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StartseiteKommentare und Themen der WocheDiskurs im Impfstoffrausch04.01.2021

Vakzin-Beschaffung in der EUDiskurs im Impfstoffrausch

Die Debatte rund um die Corona-Impfstoff-Beschaffung ist ekelhaft, meint Peter Kapern. Dieselben, die im Sommer noch argumentierten, man müsse die doch geringe Zahl an Todesfällen gegen die durch Corona verursachten ökonomischen Schäden abwägen, spielen sich jetzt als Anwälte der Schwerkranken auf.

Ein Kommentar von Peter Kapern

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Zwei blaue Gummihandschuhe halten eine Spritze mit Coronaimpfstoff  (picture-alliance/TT News Agency/ Mikael Fritzon)
Bis heute sind in Deutschland fast 1,4 Millionen Impfdosen ausgeliefert worden - verimpft wurden aber nicht einmal 300.000 (picture-alliance/TT News Agency/ Mikael Fritzon)
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Die Situation der EU-Kommission im vergangenen Sommer kann man sich wie die eines Dartspielers vorstellen, der in einem stockfinsteren Raum die Scheibe treffen soll. Ihm bliebe nichts anderes übrig, als seine Pfeile in alle möglichen Richtungen zu feuern, in der Hoffnung, irgendwo im Dunklen einen Treffer zu landen. Als sich die Unterhändler der EU daranmachten, mit Impfstoffherstellern Lieferverträge auszuhandeln, fehlten all jene Informationen, über die man üblicherweise verfügt, wenn man seine Unterschrift unter solche Verträg setzt. Nämlich, ob die Unternehmen überhaupt in der Lage sein würden, einen wirksamen Impfstoff zu entwickeln und zu liefern.

Rationale Risikostreuung der EU

Das Vorgehen, das die Kommission angesichts dieser großen Unbekannten wählte, war über alle Maßen rational. Sie streute das Risiko, um die Chancen zu maximieren. Jede einzelne Entscheidung im Zusammenhang mit dem Impfstoffkauf wurde im Übrigen von allen 27 Mitgliedstaaten gemeinsam getroffen. Was allein natürlich noch nicht garantiert, dass die Entscheidungen auch richtig waren. Und in der Tat: Die Kritik ist vielfältig.

Da gibt es zum Beispiel das ökonomische Argument: Die EU hätte einfach von jedem einzelnen Impfstoff so viel ordern sollen, dass jeder einzelne davon ausreichen würde, alle EU-Bürger zu immunisieren. Die Kosten dafür wären allemal niedriger gewesen als jene Verluste, die der fortgesetzte wirtschaftliche Stillstand verursacht. Klingt plausibel, lässt aber die Realität außer Acht.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Impfdosen im Kälteschlaf

Bis heute sind in Deutschland fast 1,4 Millionen Impfdosen ausgeliefert worden. Verimpft wurden aber nicht einmal 300.000. Vier Fünftel der zur Verfügung stehenden Impfdosen liegen also in diesem Moment im Kälteschlaf. Was deutlich macht: Nicht einmal jetzt, da die Impfstoffproduktion gerade erst anläuft, mangelt es in Deutschland an Impfstoff. Weit perfider als dieses ökonomische Argument ist eines, das die Nationalflagge vor sich herträgt.

Die Kanzlerin und ihre Minister hätten doch in ihrem Amtseid geschworen, Schaden vom deutschen Volk abzuwenden. Was soll also dieser gemeinsame europäische Impfhokuspokus? So waberte es seit Tagen durch die sozialen Netzwerke. Bis dann jetzt die Springermeute die Fährte auf -und die Meinungsführerschaft übernahm. Es ist ekelhaft: Dieselben, die im Sommer noch argumentierten, man müsse die doch eigentlich geringe Zahl an Todesfällen gegen die durch Corona verursachten, ökonomischen Schäden abwägen, spielen sich jetzt als Anwälte der Schwerkranken auf.

Niveau der kaiserlichen Hunnenrede erreicht

Dieselben, die Angela Merkel seit fünf Jahren vorwerfen, mit ihrer Flüchtlingspolitik gegen die europäische Solidarität verstoßen zu haben, verlangen jetzt den nationalen Alleingang. Alles spricht dagegen, ökonomisch wir europapolitisch. Aber was zählen noch Argumente, wenn der Diskurs erst einmal im Impfstoffrausch versunken ist. Mit dem heutigen Tag ist er auf das Niveau der kaiserlichen Hunnenrede abgesunken. Was kratzten uns sterbende Polen und Holländer, solange noch nicht jeder Deutsche geimpft ist.

Peter Kapern (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Peter Kapern (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Peter Kapern, geboren 1962 in Hamm, Westfalen. Studium der Politikwissenschaften, der Philosophie und der Soziologie in Münster. Volontariat beim Deutschlandfunk. Moderator der Informationssendungen des Dlf, 2007 bis 2010 Leiter der Redaktion Innenpolitik, Korrespondent in Düsseldorf, Tel Aviv und Brüssel. 

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