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StartseiteTag für Tag"Tragödie, wie die Königsdramen Shakespeares"17.01.2020

Vatikan"Tragödie, wie die Königsdramen Shakespeares"

Buch oder Nicht-Buch, Papst oder nicht Papst? Die Spitze der katholischen Weltkirche bietet ein Drama. Um den Zölibat geht es nur vordergründig, glaubt der Theaterwissenschaftler Peter W. Marx. Inszeniert wird die Macht über den Ausnahmezustand.

Peter W. Marx im Gespräch mit Christiane Florin

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Dramatisch: Der Hamlet an der Komischen Oper Berlin. (Monika Rittershaus, Komische Oper Berlin)
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Christiane Florin: Zwei Männer in Weiß, umgeben von grauen Eminenzen. Barbara Schneider holte Expertenmeinungen zu dieser Situation ein. Bei mir im Studio is nun auch ein Experte. Er vertritt eine andere Disziplin, als die vorhin gehörten. Mir gegenüber sitzt Peter W. Marx, Professor für Theater- und Medienwissenschaft an der Universität Köln, außerdem Buchautor. Gerade ist von ihm das Buch "Macht.Spiele. Politisches Theater seit 1919" erschienen. Welches Stück wird da in Rom gespielt?

Peter W. Marx: Auf der einen Seite könnte man es auf den ersten Blick für eine Verwechslungskomödie halten, in der eine Rolle doppelt besetzt ist. Aber tatsächlich glaube ich, ist es eher eine Tragödie, die an die Königsdramen Shakespeares erinnert, in denen versucht wird, über Bilder, über Auftritte bestimmte politische Situationen zu inszenieren. Wenn man den Einwurf von Benedikt XVI. im Rahmen dieses Aufsatzes jetzt in einen größeren Kontext stellt, dann hat man eigentlich das Gefühl, hier geht es darum, so etwas wie eine Notsituation der Kirche zu inszenieren, die eigentlich sagt: Die Rechtmäßigkeit von Franziskus ist nicht hergestellt, und insofern entsteht so etwas wie ein Widerstandsrecht.

Auf der Ebene, denke ich, muss man schon ernst nehmen, wie hier Benedikt XVI. weiterhin als großer theologischer Denker inszeniert wird und öffentlich instrumentalisiert wird.

Peter W. Marx ist Direktor der Theaterwissenschaftlichen Sammlung der Universität zu Köln. (H. & C. Baus)Peter W. Marx ist Direktor der Theaterwissenschaftlichen Sammlung der Universität zu Köln. (H. & C. Baus)

Florin: Ich hatte hier in dieser Sendung vor einigen Tagen gesagt, das sei eine billige Seifenoper und kein großes Shakespeare-Drama. Sie sagen jetzt das Gegenteil. Sie sagen: Das hat einen ernsten Kern. Es kreist um die Frage der Macht. Wer hat die Macht im Ausnahmezustand?

Marx: Genau. Das hat schon vor einiger Zeit angefangen, mit dem "Dubia"-Auftritt einiger Kardinäle. Diese hatten Franziskus aufgefordert, eine von ihm vertretene Meinung zu korrigieren, weil sie für irrig gehalten haben. Die jetzige Inszenierung von Joseph Ratzinger als der großen Autorität in der Frage des Zölibats geht in dieselbe Richtung. Es geht eigentlich darum: Wenn man die ersten Schlagzeilen gelesen hat, die dramatische Formeln beinhaltet haben wie "Wir können nicht schweigen, aus der Tiefe unseres Herzens müssen wir unsere Sorge artikulieren." Das ist ja eine Mischung aus Luther und Jeanne d'Arc, mit der ein Recht hergestellt wird, gegen den legitimen Papst Franziskus aufzustehen und dessen Lehrmeinung infrage zu stellen.

"Metaphorik des symbolisches Todes"

Florin: Was sagt es für Sie, dass ein Papst, der zurückgetreten ist, das weiße Gewand trägt, dass er einen Titel führt, den es bisher nicht gab, dass er Texte veröffentlicht unter dem Papstnamen Benedikt. Welche Rolle ist das?

Marx: Das ist eine Rolle, die es an sich nicht geben kann. Das haben wir eben auch aus theologischer Perspektive noch mal gehört. Aber natürlich: Eine Situation, die so selten ist wie ein Papstrücktritt, erfordert ein gewisses Improvisationsvermögen. Und da haben sich vielleicht auch politisch interessierte Kräfte durchgesetzt, die Benedikt XVI. als Reservepapst noch ein bisschen im Spiel halten. Wenn man sich die ersten Andeutungen oder öffentlichen Erklärungen von Benedikt XVI. anguckt, in denen er von einem Rückzug von der Welt spricht: Das ist eigentlich eine Metaphorik eines symbolischen Todes, sich aus der Welt zurückziehen, um in einem Zwischenreich nur noch im Gebet versunken der Kirche zu dienen. Entsprechend wäre eigentlich mit dem Rücktritt auch die Rückkehr in den Kardinalsstand, der ihm ja geblieben ist, der ja auch schön ist, rechtmäßig gewesen.

