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Venedig und die KreuzfahrtschiffeNicht nur umlenken, sondern auch umdenken

Die großen Kreuzfahrtschiffe dürfen Venedig künftig nicht mehr direkt ansteuern, sondern müssen südlich in die Lagune einfahren. Ein klares Verbot ist das nicht, findet Benjamin Dierks. Für den Schutz der Lagune ist damit nicht viel gewonnen. Und: Venedig brauche auch eine andere Art von Tourismus.

Ein Kommentar von Benjamin Dierks

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Das Kreuzfahrtschiff MSC Orchestra verlässt mit 650 Gästen an Board Venedig am 5. Juni 2021 (AFP / Miguel Medina)
Künftig sollen Kreuzfahrtschiffe, die mehr als 25.000 Bruttoregistertonnen aufbringen, länger als 180 Meter oder höher als 35 Meter sind, weiter südlich in die Lagune von Venedig einfahren (AFP / Miguel Medina)
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Die haushohen Kreuzfahrtschiffe, die sich am Markusplatz und dem Rest der pittoresken Innenstadt von Venedig vorbeischieben, wirken grotesk deplaziert. Sie überragen noch die prächtigsten Palazzi und schaden der Bausubstanz der einstigen Handelsmetropole. Deshalb schon ist es gut und richtig, dass die schwimmenden Bettenburgen Venedig auf dieser Route per erstem August nicht mehr anfahren dürfen - zumindest nicht die, die mehr als 25.000 Bruttoregistertonnen aufbringen, länger als 180 Meter oder höher als 35 Meter sind.

Kosmetische Korrektur, um die UNESCO zu besänftigen

Damit ist es mit der Klarheit in diesem Fall aber auch schon wieder vorbei. Und von hier an geht es in die Niederungen dieses italienischen Streits um das Für und Wider der Kreuzfahrtschiffe in Venedig. Die Verwaltung der Stadt will die Touristen nicht vergraulen und die Jobs erhalten, die mit der Kreuzfahrtbranche zusammenhängen. Die UNESCO aber droht, Venedig auf die Rote Liste des bedrohten Weltkulturerbes zu setzen. Deshalb drängt sich ein Verdacht auf.

Overtourism in Venedig. Ein Kreuzfahrtschiff läuft in den Hafen von Venedig ein. Die MSC Musica Länge über alles 275 Meter, rund 2000 Passagiere, ist ein Kreuzfahrtschiff der MSC Cruises. Die Passage durch den Giudecca-Kanal vorbei am Markusplatz ist umstritten. Aus Sicherheitsgründen müssen die Schiffe inzwischen von drei statt bisher von zwei Hafenschleppern begleitet werden. (IMAGO / Arnulf Hettrich) (IMAGO / Arnulf Hettrich)Journalistin Reski: "Lobbyarbeit der Kreuzfahrtindustrie sehr erfolgreich"
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Die Entscheidung aus Rom, Kreuzfahrtschiffe zumindest aus dem direkten Panorama von Venedig zu verdrängen, könnte vor allem eine kosmetische Korrektur sein, um die UNESCO zu besänftigen. Denn ein klares Verbot von Kreuzfahrtschiffen in der Lagune von Venedig ist dieser Schritt der italienischen Regierung, anders als weithin berichtet, noch nicht.

Die großen Kreuzfahrtschiffe dürfen zwar künftig nicht mehr direkt an Venedig vorbeisteuern. Wohl aber fahren Sie weiter südlich auf der Route der Öltanker in die Lagune ein und machen am Industriehafen am Festland gegenüber von Venedig fest. Für den Schutz der Lagune ist dadurch nicht viel gewonnen. Auch die UNESCO will diesen Schritt nur als Übergangslösung akzeptieren. Die Kreuzfahrtschiffe sollten stattdessen ganz außerhalb der bedrohten Lagune halten.

Lokale Bürgermeister protestieren

Da tun sich aber, wie nicht anders zu erwarten, die nächsten Konflikte auf. Südlich der Lagune etwa wollen die lokalen Bürgermeister nicht mitmachen. Sie befürchten, dass sie nur den Ansturm der Schiffe logistisch bewältigen müssen, während die Touristen ihr Geld weiterhin in Venedig lassen.

Und sicher: wirtschaftliche Bedenken sind nicht einfach von der Hand zu weisen, gerade nach der langen Flaute, die Corona Urlaubsorten beschert hat. In der Tat in Venedig hängen viele Jobs am Hafen und an der Kreuzfahrtindustrie, und die Stadtoberen fürchten um ihre Einnahmen, wenn weniger Besucher mit den Schiffen in die Lagune kommen.

Das ist allerdings reichlich einseitig gedacht. Die Stadt rechnet vor, dass 2018 vor den Überschwemmungen des Folgejahres und vor dem Corona-Einbruch 1,8 Millionen Kreuzfahrttouristen nach Venedig gekommen seien und 55 Millionen Euro ausgegeben hätten. Auf die einzelnen Touristen gerechnet sind es aber gerade mal 30 Euro pro Person. Den Kosten und Schäden für Natur und Einwohner gegenübergestellt, die der Massentourismus verursacht, ist das nicht viel. Darauf ist man längst auch in Venedig gekommen.

Ausgeruhter Tourismus statt Massen an Tagesausflüglern

Ein Ziel der Stadt ist es deshalb, wieder mehr Besucher anzulocken, die nicht nur für einen Tag kommen, sondern länger in der Stadt bleiben. Verfechter von nachhaltigem Reisehinweisen schon lange darauf hin, dass ein ausgeruhter Tourismus nicht nur für Anwohner und Umwelt gut ist, sondern auch für die Kassen des jeweiligen Reiseziels.

Dabei geht es gar nicht darum, reichere Touristen anzulocken und weniger Betuchte auszuschließen. Wenn aber weniger Touristen kommen, die sich dafür auf das Reiseziel einlassen, dort ein Hotelzimmer nehmen, Kultureinrichtungen besuchen und im Restaurant essen, bringen sie auf lange Sicht mehr ein als ein kurzer Ansturm von Massen an Tagesausflüglern. Venedig wäre mehr geholfen, wenn es nicht nur Augenwischerei betreibt und die Kreuzfahrtschiffe umlenkt, sondern auch konsequent umdenkt und sich um einen anderen Tourismus bemüht.

Benjamin Dierks (privat)Benjamin Dierks (privat)Benjamin Dierks, 1976 in Hamburg geboren, Studium der Politikwissenschaft und der Internationalen Beziehungen in Berlin und London, seit 2001 Journalist u. a. für die "Jungle World" als London-Korrespondent und für die "taz". 2003 Volontariat bei der "Financial Times Deutschland" in Berlin, Hamburg und Brüssel, 2005 bis 2006 Blattmacher Politik & Wirtschaft in Hamburg, danach Zwischenstopp als IJP-Stipendiat beim "Guardian" in London, 2007 bis 2010 Politischer Korrespondent und Nahost-Redakteur der FTD in Berlin, 2010 bis 2011 Kommentarredakteur und Leitartikler in Hamburg, 2012 EU- und NATO-Korrespondent in Brüssel. 2014 Hintergrund-Redakteur beim Deutschlandfunk in Köln. Seit 2015 in Berlin freier Autor für die Programme von Deutschlandradio.

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