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StartseiteTag für TagDer für den Papst in den Himmel schaut18.07.2016

Vatikanische SternwarteDer für den Papst in den Himmel schaut

Seit Jahrhunderten unterhält der Vatikan eine eigene Sternwarte mit insgesamt vier Teleskopen in Italien und einem weiteren in den USA. Neuer Direktor der Sternwarte ist ein amerikanischer Astronomie-Professor und Jesuit. Naturwissenschaft und Religion – das ist für ihn kein Widerspruch.

Von Thomas Migge

Die Autoren des Buches "Wo war Gott,als das Universumgeschaffen wurde?" - Guy Consolmagno und Paul Müller (Debra St. Claire)
Die Autoren des Buches "Wo war Gott, als das Universum geschaffen wurde?" - Guy Consolmagno und Paul Müller (Debra St. Claire)

Castel Gandolfo in den Albaner Bergen: Das ist die Sommerresidenz des Vatikans, wo frühere Päpste ihre Ferien verbrachten und sommerliche Audienzen abhielten. Franziskus allerdings macht hier keinen Urlaub - und so ist es im Palazzo Pontificio meistens ziemlich ruhig. Ständig präsent ist ein amerikanischer Wissenschaftler, Physik-Professor und Jesuit: Guy Consolmagno lebt und arbeitet in der Sommerresidenz. Er ist der Chefastronom des Papstes und  Direktor der vatikanischen Sternwarte, die sich ebenfalls in Castel Gandolfo befindet. Auf dem Dach des Papstpalastes, wo sich zwei Teleskopkuppeln erheben, zeigt Consolmagno auf eine Gedenktafel aus Marmor:

"Gott, der Schöpfer, lasst uns ihn verehren. Das ist unser Motto. Es erklärt, warum wir hier Astronomie betreiben: Wir erforschen die Schöpfung, um uns dem Schöpfer zu nähern."

Consolmagno muss einige Türen aufschließen, um eine der beiden Kuppeln zu erreichen. Vier Teleskope stehen ihm in Castel Gandolfo zur Verfügung, ein weiteres betreibt der Vatikan im US-Bundesstaat Arizona.

Historische Geräte

Von Hand zieht der Astronom die große Teleskopkuppel auf dem Papstpalast auf. 1935 kaufte Papst Pius XI. in Deutschland hochmoderne Geräte zur Himmelsbeobachtung, die auch heute noch reibungslos funktionieren. Consolmagno richtet das historische Fernrohr ein, schaut hindurch – und ist zufrieden. 

Da ist sie ja, sagt er, die Sonne. Durch das Teleskop ist der blutrote Feuerball zu sehen, man erkennt auf der Oberfläche auch die gigantischen Explosionen.

Blick auf Castel Gandolfo am Lago Albano mit der Sommerresidenz des Papstes in der italienischen Provinz Latium. (picture alliance / dpa / Udo Bernhart)Blick auf Castel Gandolfo am Lago Albano mit der Sommerresidenz des Papstes in der italienischen Provinz Latium. (picture alliance / dpa / Udo Bernhart)

Seit letztem Herbst ist der international angesehene Wissenschaftler und Jesuit Consolmagno Chef der päpstlichen Sternwarte. Die "Specola Vaticana" gibt es schon seit Ende des 16. Jahrhunderts. Gregor XIII. war den Wissenschaften gegenüber aufgeschlossen. Im Zuge seiner Kalenderreform zog er auch Astronomen zu Rate und ließ die erste vatikanische Sternwarte errichten. Es waren in der Vergangenheit immer wieder Jesuiten wie Guy Consolmagno, die der Institution vorstanden. Ihr Orden gilt als besonders wissenschaftsfreundlich. Consolmagno, 63 Jahre alt, hat auch bereits populärwissenschaftliche Bücher geschrieben. Mehrere Jahre lang leitete er die Abteilung für Planetenkunde in der US-amerikanischen Astronomengesellschaft. 

Seit seiner Jugend schaut er in die Weiten des Universums. Als Kind habe er geglaubt, da draußen im All müsse irgendwo Gott sein. Heute sieht er es anders:

"Schon die Theologen im Mittelalter und auch die Kirchenväter schrieben: Gott, der für das Universum verantwortlich ist, kann nicht in diesem Universum sein. Er ist solange nicht Teil des Universums, solange er nicht entscheidet, darin zu erscheinen. Gott ist eben nicht vergleichbar mit Gravität oder Elektrizität. Gott, davon bin ich überzeugt, existierte schon vor dem Big Bang, schon vor allem, was er dann schuf."

Forschen für die Wahrheit

Naturwissenschaft und Religion: Für den Chefastronomen des Papstes ist das kein Widerspruch. Ob ein Sternenforscher religiös ist oder atheistisch, sei für die Wissenschaft ohnehin unerheblich:

"Wir alle erforschen das Universum auf die gleiche wissenschaftliche Art und Weise. Mit den gleichen Mitteln und der gleichen Absicht. Und diese Absicht ist: die Wahrheit. Der einzige wesentliche Unterschied zwischen atheistischen Kollegen und mir ist die Frage, warum ich etwas tue. Ich tue es mit der Liebe Gottes, denn für mich ist Gott die Liebe."

Lichtverschmutzung in Italien

Mehr als eine Million Euro investiert der Vatikan pro Jahr in die Sternenforschung. Das sind etwa 0,3 Prozent des vatikanischen Gesamtbudgets. Ernstzunehmende astronomische Forschung betreibt die katholische Kirche vor allem in ihrem Observatorium im US-Bundesstaat Arizona - wo es keine so hohe Lichtverschmutzung des nächtlichen Himmels gibt wie in Castel Gandolfo bei Rom. Für Direktor Consolmagno aber haben die vier Teleskope dort eine hohe symbolische Bedeutung: beweisen sie doch seit über 400 Jahren, dass sich Ratio und Religio in keiner Weise ausschließen. Im Gegenteil. Immer wieder, sagt Consolmagno, wunderten sich seine Kollegen darüber, dass auch der Zwergstaat Vatikan Sternenforschung betreibt:

"Warum braucht man überhaupt Astronomen? Warum finanzieren die deutsche oder die amerikanische Regierung die Himmelsforschung? Doch es ist faszinierend, ins Universum zu schauen. Das ist ein Luxus, auf den man nicht verzichten sollte."

Bevor er päpstlicher Chefastronom wurde, stand er bereits der vatikanischen Meteoritensammlung vor – die mit rund 1.200 Objekten als eine der bedeutendsten weltweit gilt. Diese für Astronomen aufschlussreichen Gesteinsbrocken aus dem All bekommen in diesem Sommer auch jene Studenten zu sehen, die an der "Vatican Observatory Summer School" teilnehmen, einer Astronomie-Sommerschule für junge Physiker aus aller Welt. Um den Forscher-Nachwuchs kümmert sich auch Guy Consolmagno. So komme, meint er beim Abschied auf der Piazza von Castel Gandolfo, wenigstens ein bisschen Leben in den ansonsten viel zu stillen Papstpalast.

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