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StartseiteUmwelt und VerbraucherNeuer Abgastest WLTP verzögert Neuwagen-Lieferung31.08.2018

VerbrauchswerteNeuer Abgastest WLTP verzögert Neuwagen-Lieferung

Ab September dürfen Neuwagen nur dann geliefert werden, wenn sie den neuen EU-Abgastest WLTP durchlaufen haben. Bei einigen Autobauern stauen sich aufgrund der neuen Prüfanforderung die Autos. Kunden müssen sich deswegen gedulden - und unter Umständen mit einer höheren KfZ-Steuer rechnen.

Von Nándor Hulverscheidt

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Ein Wegweiser macht auf die Hauptzufahrt zum VW-Prüfgelände Ehra aufmerksam. (picture alliance/Holger Hollemann)
VW nutzt derzeit auch das konzerneigene Prüfgelände bei Wolfsburg für die WLTP-Tests (picture alliance/Holger Hollemann)
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Für Autofahrer ist es schon seit Jahren eine Binsenweisheit: Verbrauchsangaben im Prospekt liegen oft weit unter dem, was mit vorsichtigem Gasfuß tatsächlich realistisch ist. Und spätestens seit dem Dieselskandal ist bekannt, dass es mit den Schadstoffwerten ganz ähnlich aussieht. Diese Diskrepanz soll mit dem neuen Abgastest der EU zumindest deutlich kleiner werden. Er heißt Worldwide harmonized light vehicle test procedure, abgekürzt WLTP. Mehrere Schwächen des alten NEFZ-Verfahrens würden durch den neuen Testzyklus ausgemerzt, sagt Joachim Bühler, Geschäftsführer des TÜV-Verbandes.

"Nach dem alten Standard wurde der Schadstoffausstoß getestet in verschiedenen Fahrsituationen - und so zum Beispiel auch eine klassische Anfahrsituation im Stadtverkehr. Und da ist man davon ausgegangen, dass man für diese Fahrstrecke 36 Sekunden braucht, null bis 50. Und jetzt weiß jeder Stadtfahrer, dann wäre er hier ein Verkehrshindernis, also das ist völlig realitätsfremd. Und damit räumt der neue Standard auf."

WLTP-Test findet nur im Labor statt

Ab dem 1. September dürfen nur noch Neuwagen zugelassen werden, die den WLTP erfolgreich bestanden haben. Das Verfahren bleibt aber wie sein Vorgänger ein Test unter Laborbedingungen auf dem Prüfstand. Erst mit der Euro 6d Norm in einem Jahr wird zwingend zusätzlich auch im Straßenverkehr getestet.

"Wir haben in Europa zusätzlich zu dem WLTP-Standard den sogenannten RDE-Standard. Und da fahren dann Fahrzeuge durch die Stadt, übers Land, auf der Autobahn mit einem mobilen Abgasmesssystem hinten am Auspuff."

Schon für den WLTP aber müssen die Autohersteller erstmals jede angebotene Kombination von Motor und Getriebe und teilweise auch Sonderausstattungen messen lassen. Daimler hat sich vorgenommen, das mit allen Mercedes-Benz-Modellen pünktlich zum Stichtag zu schaffen.  PSA – der Mutterkonzern etwa von Peugeot, Opel und Citroen – verkündete bereits am Mittwoch den Abschluss der Umstellung. Schwer tut sich hingegen VW. Wie es heißt, aufgrund der großen Modellvielfalt. Man erwarte, in den nächsten Tagen und Wochen unter anderem mit dem Golf fertig zu werden. Den Druck bei den Herstellern kennt TÜV-Verbandsgeschäftsführer Bühler gut.

"Unsere Prüfstände laufen unter Volllast, wir arbeiten im Drei-Schicht-Betrieb, sechs Tage die Woche."

Höhere KfZ-Steuer dank realitätsnaher Verbrauchswerte

Verbraucher dürften von dem WLTP vor allem etwas merken, wenn sie einen Neuwagen kaufen möchten. Zum einen durch längere Lieferzeiten als gewöhnlich bei einigen Modellen. Zum anderen ist derzeit in vielen Schlagzeilen zu lesen, der WLTP führe zu einer Verteuerung in der Kfz-Steuer. Klaus Ulrich Becker, Vizepräsident Verkehr beim ADAC.

"Also wir haben durch den neuen Abgastest realitätsnähere Verbrauchswerte. In der Konsequenz, weil die Steuer sich nach dem CO2-Ausstoß richtet, führt das zu höheren Steuerbelastungen."

Da der Abgastest jedoch nur für neu zugelassene Fahrzeuge gilt, ändert sich für Fahrzeugbesitzer in Deutschland durch den WLTP nichts. Und er dürfte in Zukunft für mehr Transparenz sorgen, weshalb auch der ADAC insgesamt ein positives Fazit zum WLTP zieht.

"Der WLTP macht absolut Sinn. Dass man nicht mehr die Enttäuschung hat, man hat eine Prospektangabe, dort wird ein Drittelmix von 4,5 angegeben im Verbrauch, tatsächlich sind es dann 6,5 oder 7 Liter pro hundert Kilometer."

Ganz wird die Lücke zwischen Herstellerangaben und Realität aber voraussichtlich nicht geschlossen. Vorsichtige Kritik kommt von der auch in der Diesel-Affäre industriekritischen Deutschen Umwelthilfe. Sie verweist auf einen Verdachtsbericht der EU-Kommission, dass Autohersteller für möglichst hohe Messwerte im WLTP sorgen könnten, um spätere, davon abgeleitete Grenzwerte höher ausfallen zu lassen. Die Gesetze dazu müssen jedoch ohnehin erst noch geschrieben werden.

Ebenso wie die Regelungen, ab wann und in welcher Form die Hersteller die neuen Messwerte nach WLTP auch angeben müssen. Mehr Transparenz dürfte, wenn es nach einem Vorschlag der EU-Kommission geht, erst im kommenden Jahr verpflichtend in den Prospekten Einzug halten.

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