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StartseiteKalenderblattVater der Berufsschule15.01.2007

Vater der Berufsschule

Vor 75 Jahren starb der Schulreformer Georg Kerschensteiner

"Learning by doing", so würde man das pädagogische Credo des früheren Münchner Stadtschulrats Georg Kerschensteiner in die heutige Pädagogenterminologie übersetzen. In dieser Beziehung war er also ganz modern, als er vor rund 100 Jahren die Berufsschulen einführte, fast so, wie wir sie noch heute kennen.

Von Karl-Heinz Heinemann

Ein Auszubildender hilft einer Schülerin beim Löten einer Leiterplatte in einer Lehrwerkstatt in Leipzig. (AP)
Ein Auszubildender hilft einer Schülerin beim Löten einer Leiterplatte in einer Lehrwerkstatt in Leipzig. (AP)

"Das erste Ziel der Erziehung für die aus der Volksschule tretende Jugend ist die Ausbildung der beruflichen Tüchtigkeit und Arbeitsfreudigkeit und damit jener elementaren Tugenden, welche die Arbeitstüchtigkeit und Arbeitsfreudigkeit unmittelbar zum Gefolge haben: Der Gewissenhaftigkeit, des Fleißes, der Beharrlichkeit, der Verantwortlichkeit, der Selbstüberwindung und der Hingabe an ein tätiges Leben."

Tüchtig, arbeitsfreudig, fleißig, gewissenhaft, so sollte die deutsche Jugend im Kaiserreich erzogen werden. Mit diesem Programm wollte Georg Kerschensteiner die Lücke schließen, die in der Erziehung zwischen dem Ende der Volksschule, damals schon mit 12 Jahren, und dem Schliff im Militärdienst mit 18 Jahren entstand. Am 15. Januar 1932 starb Georg Kerschensteiner, der Schulreformer und Münchner Stadtschulrat im Alter von 76 Jahren.

"Ich fürchte fast, dass er weitgehend in Vergessenheit geraten ist, abgesehen vielleicht von den bayerischen Schulen, wobei er insbesondere im Raum München ja auch kommunalpolitisch stark gewirkt hat. Er hat den wesentlichen Anstoß dafür gegeben, dass überhaupt die Jugendlichen, die mit ihrer Vollzeitschulpflicht zu Ende waren und dann in Arbeit oder Berufsausbildung gingen, pädagogisch in den Blick genommen wurden","

meint Hermann Hansis, langjähriger Vorsitzender des Verbandes der Lehrer an Wirtschaftsschulen in Nordrhein-Westfalen und Leiter einer kaufmännischen Berufsschule. Kerschensteiner, geboren am 29. Juli 1854 in München, gilt als der Vater der heutigen Berufsschulen und der dualen Berufsausbildung, also der Kombination der Lernorte Betrieb und Berufsschule.

Wäre er heute und nicht im Jahr 1860 eingeschult worden, so wäre er möglicherweise schnell als ADS-Kind abgestempelt worden, als hyperaktiver Junge mit Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom. Damals versprach ihm sein Lehrer in der Pfarrschule der Heilig-Geist-Kirche in München einen Schulpreis, wenn es ihm gelänge, drei Tage ruhig in seiner Bank zu sitzen. Er schaffte es nur zwei Tage und bekam dennoch den Preis. Kerschensteiner jedenfalls war später der Ansicht, dass Lernen sich nicht allein beim Stillsitzen und Zuhören vollziehen könne, sondern im eigenen Tun.

Mit 12 Jahren, am Ende seiner Pflichtschulzeit, ging er aufs Lehrerseminar, mit 16 ließ man ihn zum ersten Mal unterrichten: Schülerinnen auf dem Lande. An pädagogische Erfolge, so schrieb er später, könne er sich nicht erinnern, nur daran, dass sich zwei seiner Schülerinnen in ihn verliebt hatten. Mit 20 Jahren verließ er die Schule und studierte Mathematik und Physik, um dann Gymnasiallehrer zu werden. 1895 wurde er mit den Stimmen des Zentrums und der Liberalen zum Münchner Stadtschulrat gewählt und blieb es bis 1919.

In München brachte er einige Reformen auf den Weg, vor allem in der Volksschulbildung: Die Schulzeit wurde auf acht Jahre verlängert. Werkunterricht, Zeichnen, Turnen, alles, was mit sinnlicher und körperlicher Betätigung zu tun hat, nahm in seinen Lehrplänen besonderen Raum ein. Mit seiner Schrift "Die staatsbürgerliche Erziehung der deutschen Jugend" gewann er 1900 den ersten Preis eines einschlägigen Wettbewerbs der königlichen Akademie. Darin begründete er sein Konzept der Arbeitsschule.

""Das war der Gegenstand seiner preisgekrönten Arbeit seinerzeit, dass er eine Lanze brach dafür, die Jugendlichen pädagogisch noch zu fördern, neben ihrer Ausbildung oder neben ihrer Tätigkeit. Er wollte damit ganz bewusst eine Ergänzung schaffen zu der selbstverständlichen Förderung der gymnasialen oder akademischen Jugend, er hat sich den Jugendlichen zugewandt, die für die Pädagogik vollkommen aus dem Blickfeld geraten waren. Er hatte eingefordert, dass auch das Erwachsenwerden, das selbstständig werden dieser Jugendlichen pädagogisch begleitet werden müsse. Und das ist insofern der Grundgedanke der Berufsschule."

Seine Ideen konnte er in München umsetzen. Aus den allgemeinen Fortbildungsschulen ohne Bezug auf konkrete Berufe machte Kerschensteiner Berufsschulen, zunächst für Metzger, Bäcker, Schuhmacher und Kaminkehrer, Handwerke also. Der Beruf war für ihn mehr als eine schnöde Lohnarbeit.

"Er hatte die Grundlage dafür gelegt, dass der Anspruch weitergeht, nämlich im Sinne einer Persönlichkeitsbildung und auch im Sinne einer selbstständigen Anschlussbeschäftigung nach der Berufsausbildung."

Im Beruf sollten die Tugenden ausgebildet werden, die der wilhelminische Staat von seinen Untertanen erwartete: Gewissenhaftigkeit, Fleiß, Beharrlichkeit, Verantwortlichkeit, Selbstüberwindung und Hingabe an ein tätiges Leben.

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