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StartseiteHintergrundVerborgene Liebe26.06.2004

Verborgene Liebe

Homosexuelle Führungskräfte haben es immer noch schwer

<em> Wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich schon Sorge, die Leute lehnen mich ab, sie urteilen mich ab, sie nehmen mich nicht ernst. Ich glaube, das wäre für mich das Schlimmste, dass ich im Arbeitsleben nicht ernst genommen werde, weil ich in so eine Ecke gestellt werde, dass die so ein ungesellschaftliches Leben führt. </em>

Von Markus Rimmele

Homosexualität: nicht immer so offen demonstriert wie während des Christopher-Street-Days, hier am 26.6.2004 in Berlin (AP)
Homosexualität: nicht immer so offen demonstriert wie während des Christopher-Street-Days, hier am 26.6.2004 in Berlin (AP)
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Seit 16 Jahren lebt sie mit einer Frau zusammen, seit zehn Jahren arbeitet sie bei einem großen Versicherungsunternehmen in Süddeutschland, und seit fünf Jahren leitet sie eine Abteilung mit mehr als 100 Mitarbeitern. Sie will anonym bleiben, weil im Unternehmen niemand wissen soll, dass sie lesbisch ist. Nur ein paar ausgewählte Kollegen sind informiert - und ihr Vorgesetzter, dem sie sich im Personalgespräch anvertraut hat.

Ich erzähle, dass ich im Urlaub war. Ich sage halt nicht, wir waren im Urlaub, ich sage, ich war im Urlaub und erzähle alle Geschichten, die ich erlebt habe. Ich erzähle dann auch, ich habe eine Wohnung gekauft und sage nicht, wir haben eine Wohnung gekauft. Ich bin jetzt zehn Jahre in der Firma. Diese zehn Jahre hinweg habe ich nie ganz transparent gemacht, das ich mit einer Frau zusammenlebe. Das ist irgendwann so eingefleischt. Das spüren Sie in dem Moment gar nicht mehr, dass Sie eigentlich nur über sich reden und nicht über Sie und Ihre Partnerin reden. Also, ich habe das völlig routiniert drauf. Ich muss noch nicht einmal überlegen, sage ich jetzt wir oder ich, sondern ich sage automatisiert: ich.

Die Hunderttausende, die bei den schwullesbischen Paraden am Christopher-Street-Day auf der Straße feiern - wie heute in Berlin - täuschen allgemeine Akzeptanz vor. Doch das Versteckspiel gehört nach wie vor zum Alltag der meisten schwulen und lesbischen Führungskräfte in Deutschland.

Eine Umfrage des Lesbenmagazins L-Mag aus dem vergangenen Jahr hat ergeben, dass nur jede zweite Lesbe am Arbeitsplatz offen zu ihrer Homosexualität steht. Unter Führungskräften dürften es noch deutlich weniger sein.

Viele Schwule und Lesben in verantwortungsvollen Positionen errichten über die Jahre ein ganzes Lügengebäude, um die heterosexuelle Fassade zu wahren. Der schwule Manager, auf dessen Schreibtisch ein Foto seiner angeblichen Ehefrau steht, ist nichts Außergewöhnliches. Wer sich einmal in ein solches Doppelleben verstrickt hat, findet schwer wieder heraus.
Das Gleiche gilt für die Spitzenkräfte in der Politik.

Der Parlamentarische Geschäftsführer der Bundestagsfraktion von Bündnis90/Die Grünen Volker Beck ist einer der ganz wenigen offen homosexuellen Abgeordneten im Deutschen Bundestag:

Es gibt eine ganze Reihe von Abgeordneten, die nicht offen schwul oder lesbisch leben, vor allen Dingen bei schwulen Männern kenne ich eine ganze Reihe - oder ich erfahre auch immer wieder von immer mehr - und einige davon arbeiten aktiv an ihrem heterosexuellen Image – bis in die Spitzenpolitik hinein. Die meisten Kolleginnen und Kollegen, die es sind, sagen es nach wie vor nicht. Manche machen dabei eine richtig schlechte Figur, wo ich auch das Gefühl habe, dass sie den Zeitpunkt verpasst haben, wo sie das in einer anständigen Art und Weise sagen können dem Publikum, insbesondere wenn sie dann noch Yellow-Stories machen, wo sie dem Publikum den Eindruck vermitteln, sie seien eigentlich mit einer Frau liiert.

