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StartseiteKommentare und Themen der WocheKann mehr schaden als nutzen06.09.2019

Verbot von PlastiktütenKann mehr schaden als nutzen

Die Plastiktüte im Supermarkt sei ohnehin ein Auslaufmodell, kommentiert Georg Ehring das geplante Verbot. Den kleinen Schritt hält er aber vor allem für wenig durchdacht. Besser als Verbote und Vorschriften wären Anreize, die Einweg bestraften und Mehrweg belohnten.

Von Georg Ehring

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Ein Mann trägt Einkäufe in mehreren Plastiktüten (dpa / picture alliance / Wolfram Steinberg)
Die Umweltministerin will Plastiktüten bald verbieten (dpa / picture alliance / Wolfram Steinberg)
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Nur ein kleiner Schritt - zudem nicht gut durchdacht

Das Vorhaben der Ministerin ist allerdings nur ein kleiner Schritt aus der Müllmisere und gut durchdacht ist er auch nicht. Die Plastiktüte ist ohnehin ein Auslaufmodell. Eine freiwillige Vereinbarung mit dem Handel hat dafür gesorgt, dass die Zahl der Tüten seit dem Jahr 2015 auf gut ein Drittel zurückgegangen ist. Freiwillige Vereinbarungen zwischen Politik und Wirtschaft haben zwar zu Recht keinen guten Ruf, denn sie werden nur selten umgesetzt. Doch bei der Plastiktüte hat die Freiwilligkeit ausnahmsweise funktioniert. Wenn die Ministerin jetzt mit einem Verbot nachtritt, beschädigt sie unnötig das Vertrauen in ihre Verlässlichkeit.

Andere Produkte machen mehr Probleme

Dazu kommt: Vom Verbot der Tüte wäre nicht einmal ein Prozent des Plastikmülls betroffen. Die Verpackungsindustrie setzt ohnehin längst auf andere Produkte. Folienverpackungen für Gurken, mit Plastik überzogene Pappschachteln für Tomaten und Äpfel – auch in der Selbstbedienungsabteilung gibt es immer mehr aufwändig Vorverpacktes. Bei Getränken steigt der Anteil von Einwegflaschen, -kartons und –dosen immer weiter – längst nicht alle werden vom Einwegpfand erfasst. Immer mehr Menschen leben allein. Sie kaufen kleinere Portionen, auch das erhöht den Verpackungsaufwand. Und um den Einkauf nach Hause zu tragen, sind Papiertüten nicht besser als die Konkurrenz aus Kunststoff. Und der boomende Versandhandel muss seine Produkte oft aufwendig verpacken – sie würden sonst unterwegs leicht beschädigt.

Das seit Januar geltende neue Verpackungsgesetz hat hier und da Pfandpflichten ausgedehnt, Kontrollen verschärft und Recyclingquoten erhöht. Ein Trend zu weniger Verpackungsmüll ist nicht daraus geworden – auch wenn viele Händler es inzwischen akzeptieren, dass Kunden eigene Kaffeebecher mitbringen oder frisches Fleisch, Obst und Gemüse in eigenen Behältern mitnehmen.

Anreize wären besser als Verbote

All die vielen einzelnen Verpackungswege mit Verboten und Vorschriften zu regulieren – das ist kaum möglich. Besser wäre ein Anreizsystem, das Verpackungsaufwand mit Steuern und Abgaben belegt und Mehrweg-Systeme belohnt. Dann könnten Industrie und Handel selbst entscheiden, wo Einsparungen möglich sind. Und vor allem brauchen wir ein Konzept, um gebrauchte Plastikprodukte hochwertig wiederzuverwenden – nicht nur Verpackungen. Sortenreine Trennung von Kunststoffabfällen würde dazu gehören. Wichtig sind auch so technisch klingende Fragen, wie die, wie Produkte und ihre Verpackungen gefärbt werden, denn auch das beeinflusst die Recyclingfähigkeit. Das Verbot der Plastiktüte soll nur ein Anfang sein, das hat Svenja Schulze heute gesagt. Verbote können auch beim Verpackungsmüll manche Probleme aus der Welt schaffen. Für intelligente Lösungen wird die Ministerin die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft brauchen und da kann das Verbot der Plastiktüte mehr schaden als nutzen.

Georg Ehring  (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Georg Ehring (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Georg Ehring, Jahrgang 1959, hat in Dortmund Journalistik und Politikwissenschaften studiert, später an der Fernuniversität Hagen Volkswirtschaft. Er arbeitet beim Deutschlandfunk als Redaktionsleiter Wirtschaft und Umwelt. Berufliche Stationen zuvor waren die zentrale Wirtschaftsredaktion der Nachrichtenagentur Reuters in Bonn und zuvor in den 1980er Jahren freiberufliche Tätigkeit überwiegend für den WDR in Dortmund.

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