"Widerspruch zwischen Wort und Tat ist dramaturgisch das Salz in der Suppe"

Florin: Aus der Konsumentinnenperspektive oder aus der Perspektive der Zuschauerin im Theaterraum gesprochen: Der Katholizismus wäre völlig langweilig, wenn sich alle an ihre Versprechen halten würden. Wenn jemand, der sagt, ich möchte jetzt schweigen, auch tatsächlich schweigen würde - dann wäre man doch überrascht. Geht es Ihnen nicht genauso?

Marx: Natürlich, das ist das, was dramaturgisch das Salz in der Suppe ist, dass es einen Widerspruch zwischen Wort und Tat gibt. Ich glaube übrigens, man muss auch mal auf Franziskus gucken, wie der sich hier verhalten hat. Und ich bin tatsächlich ein bisschen überrascht, mit welcher Souveränität Franziskus in dieser Situation handelt. Er hat immer wieder auch den öffentlichen Kontakt zu Benedikt gesucht. Es gibt eine Reihe von Fotos von den beiden. Franziskus hat ihn auch in liturgische Handlungen eingebunden. Vielleicht steckt dahinter die Klugheit, dass eine entrückte schweigende Persönlichkeit möglicherweise einen viel größeren Schatten werfen könnte als ein Mensch, der ein Amt zurückgegeben hat, weil die körperlichen Kräfte nicht reichen und den man eigentlich durchaus auch im Sinne des Mitleids jetzt aus dieser Pflicht herausgenommen hat. Also insofern laufen hier zwei dramaturgischen Muster gegeneinander.

Florin: Worin besteht die Macht dieser Truppe im Vatikan?

Marx: Sie meinen: die Benedikt-Truppe?

Vom anderen Ende der Welt

Florin: Ich meine die Benedikt-Truppe, aber auch Franziskus. Worin besteht eigentlich die Macht dieser  Führungscrew der katholischen Kirche?

Marx: Ich beantwortete das als Theaterwissenschaftler aus dramaturgischer Perspektive. Es geht, glaube ich, um die Herstellung von Inszenierungen, von Szenen, in denen etwas erlebbar und sinnlich erfahrbar wird, was sozusagen nicht unmittelbar unsere empirischen Wirklichkeit entspricht. Das ist der Sinn aller rituellen Handlungen: Transzendenz erlebbar zu machen in unserem Alltag.

Hier sehen wir zwei unterschiedliche Muster, mit denen Benedikt und Franziskus operiert haben. Benedikt hat sehr stark bis in die Frage der Gewänder hinein  - man erinnert sich an die Hermelinkäppchen  - sehr klassische, auch präkonziliare Muster bedient und immer wieder aufgegriffen. Franziskus wird  nachgesagt, nach der Wahl habe er bestimmte Gewänder mit dem Hinweis, der Karneval sei vorbei, abgelehnt.

Er versucht durchaus im Rahmen der Formsprache der Liturgie, aber doch sehr viel einfachere Formen annahm, nach vorne zu tragen und dadurch auch ein anderes Bild von Weltkirche zu vermitteln. Wenn man auf die letzten Adventsfeierlichkeiten zurückblickt, dann wird man feststellen, dass Franziskus an zwei sehr prominenten Stellen, außereuropäische Riten im Petersdom zelebriert hat: einen von den Philippinen und dann den Zaire- oder Kongo-Ritus, mit dem man nochmal eigentlich sein Amtsantritt hat sinnlich wahrnehmbar werden lassen. Da hat er gesagt: Die Kardinäle sind ans Ende der Welt gelaufen, um ein Papst zu finden oder ein Bischof von Rom. Jetzt haben sie ihn gefunden.

Franziskus versucht sehr stark, eine Zeichensprache zu installieren, die das Weltkirchliche, die das Globale, die die Vielfältigkeit kultureller Traditionen in den Vordergrund stellt und dies auch tut, in dem Bewusstsein, dass er an anderer Stelle gesagt hat Europa ist eigentlich so etwas wie eine Großmutter, deren Handlungsfähigkeit im Moment sehr limitiert ist.

Florin: Eine indigene Kultfigur hat am Rande der Amazonas- Synode für einen besonderen Konflikt gesorgt. Konflikt ist eigentlich noch viel zu freundlich ausgedrückt. Die Pachamama wurde von einem Rechtskatholiken in den Tiber geschmissen und die digitale Fangemeinde hat das bejubelt. Wie deuten Sie das?