Vorbei sind die Zeiten der Kießling-Affäre, als ein bloßer Verdacht auf Homosexualität Grund für die Entlassung sein konnte. Undenkbar sind von heutigen Politikern Äußerungen wie: "Lieber ein kalter Krieger als ein warmer Bruder" von Franz-Josef Strauß oder: "Ich bin doch kein Kanzler der Schwulen" von Helmut Schmidt. Doch noch immer scheint es keine Normalität für Schwule und Lesben zu geben – erst recht nicht für solche, die Karriere machen und trotzdem keine heterosexuelle Fassade aufbauen wollen. Vor jedem beruflichen Schritt steht zunächst die Frage, wie sie nach außen mit ihrer Homosexualität umgehen sollen. Dabei haben sie zwei Möglichkeiten – idealtypisch verkörpert durch die beiden prominentesten schwulen Politiker Deutschlands.

Ich sage euch etwas zu meiner Person. Ich weiß ja, ich bin ja schon eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens. Und ich weiß auch ganz genau, dass mein Privatleben jetzt sowieso nur noch öffentlich sein wird. Aber damit auch keine Irritationen hochkommen, liebe Genossinnen und Genossen, ich sag’s euch auch, und wer’s noch nicht gewusst hat: Ich bin schwul, und das ist auch gut so, liebe Genossinnen und Genossen.

Klaus Wowereit hat die Form des öffentlichen Bekenntnisses gewählt, des Selbst-Outings. Ob dies auf Druck durch die Boulevard-Presse geschah, oder ob er – wie manche ihm vorwerfen – nur seine Bekanntheit zu steigern suchte, sei dahingestellt. Der Weg des Outings erfordert viel Mut, und die Reaktionen sind nicht immer so positiv wie beim Berliner Regierenden Bürgermeister. Viele Politiker und Führungskräfte wählen ein anderes Modell. Auch sie leugnen ihr Schwul- oder Lesbischsein nicht, ziehen aber eine dicke Mauer um ihr Privatleben. Sie geben sich einen ambivalenten, fast asexuellen Anstrich und leben gut damit, dass die meisten sie für heterosexuell halten. Wie der Fall des Hamburger Ersten Bürgermeisters Ole von Beust zeigte, zahlen sie mitunter einen hohen Preis für das Geheimnis:

Ich habe Ole von Beust gesagt, dass dieses Messen mit zweierlei Maß meinem Gerechtigkeitsgefühl widerspricht und ihn daran erinnert, dass er seinen Lebensgefährten Roger Kusch zum Justizsenator gemacht hat und mit dem er früher ein homosexuelles Verhältnis unterhielt und nach wie vor ein homosexuelles Verhältnis unterhält.

Ronald Schills Erpressungsversuch war nur möglich durch Beusts jahrelanges Schweigen zu seinem Privatleben – eine Zurückhaltung, wie sie bei einem heterosexuellen Politiker als unnormal empfunden würde.

Kann es für Schwule und Lesben, die in der Öffentlichkeit stehen, also keinen selbstverständlichen Umgang mit ihrer Identität geben ohne plötzliches Outing oder Heimlichtuerei? Volker Beck:

Ich habe offen schwul gelebt, bevor ich in die Politik gegangen bin und habe daran nichts geändert. Ich finde, das ist eigentlich das Modell, das ich für zukunftsträchtig halte und das auch so zu sagen offen gegenüber der Gesellschaft ist. Ich finde, dass ein Politiker sein Privatleben nicht offenbaren muss. Aber ob man schwul ist oder lesbisch ist, ist so privat nicht.

