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StartseiteTag für TagZwei Staatschefs in einer Stadt06.02.2019

Vatikan und Quirinal in RomZwei Staatschefs in einer Stadt

Rom ist die einzige Stadt weltweit, in der zwei Staatsoberhäupter leben und zwei Staaten vorstehen: hier Italiens Staatspräsident, dort der Papst im Vatikan. Das kann nicht immer gut gehen. Mal verstehen sich die beiden - mal mögen sie sich gar nicht.

Von Thomas Migge

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Rom, Italien - Palazzo del Quirinale (Quirinals-Palast) auf dem gleichnamigen Hügel und mit Blick auf den gleichnamigen Platz. Seit 1870 ist es der offizielle Wohnsitz des Königs von Italien und seit 1946 ist der Amtssitz des Präsidenten der Italienischen Republik Italien in Rom. (imago stock&people)
Palazzo del Quirinale (Quirinals-Palast) auf dem gleichnamigen Hügel (imago stock&people)
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Zwischen 1946 und heute hatte Italien zwölf Präsidenten. Der Kirchenstaat wurde in der gleichen Zeitspanne von sieben Päpsten regiert. Dass beide Staatsoberhäupter in einer Stadt leben, erklärt, dass ihre Beziehungen immer eng waren und sind – auch wenn sie sich nicht unbedingt verstanden. Der Historiker Alessandro Acciavatti hat in seinem vor kurzem erschienen Buch die Beziehungen der Päpste und der Staatspräsidenten Italiens unter die Lupe genommen:

"Ganz generell kann man die Beziehungen zwischen beiden Staatsoberhäuptern ab 1946 so beschreiben: harmonisch mit bestimmten Höhe- und Tiefpunkten. Aber immer waren diese Beziehungen intensiv, schon wegen der räumlichen Nähe und den Überschneidungspunkten ihrer Einflusssphären. Vor allem in Krisenzeiten standen die beiden Staatsoberhäupter in ganz direkter Weise miteinander in Kontakt."

Etwa am 13. Mai 1978:

"Du Gott, Herr über Leben und Tod, du hast unser Flehen nicht erhört, Aldo Moro zu beschützen, diesen guten und zurückhaltenden und unschuldigen Mann."

Der Papst war Beichtvater des Politikers

Die Stimme von Paul VI. bebt. Als sei er den Tränen nahe. Der Papst zelebriert die Totenmesse für seinen Freund Aldo Moro. Der christdemokratische Politiker ist vier Tage zuvor von den linksextremistischen Roten Brigaden ermordet worden. Der Papst war der Beichtvater des Politikers. Seine Ermordung sollte den so genannten "historischen Kompromiss" verhindern, die politische Annäherung der beiden damals größten Parteien Italiens, der Christdemokraten und der Kommunisten, der KPI.

Staatspräsident ist damals Francesco Cossiga. Auch er ein Christdemokrat, aber längst kein Freund Aldo Moros und des Papstes. Moros Versuch, die von Cossiga verteufelten Kommunisten durch eine mögliche Regierungsbeteiligung zu bändigen, lehnt Italiens Staatspräsident entschieden ab. Bis heute hält sich deshalb der Verdacht, die Entführung und Ermordung Moros sei antikommunistischen Christdemokraten wie Cossiga nur recht gewesen. Cossiga soll es gar nicht gefallen haben, dass Papst Paul VI. von sich aus versuchte, Moros Leben mit der Zahlung eines Lösegeldes zu retten. Dieses Vorgehen des Papstes wurde von Vatikankennern als Kritik Pauls VI. an den regierenden Christdemokraten interpretiert. Somit markiert der Fall Moro einen Tiefpunkt in den Beziehungen zwischen italienischem Staat und katholischer Kirche.

Ganz anders waren die Beziehungen zwischen Johannes Paul II. und dem Sozialisten Sandro Pertini. Dass Pertini ein erklärter Laizist war und sowohl die Ehescheidung und als auch den Schwangerschaftsabbruch befürwortete, tat den guten Beziehungen zwischen beiden keinen Abbruch.

Papst und Staatspräsident waren Freunde

Der Historiker Alessandro Acciavatti: "Pertini war Staatspräsident von 1978 bis 1985. Er und Wojtyla können ohne Übertreibung als Freunde bezeichnet werden. Noch nie zuvor in der italienischen Geschichte hatten ein Papst und ein Staatspräsident einen Tag zusammen in den Bergen verbracht. Der polnische Papst pflegte aber auch erstaunlich gute Beziehungen zu anderen italienischen Staatspräsidenten, wie etwa zu Carlo Azeglio Ciampi."

Die Studie Alessandro Acciavattis zu den beiden einflussreichsten Persönlichkeiten, die Italiens Geschichte bestimmten und bestimmen, bietet neben nüchtern-historischen Analysen auch kuriose Hintergründe. So soll etwa für die besonders guten Beziehungen zwischen Präsident Ciampi und Papst Johannes Paul II. vor allem "Donna Franca" verantwortlich gewesen, die Ehefrau Ciampis. Sie soll den Papst sogar persönlich mehrfach angerufen haben, um mit ihm politische Themen zu besprechen. Staatspräsident Giorgio Napolitano, 2006 bis 2015, ein Ex-Kommunist und laizistischer Sozialdemokrat, scheint sich sehr gut mit Papst Benedikt XVI. verstanden zu haben, weiß Acciavatti:

"Ihre Beziehung wurde schnell besonders intensiv, weil beide erklärte Musikliebhaber sind. So kam es mehrfach zu Gesprächen nicht nur über Politik, sondern eben auch über Musik."

Der Historiker Acciavatti spricht in seiner Studie immer wieder von den "Bewohnern der Colli", der Hügel, denn der Vatikan erhebt sich auf dem vatikanischen Hügel, und der Quirinalspalast, in dem die Staatspräsidenten amtieren, auf dem Quirinalshügel.

Keine guten Beziehungen vor 1946

Die Beziehungen der Bewohner beider Hügel, so Acciavatti, waren vor 1946 gar nicht gut. Denn der Quirinalspalast war einst die päpstliche Sommerresidenz in Rom. Doch dann - mit der italienischen Staatseinigung - waren dort Italiens Könige eingezogen. Die Päpste hatten sich in den Vatikanstaat ins innere Exil zurückgezogen. Auch nach 1929, jenem Jahr, in dem die Lateranverträge die Beziehungen zwischen dem faschistischen Staat und dem Heiligen Stuhl regelten, kam es nicht zu einer deutlichen Annäherung zwischen Papst und König. Erst mit der Schaffung der Italienischen Republik nach Kriegsende kamen sich die beiden Hügelbewohner entschieden näher. Alessandro Acciavatti:

"Sehr oft traten Papst und Staatspräsident fortan gemeinsam auf - vor allem bei außenpolitischen Themen, wie etwa vor den Vereinten Nationen, und dann auch noch mit gleichen oder ähnlichen Positionen."

Auch Papst Franziskus und Italiens Staatspräsident Sergio Mattarella scheinen sich gut zu verstehen. Sie lehnen beide die Ausländer- und Einwanderungspolitik von Innenminister Matteo Salvini ab, auch seine antieuropäische Politik sowie das Verbot der Regierung, Rettungsschiffe in italienischen Häfen ankern zu lassen.

Alessandro Acciacatti zufolge hat die Politik der amtierenden Regierung zu einer in der italienischen Nachkriegsgeschichte besonders intensiven Annäherung der Bewohner der beiden Hügel geführt.

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