Marx: Sie haben den entscheidenden Hinweis im Nebensatz gesagt: Dieser österreichische Aktivist hat nicht nur die Pachamama aus einer Kirche entfernt und in den Tiber geworfen, sondern er hat sich dabei gefilmt. Er hat es in die sozialen Medien eingespeist. Das heißt, es ist eine sehr bewusste Inszenierung gewesen, die eigentlich versucht, den größten Vorwurf, den es innerhalb des Christentums gibt, nämlich die Götzenverehrung gewissermaßen szenisch zu artikulieren. Damit wird auf dieser sehr fundamentalen Ebene nochmals die Legitimität des regierenden Papstes infrage gestellt. 

"Eine Auseinandersetzung um den wahren Glauben"

Florin: Das heißt, wir haben nicht alleine einen Konflikt um den Kurs der katholischen Kirche. Sie sehen darin auch eine Auseinandersetzung um den wahren Glauben.

Marx: Es ist eine Auseinandersetzung um den wahren Glauben, und es ist vor allen Dingen eine Auseinandersetzung um westliche Hegemonie innerhalb der Kirche. Und ich glaube, das ist eine Frage, die uns sehr grundsätzlich betreffen muss und die wir sehr grundsätzlich angehen müssen: dass wir mit Franziskus einen Papst haben, dessen Erfahrungsbereich nicht primär europäisch organisiert ist und der tatsächlich versucht, wenn man sich die Ankündigungen im Umfeld der Amazonas-Synode anhört, diese kulturelle Vielfalt auch zum Ausdruck zu bringen. Das entspricht ein völlig anderen, einen völlig anderen Amtsselbstverständnis, aber auch einer völlig anderen Inszenierungssprache als Benedikt sie gepflegt hat. Er hat traditionelle Sehnsüchte umfassend bedient.

Florin: Es gibt aber auch Gemeinsamkeiten zwischen beiden Päpsten. Von beiden Päpsten gibt es Reden und Texte, in denen sie sagen: "Alle Macht in der Kirche ist Dienst." Auch Franziskus schwört seinen Klerus regelrecht darauf ein. Im Evangelium heißt es: "Bei euch aber soll es nicht so sein", also es soll nicht so sein wie in weltlichen Herrschaftssystemen. Was macht das mit Mächtigen, wenn sie immer dienen sollen oder wenn sie immer darstellen sollen, dass sie dienen?

Marx: Ich würde hier an der Stelle auf Shakespeare zurückgreifen, der in Heinrich IV. den wunderbaren Satz geprägt hat, die Krone seien ausgesprochen unruhiger Bettgenosse. Ich  glaube tatsächlich, dass Macht oder Verantwortung natürlich etwas macht mit denen, die sie tragen und sich ihnen auch einschreibt. Die Überhöhung als Dienst ist natürlich eine Demutsgeste, die tatsächlich mit Leben gefüllt werden will im doppelten Sinne: Zum einen muss sie zum Ausdruck gebracht werden, aber zum anderen muss sie auch biografisch hinterlegt sein. Insofern ist es auf den ersten Blick nicht überraschend, dass zwei Päpste im selben rhetorischen Register arbeiten, nämlich von Dienst und Demut. Aber man muss dann sehr genau hingucken, wie dieser Dienst gefüllt wird: wo er selbstbewusst und vielleicht im Bewusstsein des eigenen Sendungsauftrags für sich in Anspruch genommen wird oder wo ein Amtsinhaber auch andere Stimmen zulässt und  divergierende Meinungen sich artikulieren lässt.

"Man darf das nicht leichtfertig drangeben"

Florin: Noch gar nicht gesprochen haben wir über über das Thema dieses Konflikts, nämlich über den Zölibat. Es geht eigentlich um Sex beziehungsweise Sex-Verzicht. Eine etwas spekulative Frage: Wäre die Auseinandersetzung genauso dramatisch gewesen, wenn der Streit die Wandlungsworte zum Inhalt gehabt hätte, also ob Jesus nur "für viele" oder "für alle" gestorben ist?

Marx: Es ist der Resonanzraum gerade der westlichen Gesellschaften, der hier sehr anders angelegt ist. Es ist ein Thema, das zum einen das Amtsverständnis der Kirche befragt, auch das Amtsverständnis des Priestertums. Das ist in dieser Gesellschaft so sehr fremd geworden, dass sich dahinter schon eine besondere Neugier versteckt. Die Angst der Benedikt Fraktion ist, dass diese Regel fallen könnte, die ja historisch gewachsen ist und nicht biblisch hinterlegt. Diese Angst hat genau damit zu tun, dass es letztlich das Amtsverständnis des Priesterseins berühren würde.

Florin: Nehmen Sie das alles noch ernst?

Marx: Sie sehen mich stocken. Man darf das nicht leichtfertig drangeben, also Teile davon. Man muss genau da gucken, wo diese Machtinszenierung zum Beispiel ausschließend sind, wo sie hegemoniale Strukturen verstärken. Aber man muss auch fragen: Wo liegen eigentlich die Chancen, eine Institution wie die Kirche tatsächlich in eine globale Zukunft zu führen?

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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