Beck hat politische Karriere gemacht, obwohl er offen schwul ist, aber auch weil er schwul ist. Er kam als Fachpolitiker für Schwulen- und Lesbenfragen zur grünen Bundestagsfraktion, das Thema war sein Karrieremotor. Jenseits des links-alternativen Milieus jedoch kann absolute Offenheit, wie Beck sie fordert, nach wie vor sehr riskant sein. Zwei von drei Schwulen oder Lesben haben aufgrund ihrer Homosexualität schon einmal im Beruf Benachteiligungen erfahren. Das zeigt eine vom Bundesjustizministerium in Auftrag gegebene Studie. Mobbing ist keine Seltenheit, und wer Karriere machen will, hat häufig das Nachsehen.

Als Interessenvertretung schwuler Führungskräfte gründete sich 1991 der Völklinger Kreis. Inzwischen besteht er aus etwa 800 Mitgliedern. Der Bundesvorsitzende des Völklinger Kreises Klaus Weinrich hat einen guten Überblick über die Diskriminierungen, denen Homosexuelle im Berufsleben ausgesetzt sind:

Da gibt es natürlich verschiedene Mechanismen. Wenn es um Karriere geht, dass dann keine Beförderung stattfindet, dass gehänselt wird, oder nachzufragen, wie es denn der Freundin geht und so weiter in der Form des Provozierens. Aber ich glaube, das Subtile und Wichtige ist, dass demjenigen nicht mehr die Möglichkeit gegeben wird, an Informationen heranzukommen, um seine Karriere weiter zu formen. Das heißt, er wird einfach still gestellt.

Der Schwule, die Lesbe stößt gegen die berüchtigte "gläserne Decke". Aus unerfindlichen Gründen stockt der berufliche Aufstieg. Mal ist ein Kollege angeblich die bessere Besetzung für den neuen Job, mal erfährt der oder die Betroffene erst gar nicht von der neuen Chance. Untersuchungen haben gezeigt, dass Schwule und Lesben leistungsorientierter und ehrgeiziger sind als der Bevölkerungsdurchschnitt. Da sie selten Kinder haben, sind sie auch mobiler und zeitlich flexibler als andere. Trotzdem sind Schwule und Frauen insgesamt in den Vorständen der großen deutschen Unternehmen kaum anzutreffen.

Neben dem proletarischen Milieu, sagt der Berliner Soziologe Michael Bochow, sei das Milieu der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Führungseliten am stärksten vom traditionellen Bild männlich-heterosexueller Dominanz geprägt. Während die gesamte Mittelschicht verschiedene Lebensentwürfe zulasse, könnten offen Schwule und Frauen kaum bis ganz nach oben vordringen.

Schwule stören da die Old-Boys-Geselligkeit. Schwule entsprechen nicht den Heteronormen, also lässt man sie da erst mal nicht rein. Sie stören. Es steckt einfach als nicht hinterfragte Überzeugung dahinter. Der richtige Mann ist nur heterosexuell. Schwule sind keine richtigen Männer.

Im politischen Betrieb und in der medialen Öffentlichkeit hingegen sind Diskriminierungen von Schwulen und Lesben mittlerweile selten geworden. Es sind kleine Dinge, über die sich Volker Beck heutzutage noch ärgert. Etwa darüber, dass er in der Zeitung hinter seinem Namen immer wieder, egal wozu er sich geäußert hat, den Einschub "bekennender Homosexueller" lesen muss. Volker Beck:

Also, als offen schwuler Abgeordneter hat man immer noch das Problem, dass man sich um Seriosität besonders bemühen muss. Also man hat ein bisschen den Ruch, doch ein Paradiesvogel zu sein. Und man muss vielleicht ein bisschen mehr leisten und mehr arbeiten, um die gleiche Anerkennung zu finden als alle anderen Kolleginnen und Kollegen. Es ist ein bisschen so, wie das früher bei den Frauen war.

