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StartseiteBüchermarktRoadtrip mit Leiche03.04.2019

Vea Kaiser: "Rückwärtswalzer"Roadtrip mit Leiche

In ihrem Roman „Rückwärtswalzer“ erzählt die Österreicherin Vea Kaiser von den Lücken, die der Tod in einer Familie hinterlässt. Sterben und Trauer verarbeitet sie auf berührende, aber durchweg komische Art und Weise. Abermals lässt die junge Autorin dabei ihre virtuosen Fabulierkünste spielen.

Von Veronika Schuchter

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Buchcover: Vea Kaiser: „Rückwärtswalzer. oder Die Manen der Familie Prischinger“ (Buchcover: Kiepenheuer & Witsch Verlag, Foto: dpa/Wolfgang Thieme )
Vea Kaiser ist eine Chronistin österreichischer Befindlichkeiten (Buchcover: Kiepenheuer & Witsch Verlag, Foto: dpa/Wolfgang Thieme )
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Der erfolglose Schauspieler Lorenz, pleite und auch noch von der Freundin sitzengelassen, sucht Unterschlupf bei seinen drei Tanten Hedi, Wetti und Mirl. Als Hedis Mann Willi überraschend stirbt, beschließen die drei Tanten kurzerhand, Willis Wunsch, in seinem Heimatland Montenegro begraben zu werden, zu erfüllen. Die offizielle Überstellung übersteigt das Familienbudget, also packt der widerstrebende Lorenz Onkel Willi nach einer Nacht im Kühlhaus auf den Beifahrersitz seines Fiat Panda. Mit den drei Tanten im Gepäck kann der Roadtrip von Wien Liesing an die Küste Montenegros beginnen:

"Was machst du denn?", rief Wetti, als Lorenz die Tür hinter dem Fahrersitz öffnete.
"Na, den Onkel Willi einladen!"
"Das ist mein Platz!", sagte Mirl.
"Wo soll er denn sonst sitzen?", fragte Lorenz.
"Na auf dem Beifahrersitz!", brüllten die Tanten im Chor.
"Seid ihr von allen guten Geistern verlassen? Wo ihn jeder sofort sehen kann?"
Hedi kurbelte das Fenster hinunter und reichte ihm eine Kappe und eine Sonnenbrille. "Setz ihm die auf!"
"Das ist wahnwitzig!", sagte Lorenz, während der Fleischermeister ihm Kappe und Sonnenbrille
abnahm und sie Willi aufsetzte.
"Ich hab noch etwas Bronze-Erdpuder mit für sein Gesicht", sagte Wetti.
"Das ist Leichenschändung", murmelte Lorenz überfordert.

Leben in der Zweiten Republik

Dass Vea Kaiser ebenfalls auf das beliebte Motiv zurückgreift, ist kein Zufall. Es ermöglicht es ihr, Trauer, Rückschau und den Aufschub eines schmerzhaften Abschieds mit humoristischen Elementen zu verknüpfen und dem Thema Tod so eine gewisse Leichtigkeit abzugewinnen. Dazwischen beleuchtet Kaiser in schlaglichtartigen Rückblicken auf das Leben der Prischingers die Geschichte der Zweiten Republik. Sie erzählt, wie die Geschwister auf einem russisch besetzten Bauernhof im Waldviertel aufwachsen. Bis einer der Brüder, Nenerl, auf tragische Weise stirbt und die anderen Geschwister sich zunächst verlieren. Die Wege, die sie fortan beschreiten, verwebt Kaiser mit gesellschaftlichen Prozessen. Gerade die Rückblicke auf die österreichische Zeitgeschichte der 1990er Jahre lesen sich bisweilen als wenig subtile Kommentare auf aktuelle Entwicklungen:

Hedi war überzeugt, das würde sich am Wahltag auszahlen. Zu ihrem großen Entsetzen grassierte die blaue Seuche in Liesing, dem traditionellen Arbeiterbezirk, momentan besonders heftig. Die Menschen hatten Angst vor allem. Angst vor Ausländern, Angst vor Kriegsflüchtlingen, Angst vor dem EU-Beitritt, Angst, die Neutralität zu verlieren, Angst, bald in der Geiselhaft der Nato zu enden. Und sie glaubten, ausgerechnet Haider sei der starke Mann, der alles zum Besseren wenden könne. Dabei träumte der bloß davon, Österreich zu einem Teil Deutschlands zu machen und den einfachen Mann, dem er das Blaue vom Himmel versprach, auszubeuten.

