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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Verfolgte Christen03.04.2006

Verfolgte Christen

Reinhard Backes: Sie werden euch hassen

Der Bonner Menschenrechtler und evangelische Theologe Thomas Schirrmacher kommt in seinem Jahrbuch zur Christenverfolgung 2005 zu dem Schluss, alle drei Minuten werde ein Christ wegen seines Glaubens getötet. Zwischen 80 und 90 Prozent aller religiös Verfolgten seien Christen. Der Journalist Reinhard Backes ist nun im Auftrag des internationalen Hilfswerks Kirche in Not den wirtschaftlichen, ethnischen und politischen Umständen dieser Verfolgung nachgegangen, um über die Zahlen hinaus ein Kompendium zu erarbeiten. Herausgekommen ist sein Buch "Sie werden Euch hassen". Michael Mondry bespricht es.

Von Michael Mondry

Auch heute noch werden Christen verfolgt. (AP)
Auch heute noch werden Christen verfolgt. (AP)

Traurige Aktualität hat ein Buch in den letzten Wochen gewonnen, das unter dem Titel "Sie werden Euch hassen" das Thema "Christenverfolgung heute" beleuchtet. Nur wenige Wochen ist es her, dass in einer katholischen Diözese im Nordosten Nigerias ein Gemeindepfarrer in seinem Pfarrhaus verbrannt wurde. Islamistische Banden hatten vor dem Hintergrund des sogenannten Karikaturenstreits Kirchen und Wohnhäuser angezündet, Christen verfolgt und ermordet. Besonders bedrückend bei dieser ersten Welle der Gewalt: Mit dem auch in Deutschland bekannten Pfarrer starb der Entwicklungskoordinator der Diözese, der sich besonders für den interreligiösen Dialog zwischen Christen und Muslimen eingesetzt hatte. Weitere Gewalttaten - auch von christlicher Seite - folgten in anderen Landesteilen. Wie sehr die scheinbar religiösen Motive der Täter in Wirklichkeit auf politischen Hintergründen beruhen, dafür finden sich im lang andauernden Konflikt in Nigerias Norden zahlreiche Stimmen von Christen wie Muslimen.

Auch Autor Reinhard Backes scheut in seinem Erstlingswerk nicht die Auseinandersetzung mit den Beweggründen für die Gewalt gegen Christen. Anhand von 19 Ländern zeigt er beispielhaft, wie sich Christenverfolgung im europäischen, arabischen, afrikanischen, asiatischen und lateinamerikanischen Kontext abspielt. In vielen Fällen ist der Missbrauch von Religion nur der Deckmantel für politische und wirtschaftliche Interessen. Der Autor erläutert bereits in der Einleitung:

" Menschen werden aus politischen, ethnischen oder religiösen Motiven diskriminiert und verfolgt. Selten geschieht dies offen, denn wer so handelt, scheut die Öffentlichkeit. Die, die verfolgt werden, sind deshalb auf Menschen angewiesen, die ihnen Stimme geben, die den Tätern unbequeme Fragen stellen, die sich nicht abweisen lassen, das Unrecht beim Namen zu nennen und öffentlich machen, was im Verborgenen geschieht. Auch Christen werden diskriminiert, verfolgt, ja getötet - Tendenz zunehmend. Vordergründig aus religiösen Gründen. Nicht selten sind die eigentlichen Ursachen jedoch politisch-ethnischer und sozial-wirtschaftlicher Natur."

Die Einleitung nennt hier den Anspruch, dem sich dieses Buch von Beginn an unterwirft: Stimme zu sein für Menschen, die nur unter Lebensgefahr ihren Glauben praktizieren können. Gleichzeitig wirbt das Buch auf unaufdringliche Weise um Aufmerksamkeit und richtet einen leidenschaftlichen Appell an die Religionsgemeinschaften, sich im interreligiösen Dialog den Gemeinsamkeiten aber auch den bestehenden Differenzen zu stellen. Dem Autor gelingt dies durch sachliche Information und fundierte Ausleuchtung geschichtlicher Hintergründe ohne Belehrung und erhobenen Zeigefinger. In den drei Hauptteilen "Kirche unter dem Halbmond", "Kirche unter Hammer und Sichel" und "Kirche im Spannungsfeld der Interessen" ist der Leser vielmehr gefordert, seine eigenen Schlüsse zu ziehen und sich selbst ein Urteil zu bilden.

Dass eine solche Beschäftigung mit dem Thema "Christenverfolgung heute" oft näher liegt als erwartet, wird vor allem in den Teilen des Buchs deutlich, in denen Reinhard Backes Diskriminierung von Religionsgemeinschaften auf dem Europäischen Kontinent nachweist. Unter dem Titel "Autoritärer Laizismus: Kein Platz für religiöse Minderheiten" heißt es im Kapitel über die Türkei:

" Die Türkei wird dem Anspruch, ein demokratischer Rechtsstaat zu sein, offensichtlich nicht gerecht. Nach wie vor sitzen Tausende aus politischen Gründen in Haft. Kemalistische Staatsdoktrin, Nationalismus und nicht zuletzt eine zunehmende Islamisierung haben zu einem Klima der Unduldsamkeit gegenüber Minderheiten und Andersdenkenden geführt - bis hin zu Gängelung, Diskriminierung und staatlicher Repression. Die Betroffenen - Kurden, Aleviten und Christen - verlassen zu Tausenden das Land; vor allem letztere kehren in den vergangenen Jahrzehnten der Türkei den Rücken. "

Ohne schwarzzumalen belegt das Buch seine Thesen mit aktuellen Fällen von Diskriminierung, die trotz Reformbemühungen der türkischen Regierung nach wie vor an der Tagesordnung sind.

Wie auch in den anderen Kapiteln lässt der Autor eine umfangreiche Zahl von Zeitzeugen zu Wort kommen. Der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Karl Kardinal Lehmann, warnt denn auch vor "Blauäugigkeit": Nach wie vor seien die Arbeitsmöglichkeiten ausländischer Priester stark beschränkt; die Türkei erlaube zudem weder die Ausbildung von Geistlichen, noch die Renovierung oder den Neubau von Kirchen.

Wie nahe beieinander dagegen die Verfolgung von Christen und von Muslimen liegen kann, zeigt das Buch an einem anderen Beispiel in seinem abschließenden Kapitel. Noch vor wenigen Jahren wurden in Bosnien-Herzegowina zehntausende Christen im Zuge des dreijährigen Bürgerkriegs vertrieben und ermordet. Das gleiche Schicksal erlitten muslimische Familien, da sich die Aggression der Serben auch gegen muslimische Volksgruppen richtete. Ein Zitat gibt die Widersprüchlichkeit der Situation wider, die geradezu sprichwörtlich sein könnte für viele vermeintlich religiöse Konflikte weltweit:

" Eine junge 'Bosanka’ über den Krieg, der 1992 Sarajevo erreicht: 'Wir lebten dort in vollkommener Harmonie mit unseren Nachbarn: einem Moslem, einer serbischen Familie und einer moslemisch-kroatischen Familie. Wir sind römisch-katholisch. Ich hätte nie vermutet, dass eines Tages mein Familienname entscheidet, ob ich am Leben bleibe oder sterben muss. Allein wegen dieses Namens hätten die, die nun in unser Haus kamen, mich töten können.’ "

Reinhard Backes: Sie werden euch hassen
Christenverfolgung heute.
Sankt Ulrich-Verlag, Augsburg, 2006
256 Seiten, € 16,90

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