Als Volker Beck 1987 als Schwulenreferent der grünen Fraktion zum Bundestag kam, schlug ihm noch direkte Feindschaft im Parlament entgegen, berichtet er. Mal waren es Stöhnanrufe aus dem Plenum auf seinem Anrufbeantworter, mal ein ausgerolltes Kondom an seiner Tür. Militante Homophobie ist heute weitgehend aus dem Parlament verschwunden. Homophobes Gedankengut aber lebt durchaus noch in einigen Abgeordnetenköpfen weiter. In seiner Schrift Ehe und Familie müssen das Leitbild bleiben bezeichnet der CSU-Abgeordnete Norbert Geis, bis 2002 rechtspolitischer Sprecher der Unionsfraktion, Homosexualität als Verirrung.

Bei aller Nächstenliebe aber darf in der Öffentlichkeit nicht der Eindruck entstehen, als sei diese Lebensform etwas ganz Selbstverständliches, als sei es richtig, wenn junge Menschen sich für eine solche Lebensform entscheiden. Es ist daher an der Zeit, dass diese Lebensform endlich auch in der Öffentlichkeit als das bezeichnet wird, was sie ist: die Perversion der Sexualität. Die Aufdringlichkeit, mit der sich Homosexuelle öffentlich prostituieren, ist nur noch schwer zu ertragen. Sie lassen jede Scham vermissen. Der Verlust der sexuellen Scham aber ist immer ein Zeichen von Schwachsinn, wie es Freud formuliert hat. Deshalb muss in der Öffentlichkeit Widerspruch laut werden, damit der Schwachsinn nicht zur Mode wird.

Hier klingen noch alte, kulturell tief verwurzelte Vorurteile gegenüber männlichen Homosexuellen an. Demnach sind diese pervers, sexbesessen und mental degeneriert. An einer anderen Stelle bemüht Geis das Klischee vom übersensiblen, psychisch labilen und krankheitsanfälligen Schwulen – Vorstellungen, gegen die auch schwule Führungskräfte im Unternehmen ankämpfen müssen. Klaus Weinrich vom Völklinger Kreis:

Ich glaube, ein ganz wichtiger Punkt dabei ist, dass man Führungskräften, wenn sie offen schwul auftreten, auf einmal nicht mehr zugesteht, dass sie führen können. Dass sie nur führen aus Sympathie, dass sie womöglich aus sexueller Präferenz heraus einige Mitarbeiter bevorzugen und andere nicht so bevorzugen. Diese Angst wird gesehen, was absoluter Quatsch ist, beziehungsweise wir können es genau umdrehen, dass bestimmte Frauen es in Unternehmen vielleicht leichter haben als andere Frauen, weil der Personalchef dann eher blonde Frauen bevorzugt. Also von daher ist da eine Befürchtung, die, so stellen wir fest, in der Tat immer noch gesehen wird. Führungskräfte, die schwul sind, können nicht führen.

Die Ehefrau gehört zu einem Mann im Top-Management häufig zwingend dazu. Nicht selten wird die Gattin eines Kandidaten vor der Stellenbesetzung mit begutachtet. Frauen müssen repräsentieren können und dokumentieren, dass die bürgerliche Welt des Aspiranten intakt ist. Unternehmen scheuen davor zurück, einen offen schwul lebenden Mann in eine Spitzenposition zu befördern. Sie fürchten um ihren Ruf.