Zuneigung zu wenig perfekten Figuren

Auch in ihrem dritten Roman verlässt sich Kaiser, die mit ihrem Debüt "Blasmusikpop" 2012  zum Shootingstar der österreichischen Literatur avancierte, auf die bewährten Ingredienzien. Als "Helene Fischer der Literatur" wurde sie in der FAZ bezeichnet, da schwingen doch gehörige Ressentiments gegen Kaisers unterhaltsame Lesbarkeit mit. Trivial ist das deshalb noch lange nicht und auch von der medialen Inszenierung als Fräuleinwunder, die Kaiser offensiv übernahm, sollte man sich nicht täuschen lassen.

Vea Kaiser ist eine Chronistin österreichischer Befindlichkeiten. Sie erkundet unterschiedliche Sozialräume, vom Bergdorf bis zum typischen Wiener Gemeindebau. Manchmal kommt sie dabei wie ein weichgespülter Deix daher, doch im Gegensatz zum Karikaturisten, der österreichische Grauslichkeiten nicht an, sondern über die Schmerzgrenze treibt, merkt man bei Kaiser eine große Zuneigung für ihre alles andere als perfekten Figuren. Diese sind so stark typisiert, dass man sich an den Golden-Girls-Cast erinnert fühlt, von der weltabgewandten Naturliebhaberin bis zur aufgetakelten Beamtenehefrau, doch Kaisers Stärke ist es, jedem Klischee auch etwas Überraschendes und Individuelles abzugewinnen. 

Mit Verve und Wiener Schmäh

Ein schrulliges Ensemble und slapstickartiger Humor bilden das Grundgerüst jedes Vea-Kaiser-Romans. Das muss man steuern können, damit es nicht ins Triviale oder gar Lächerliche kippt. Der studierten Altphilologin, die zwischendurch ihre Liebe zur Antike einfließen lässt, gelingt das über weite Strecken. Nur manchmal geht Kaiser der österreichisch angehauchte Schmäh etwas durch. Dann wird es zwanghaft originell und die Haare der Tante Wetti sind nicht rot, sondern "karottoid".

Darüber kann man hinwegsehen, und auch die etwas einfachen Botschaften verzeiht man gerne, denn Kaiser ist eine rasante und äußerst unterhaltsame Erzählerin, der es vor allem um das Innenleben ihrer Figuren geht, über die sie einen tiefgehenden und ernst gemeinten Humanismus spürbar werden lässt. "Wir sind eine Familie, niemand wird zurückgelassen.", ist das wiederkehrende Motto der Prischingers. Ganz kann einen auch die Familie vor Erfahrungen wie Rassismus und sexueller Gewalt nicht bewahren, das lässt Kaiser immer wieder am Rande einfließen, ohne in Betroffenheitsprosa abzugleiten. In die manchmal etwas Überhand zu nehmen drohende Parade an Schrulligkeiten sind kleine Tragödien gemischt, die umso stärker wirken, da sie unscheinbar daherkommen.

Anspruchsvolle Unterhaltungsliteratur

Als Kind hatte sich Wetti immer gefreut, wenn sie die Ehre bekam, ihm zu assistieren. Dabei hätte schon damals, so dachte sie heute, ihre Mutter misstrauisch werden müssen. Explizit hatte der Tierarzt immer gesagt, er brauche Barbaras Hilfe, obwohl Sepp und Mirl älter waren. Doch die Mutter war nie misstrauisch gewesen, hatte immer Barbara geschickt, auch als sie älter war und nicht mehr wollte, weil sie wusste, dass das nicht richtig war, egal wie oft der Tierarzt beteuerte, dass es richtig sei.

Das deutschsprachige Feuilleton hat ein Misstrauen gegen Unterhaltungsliteratur nie ganz abgelegt. Das ist schade, denn Vea Kaiser zeigt, dass man auch anspruchsvolle Themen unterhaltsam erzählen kann. Allerdings wäre ein etwas originellerer Plot nächstes Mal wünschenswert, daran haperte es schon bei den letzten Romanen. Bei allem Wohlwollen kommt man nicht darum herum, festzustellen, dass seit ihrem Debüt wenig Entwicklung stattgefunden hat und die Autorin sich zu sehr auf ihre Fabulierkünste und ihre Originalität in den Details verlässt. Das große Ganze verliert sie dabei etwas aus den Augen. Ihr sprachlicher Witz, gepaart mit humanistischem Engagement machen "Rückwärtswalzer" dennoch sehr lesenswert.

Vea Kaiser: "Rückwärtswalzer oder Die Manen der Familie Prischinger"
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln. 448 Seiten, 22 Euro.

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