werden, weil das die Voraussetzungen dafür sind, dass Herrschaft entsteht."

Das erinnert stark an die Regeln denen die besitzlosen Zisterzienser-Mönche unterworfen waren, die die Tagungsstätte einst erbauten. Anders als bei Thomas Morus, war es bei Peter Winter nicht nur eine Intellektuelle Spielerei, die ihn zu diesem Entwurf veranlasste:

"Also es sind im Wesentlichen zwei Dinge: Das eine ist die Intellektuelle Neugier einen Staat zu entwerfen, der funktionieren könnte. Und das Zweite sind die Missstände der bestehenden Staaten, die so offenkundig sind, dass es Besserung bedarf."

Unzufriedenheit mit den bestehenden Verhältnissen als Motor der Phantasie. So betrachtet lassen sich viele Kulturprodukte, etwa Schlager, Filme, Fernsehsendungen, Bücher, Festivals oder Computerspiele als Ausdruck der Sehnsucht nach einer besseren Welt, einem Paradies verstehen. So wäre sogar die Schnulze eine Utopie in Liebesdingen.

Vielleicht fehlen heute auch Zeit und Müßiggang um Utopien zu entwerfen. Prof. Hans Peter Schütt lehrt an der Universität Karlsruhe Europäische Kultur- und Ideengeschichte.

"Müßiggänger sind die Intellektuellen, die Denker, die so genannten, die sich Alternativen ausdenken. Aber den Stimulus dafür liefern die Sorgen, Kümmernisse, Ärgernisse ganz gewöhnlicher Menschen Und, wenn es diesen Stimulus nicht gäbe, dann würde sich auch niemand um das kümmern, was die Müßiggänger sich ausdenken."

Die Sehnsucht nach Utopien, nach einem besseren Leben, verrät Unzufriedenheit mit dem Alltag. Utopien dienen hier eher als Überdruckventil. Und was ist mit den politischen Utopien, wie man sie etwa Marx und Engels zuschreibt?

"Für die klassischen Utopien muss man feststellen, dass sie als politische Handlungsanweisungen wahrhaftig nicht gedacht sind.

Diejenigen Utopien, die wie Handlungsanweisungen unter die Leute gebracht worden sind, oder, wie Handlungsanweisungen benutzt worden sind, - ich denke da z.B. an Lenins "Staat und Revolution" - die sind ja ausdrücklich mit dem Hinweis, sie seien nicht utopisch formuliert und propagiert worden. Also, wenn man Utopien als etwas ansieht, was sich als politische Handlungsanweisung grade nicht bewährt hat, denkt man eigentlich an die falschen Texte."

Echte Utopien können warnend Missstände des Alltags durch erdachte Alternativen bloß stellen. Als Handlungsanweisungen taugen sie wenig. Vielleicht, weil Gesellschaften so komplex sind, dass niemand sie in allen Details durchdenken kann. Prof. Schütt meint deshalb bescheiden zum Fazit der Tagung:

"Der Hauptertrag für die Teilnehmer liegt darin gesehen zu haben, dass das Alles auch eine Sache der politischen Rhetorik ist und, dass man sehen konnte, das Rhetorische Münze nicht immer zum Nennwert zu nehmen ist."

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