Lesben, die beruflich aufsteigen wollen, müssen wie alle Frauen um jedes Stück Macht in der weitgehend männlich dominierten Wirtschaftswelt kämpfen. Zusätzlich müssen sie sich gegen homophobe Ressentiments zur Wehr setzen und wissen nie, was zum Beispiel hinter der Kritik von Kollegen wirklich steckt. Die lesbische Abteilungsleiterin:

Dann bleibt so eine Spekulation: Könnte es mit einer schlechten Arbeit zu tun haben? Oder findet der meine Arbeit gar nicht schlecht, sondern er hat nur irgendein Ressentiment gegen mich. Die Frage würde ich mir jedes Mal stellen. Aber ich bin absolut sicher, das ist nicht eindeutig beantwortbar. Also ich glaube, dass sich keiner meiner Kollegen eine Blöße geben wird und offen negativ mich angreifen würde in der Öffentlichkeit, weil ich mit einer Frau zusammenlebe. Offen never ever. Das ist nicht salonfähig, das macht man heute nicht mehr. Aber diese Ungewissheit, ob so eine versteckte Kritik dann irgendwo deutlich wird oder ein Hintenrumreden kommen könnte, die Ungewissheit, die bleibt, mit der muss man leben.

Deshalb verfolgt sie in der Firma eine selektive Strategie. Sie erzählt nur Kollegen, denen sie wirklich vertraut, dass sie lesbisch lebt. Ein kluges Verfahren, findet der Soziologe Michael Bochow. Unüberlegtes Outing könne die Karriere gefährden:

Ich würde nach wie vor jedem Schwulen und jeder Lesbe, die in bestimmte Führungspositionen aufsteigen möchte, dazu raten, da sehr vorsichtig zu sein. Und ich denke, das ist um so angebrachter, je höher die Leute aufsteigen. Ich bin strikt dagegen, Leute als Helden oder Heldinnen zu verheizen.

Und doch, so Bochow, seien die Beispiele homosexueller Männer und Frauen in der Öffentlichkeit notwendig. Nur durch sie könne sich das Bild von Lesben und Schwulen in der Gesellschaft positiv verändern. Klaus Wowereits spektakulärer Satz hat jeden Winkel der Republik erreicht – und neben Zustimmung und Ablehnung bei vielen einfach sehr großes Erstaunen ausgelöst.

Das war immer mit Verbrechen oder Selbstmord oder Krankheit oder Depression verbunden. So konnte man als Schwuler eigentlich nur unglücklich sein und früh sterben. So. Und Wowereit ist dann schon ein leuchtendes Beispiel dafür, dass ein schwuler nicht unglücklich ist, nicht früh stirbt, sondern Karriere macht. Vor diesem Hintergrund finde ich das besonders produktiv, also diesen Fall Wowereit, mit Einschränkungen auch den Fall Beust, weil ich finde es besonders wichtig, dass auch im bürgerlich-konservativen Lager es Bezugspunkte gibt, nicht dass das so ankommt: Also schwul und lesbisch kann man eigentlich nur im links-alternativen Lager sein.

Tatsächlich deutet sich auf breiter Front auch in den bürgerlichen Milieus ein Wandel an, zumindest in den Großstädten. Als im vergangenen Jahr bekannt wurde, dass der ehemalige Berliner CDU-Finanzsenator Peter Kurth schwul ist, blieb es bei einer Randnotiz in der Tagespresse.

Seit dem Ende der neunziger Jahre denken auch immer mehr Unternehmen um. Untersuchungen in den Vereinigten Staaten zufolge sinkt die Leistung von schwulen und lesbischen Mitarbeitern um bis zu zehn Prozent, wenn am Arbeitsplatz ein homosexuellenfeindliches Klima herrscht. Als Antwort auf derartige Produktivitätshemmnisse wurde in den USA das "diversity management" entwickelt und mittlerweile von den meisten Firmen umgesetzt. Das "diversity management" soll die Vielfalt der Mitarbeiter fördern und bezieht sich auf die Merkmale Alter, Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit, religiöse Glaubensprägung, Behinderung und eben sexuelle Orientierung. Die Unternehmensleitung schafft ein tolerantes Klima durch Antidiskriminierungsrichtlinien, Veranstaltungen und Fortbildungen.

