Sonntag, 25.07.2021
 
Seit 08:35 Uhr Am Sonntagmorgen
StartseiteKommentare und Themen der WocheDie Auto-Lobby macht sich unglaubwürdig10.07.2021

VDA und ElektromobilitätDie Auto-Lobby macht sich unglaubwürdig

Viele Autobauer hätten verstanden, dass sie zugunsten des Klimas auf Elektromobilität setzen müssten, kommentiert Silke Hahne. Unverdrossen warnt hingegen der Verband der Automobilindustrie vor einem Aus für Verbrenner. Die Autokonzerne sollten sich überlegen, ob sie den VDA noch als Sprachrohr wollen.

Ein Kommentar von Silke Hahne

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Das Bild zeigt ein Schild mit der Aufschrift Verband der Automobilindustrie  (IMAGO / Stefan Zeitz)
Die Autokonzerne sollten sich genau überlegen, ob sie den VDA noch als Sprachrohr wollen, meint Silke Hahne (IMAGO / Stefan Zeitz)
Mehr zum Thema

VW rüstet in Salzgitter auf Elektro um Ein Werk im Wandel

Ladesäulen für Elektro-Autos Zuverlässiger Standard beim Stromzapfen

Verkehrsexperte zu E-Mobilität "Elektroauto darf nicht das Zweitauto sein"

Brandrisiko Elektroauto Wenn der Akku brennt, hilft nur sehr viel Wasser

Elektroauto-Hersteller Tesla will neue Fabrik bei Berlin

Porsche baut erstes reines Elektroauto Umwelthilfe: "Braucht kein Mensch"

Elektroauto mit Solarantrieb Ein Auto nach dem Baukastenprinzip

Hauptversammlung bei VW Die Wette auf das Elektroauto

Elektromobilität Elektro-Auto im Selbstversuch

Die deutschen Autobauer haben mal wieder eine harte Woche hinter sich. BMW und der VW-Konzern wurden von der EU zu Kartellstrafen von insgesamt rund 875 Millionen Euro verdonnert. Dabei ging es nicht etwa um die Aufteilung von Märkten oder um Preisabsprachen. BMW, Volkswagen und auch Daimler sollen bewusst Umweltschutz verhindert haben. Sie haben eingeräumt, sich über die Größe von Harnstoff-Tanks abgesprochen zu haben. Harnstoff reduziert Stickoxide in Diesel-Abgasen. Die Autobauer hatten also beschlossen, sich in Sachen Luftverschmutzung keine Konkurrenz zu machen, sondern gemeinsame Sache.

Die Logos der deutschen Automarken VW, BMW und Daimler, dahinter eine wehende EU-Fahne (dpa/DLF24)VW, BMW und Daimler unter Verdacht der EU-Kommission (dpa/DLF24)

Empörung ist abgeebbt

Während Daimler als Kronzeuge von der Kartellstrafe verschont blieb, haben die Stuttgarter an anderer Front auf den Deckel bekommen: Der Verbraucherzentrale Bundesverband reichte eine Musterfeststellungsklage gegen Daimler ein. Auch hier geht es um Dieselabgase. Der Verband will klären lassen, ob Kundinnen und Kunden vorsätzlich getäuscht wurden und ob ihnen deshalb Schadenersatz zusteht. Die Forderungen von Privatleuten belaufen sich inzwischen in der Summe auf mehr als eine Milliarde Euro, dazu kommen Investorenklagen. Mit denen hat es auch Volkswagen zu tun.

An einem Autohaus prangt das Logo des Volkswagen-Konzerns - aufgenommen aus dem öffentlichen Raum. Rheda-Wiedenbrück,  (dpa / picture alliance / Geisler-Fotopress) (dpa / picture alliance / Geisler-Fotopress)Die schleppende Aufarbeitung des VW-Diesel-Skandals
Der Dieselbetrug und seine Aufarbeitung haben den Autokonzern VW bereits mehr als 30 Milliarden Euro gekostet. Und ein Ende ist noch nicht in Sicht. Von schneller Aufarbeitung kann nicht die Rede sein. 

Die Empörung über all das ist abgeebbt. Die Autoindustrie war halt früher nicht ganz sauber, ok. Und, mal ganz ehrlich, mittlerweile machen die doch echt viel mit Elektro-Autos, oder? Sie fahren elektrifiziert in die Zukunft, haben die schmutzige Vergangenheit abgeschüttelt.

Es hat sich in der Tat viel bewegt in den vergangenen Jahren. Die Konzerne haben nicht nur etliche elektrische Modelle auf den Markt gebracht. Nach und nach haben sie auch Jahresziele formuliert: Wie viel Prozent der Flotte soll etwa bis 2030 elektrisch sein? Ab wann sollen gar keine Verbrenner mehr entwickelt oder produziert werden?

