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StartseiteUmwelt und VerbraucherDas lange Leben der Braunkohle04.08.2016

Verderber der KlimabilanzDas lange Leben der Braunkohle

Reihe: Ausgebremst? Die Zukunft der Energiewende

Die Stromgewinnung aus Braunkohle sollte in Deutschland deutlich vor 2050 ein Ende finden. So hatte es das Umweltministerium vorgesehen. In dem aktuellen Klimaschutzplan wird diese Zahl nicht mehr genannt. Die CO2-intensiven Kohlekraftwerke verhageln Deutschland zwar die Klimabilanz - doch einen Ausstiegsplan gibt es nicht.

Von Britta Fecke

Bagger fördern am 22.10.2013 bei Jackerath (Nordrhein-Westfalen) im Tagebau Garzweiler II Braunkohle. (picture alliance / dpa / Oliver Berg)
Deutschland produziert wachsende Strom-Überschüsse, vor allem durch die Braunkohle. (picture alliance / dpa / Oliver Berg)
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Wer auf der A 61 kurz vor der Abfahrt Jackerath einen Blick aus dem Seitenfenster wirft, könnte an die Invasion von Außerirdischen glauben. Denn am Horizont steht ein riesiger mehrarmiger Krake aus Stahl, der sich durch die Erde gräbt. Um ihn herum eine öde Mondlandschaft. Es ist der Tagebau Garzweiler.

Mit den Schaufelrädern der überdimensionierten Fördermaschine kratzt RWE Power hier die Braunkohle von der Erdoberfläche. Für die Gewinnung dieses fossilen Energieträgers wurden Dörfer dem Erdboden gleich gemacht, tausende Anwohner vertrieben und ganze Landstriche zerstört.

BUND: "Erneuerbare Energien führen noch immer nur ein Schattendasein"

Drei Viertel der deutschen Braunkohle - so steht es auch auf der Internetseite des Energieunternehmens RWE Power - kommen aus dem rheinischen Revier im Dreieck zwischen Aachen, Köln und Mönchengladbach. In den Tagebauen werden jährlich bis zu 100 Millionen Tonnen Braunkohle abgebaut. Eine Katastrophe meint Dirk Jansen, Geschäftsführer bei der Umweltschutzorganisation BUND:

"Nordrhein-Westfalen ist der Klimaschädling Nummer eins in Deutschland. Ein Drittel der CO2-Emissionen ganz Deutschlands kommen aus Nordrhein-Westfalen! Und das liegt vor allem an dem hohen Anteil der Kohleverstromung. 77 Prozent der Bruttostromerzeugung in Nordrhein-Westfalen stammen aus Braun- und Steinkohle und die Braunkohle als Klimakiller Nummer eins kommt sogar auf 45 Prozent! Während die Erneuerbaren Energien noch immer nur ein Schattendasein führen. Maximal 10 Prozent stammen aus Erneuerbaren Energien."

Warum setzt die Landesregierung in Düsseldorf trotz der schlechten Klimabilanz und der enormen Folgeschäden für Umwelt und Grundwasser dennoch weiter auf die Braunkohle? Garrelt Duin, der sozialdemokratische Wirtschaftsminister in Nordrhein-Westfalen:

"Weil wir sie haben und andere nicht. Ungefähr ein Drittel des deutschen Stromes wird in NRW produziert, fast die Hälfte davon aus Braunkohle. Das heißt: Wir stellen mit den Braunkohlekraftwerken auch einen Teil der Versorgungssicherheit in Deutschland."

BUND: "Wir könnten alle Braunkohlekraftwerke sofort dicht machen"

Das sehen Teile der Opposition und Umweltschützer anders. Dirk Jansen vom BUND:

"Wir brauchen die Braunkohle schlichtweg nicht. Wir haben massive Überkapazitäten deutschlandweit von über 60 Terawattstunden. Wir könnten alle Braunkohlekraftwerke im Rheinland sofort dicht machen, ohne die Versorgungssicherheit zu gefährden! Der Effekt ist, dass bei dem hohen Anteil der bundesweit von erneuerbaren Energien im Netz schon ist, ein Großteil des Braunkohle-Stroms exportiert wird in die benachbarten Länder."

Jahrzehntelang fuhr RWE aber mit dem Strom aus Braunkohle in Deutschland  milliardenschwere Gewinne ein. Ein stringenter Klimaplan sieht anders aus. Dabei klangen die Vorgaben aus Berlin kurz nach der letzten UN-Klimakonferenz in Paris noch relativ engagiert. Bundeskanzlerin Angela Merkel:

"Wir wissen, dass wir tiefe Einschnitte bei weltweiten Treibhausgasemmissionen brauchen und haben uns deshalb dazu bekannt, dass wir im Laufe dieses Jahrhunderts eine Dekarbonisierung der Weltwirtschaft brauchen. Und wir sind uns einige darin, dass wir zur Erreichung des globalen Klimaziels natürlich eine erhebliche Reduktion der Klimagase brauchen."

Bis 2045 soll in NRW weiter Braunkohle abgebaut werden

Mit dem Klimaschutzplan 2050 wollte die Bundesregierung die Vorgaben von Paris umsetzten in konkrete Reduktionsziele für die klimaschädlichen Gase in Deutschland. Doch der Entwurf wurde im Wirtschaftsministerium wieder verwässert. Das Umweltministerium hatte vor, die Stromproduktion aus CO2-intensiven Kohlekraftwerken deutlich vor 2050 zu beenden. In dem aktuellen Klimaschutzplan wird diese Zahl nicht mehr genannt, sondern nur noch allgemein von der abnehmenden Bedeutung der Kohle geschrieben.

Der Klimaplan NRW aus dem letzten Jahr beschränkt sich ebenso auf Absichtserklärungen, konkrete Maßnahmen werden nicht genannt. In der sogenannten Leitentscheidung Braunkohle hält die rot-grüne Landesregierung in Düsseldorf weiter fest an dem fossilen Energieträger: Bis 2045 soll die Verstromung von Stein- und der besonders umweltschädlichen Braunkohle in NRW fortgesetzt werden. Werden wir so die selbst gesteckten Klimaschutzziele erreichen? Dirk Jansen:

"Nein! Wir werden deutschlandweit auch das 2020-Ziel voraussichtlich reißen. Was Nordrhein-Westfalen anbelangt sieht es ganz düster aus. Wir haben ein Landesklimaschutzgesetz, das eine CO2-Reduktion von mindesten 80 Prozent bis 2050 vorschreibt, aber es ändert sich nichts. Die Braunkohle soll nach wie vor bis 2045 da ihren Stellenwert behalten. Die Erneuerbaren kommen nicht voran. Das passt nicht zusammen. Eine konsistente Klimaschutzpolitik sieht anders aus."

Braunkohletagebau Garzweiler II soll verkleinert werden

Allerdings hat die Landesregierung in NRW erstmals in diesem Monat vorgeschlagen, den Braunkohletagebau Garzweiler II zu verkleinern. Das ist doch ein Schritt in die richtige Richtung?

Dirk Jansen: "Aber wir sparen damit maximal 400 Millionen Tonnen Kohle ein. Während die Landesregierung weiter darauf setzt, 2,5 Milliarden Tonnen Braunkohle zu verfeuern und damit das Klima weiter anzuheizen."

Aufatmen können also nur die Anwohner der Ortschaft Holzweiler, ihre Häuser fallen nicht dem Abbau der Braunkohle zum Opfer.

 

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