Deutschland hinkt in dieser Entwicklung noch hinterher, erste Beispiele sind aber bereits vorhanden. Es sind die großen global agierenden Unternehmen wie Ford, Schering oder die Deutsche Bank, die als Einfallstore für das diversity management in Deutschland fungieren. In diesen Unternehmen haben sich schwullesbische Netzwerke gebildet, die so genannten Rainbow-Gruppen. Die Deutsche Bank gewährt Schwulen und Lesben, die in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft leben, die gleichen zusätzlichen Bankleistungen wie Heterosexuellen, zum Beispiel die Hinterbliebenenversorgung.

Noch ist die neue Toleranz weitgehend eine Sache der unteren und mittleren Hierarchiestufen. Doch das "diversity management" könnte die Grundlage bilden für den eines Tages natürlichen Aufstieg von Schwulen und Lesben in Spitzenpositionen.

Auch bei den staatlichen Institutionen wächst der offene Umgang mit der Homosexualität. Alexander Dodt arbeitet beim Auswärtigen Amt und ist dort Mitglied der amtsinternen schwullesbischen Rainbow-Arbeitsgruppe. Wo es rechtlich möglich sei, so Dodt, stelle das Amt homosexuelle Lebenspartnerschaften mit Ehepaaren gleich.

Zum Beispiel bei der Berechnung des Wohnraums oder bei der Gewährung des Wohnraums im Ausland, dass eben darauf Rücksicht genommen wird, dass man eben nicht mit nur einer Person, sondern als ein Zweipersonenhaushalt ins Ausland geht und dass dem auch Rechnung getragen wird und eben auch bei der Versetzung darauf geachtet wird, dass man auch das Paar an einen Posten versetzt, an dem auch der Lebenspartner nicht vollkommen außen vor steht.

Das Auswärtige Amt prüft derzeit nach und nach, welche Staaten der Welt dazu bereit sind, dem gleichgeschlechtlichen Lebenspartner einen Diplomatenpass auszustellen. War früher eine diplomatische Karriere für nicht verdeckt lebende Schwule und Lesben ausgeschlossen, steht ihnen der Auswärtige Dienst nun im Prinzip offen. Die Praxis muss zeigen, wie weit sie tatsächlich aufsteigen können.

Ein offen schwuler Botschafter oder eine offen lesbische Botschafterin seien ihm noch nicht bekannt, sagt Alexander Dodt. Immerhin gilt im Auswärtigen Amt seit Februar 2000 ein Runderlass gegen Diskriminierung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften. Joschka Fischers Haus bemühte sich damit als erste Bundesbehörde um die Gleichstellung von Homosexuellen.

Die etwas gewachsene Toleranz gegenüber Schwulen und Lesben im Arbeitsleben erleichtert nicht nur den Berufseinsteigern den offenen Umgang mit ihrer sexuellen Orientierung. Auch für diejenigen, die lange verdeckt gelebt haben, ist das Outing ein wenig ungefährlicher geworden. Die Abteilungsleiterin aus Süddeutschland hat sich zum Beispiel vorgenommen, in Zukunft in der Firma unmissverständlich von ihrer Partnerin zu sprechen. Sie überlegt sogar, sie zum nächsten großen Betriebsessen einfach mitzubringen. Zunächst kosten solche Schritte Mut und Kraft. Doch sie können auch neue Kräfte freisetzen.

Davon bin ich übrigens überzeugt. Mit jedem Stückchen mehr an Outsein gewinne ich mehr an Stärke. Es ist etwas, das kann man ja schier nicht beschreiben – das hört sich ein bisschen pathetisch an oder so, aber ich fühle mich schon ein Stückchen freier. Als ich dann meinem Chef gesagt hatte: So, jetzt ist es an der Zeit, Sie sollten es wissen, bin ich nach Hause und dachte, jetzt muss der Sekt getrunken werden. Das war jetzt klasse. Das ist auch was zum Feiern, da so einen Schritt weiter zu gehen.

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