Verkehrssektor wird nicht länger geschont

Unabhängig davon, wie ambitioniert diese Zahlen im Einzelnen sind – ihre Formulierung ist für sich genommen ein Fortschritt. Die Unternehmen werden sich daran messen lassen müssen. Zum Beispiel auf den Finanzmärkten, wo Investitionen aufgrund der Zukunftsfähigkeit von Firmen getroffen werden.

Die Ziele sind aber eine direkte Folge des politischen Drucks aus Brüssel. Die CO2-Vorgaben der EU sind schon strenger geworden und werden am kommenden Mittwoch voraussichtlich weiter verschärft. Es wird damit gerechnet, dass Neuwagen ab dem Jahr 2035 kein CO2 mehr ausstoßen dürfen. Auf dem Weg aus der Klimakrise wird der Verkehrssektor nicht länger geschont. Viele Autobauer haben das verstanden, zuletzt Opel: Die Marke soll ab 2028 in Europa rein elektrisch sein.

Ein Mitarbeiter von Volkswagen steht in einem Reinraum zur Produktion von Batteriezellen im VW Werk Salzgitter. (picture alliance/Julian Stratenschulte) (picture alliance/Julian Stratenschulte)VW rüstet in Salzgitter auf Elektro um - Ein Werk im Wandel
Statt Verbrennungsmotoren baut VW in Salzgitter bald eigene Batteriezellen. Es ist ein erster Schritt hin zur umweltfreundlicheren Elektromobilität. Doch die Festlegung auf nur eine Antriebsart birgt auch Risiken.

Umso erstaunlicher ist das Gebaren des mächtigen Auto-Lobbyvereins, dem Verband der Automobilindustrie VDA. Unverdrossen warnt dessen Chefin Hildegard Müller vor einem Aus für Verbrenner. Ihr Interessenverband fabuliert, dass der schnelle Umstieg auf Batterieautos gar nicht möglich sei, schon gar nicht bis 2035 – obwohl die Konzerne diese Grenze in ihren eigenen Zielen teils deutlich unterschreiten.

Schönfärberei des VDA

Der VDA macht sich unglaubwürdig, nicht zum ersten Mal. So behauptete der Verband jüngst, in Deutschland gebe es eine Million Elektroautos – eine Zielmarke, die Angela Merkel vor rund zehn Jahren für 2020 anvisiert hatte. Nun sollte es erreicht sein, mit nur sechs Monaten Verzögerung? Mitnichten. Der VDA zog für seine Rechnung die Definition von "Elektroauto" heran, die Plug-In-Hybride mit einbezieht – Autos also, die oft nur 50 Kilometer elektrische Reichweite haben und im Verbrennermodus teils mehr verbrauchen als konventionelle Benzin- oder Dieselautos. Was nicht passt, wird passend gemacht.

Das Bild zeigt mehrere hintereinender stehende weiße VW-Autos. Man sieht nur die Frontseiten. (dpa / Holger Hollemann) (dpa / Holger Hollemann)VDA fordert Kaufprämien
Der Verband der Automobilindustrie fordert von der Bundesregierung Kaufprämien - auch für Diesel- und Benzin-Fahrzeuge. Kaufprämien seien notwendig, um das Vertrauen der Verbraucher zurückzugewinnen, sagte VDA-Präsidentin Hildegard Müller.

Mit dieser Schönfärberei knüpft der VDA bei der Kultur an, die letztlich zu den Rechtsrisiken und Strafzahlungen geführt hat, die die Autobauer immer wieder einholen. Geld, dass viel besser in Forschung und Entwicklung, zukunftsgewandte Aufträge an Zulieferer oder die Qualifikation von Beschäftigten investiert werden könnte. Die Autokonzerne sollten sich daher genau überlegen, ob sie den VDA noch als Sprachrohr wollen. Oder ob der sich nicht längst überflüssig gemacht hat.

Silke Hahne, Redakteurin für Wirtschaft und Gesellschaft. (Deutschlandradio / Bettina Fuerst-Fastre)Silke Hahne, Redakteurin für Wirtschaft und Gesellschaft. (Deutschlandradio / Bettina Fuerst-Fastre)Silke Hahne, geboren bei Köln. Studium Kommunikationswissenschaft und Hörfunkjournalismus in Münster und Leipzig, jeweils mit dem Schwerpunkt Wirtschaft/Finanzen. Freie Mitarbeiterin bei mehreren MDR-Hörfunkwellen, Volontariat beim Deutschlandradio. Redakteurin in der Abteilung Wirtschaft und Gesellschaft.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk