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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Vergessen und verdrängt04.12.2006

Vergessen und verdrängt

Volker Kühn über die Rolle von Künstlern und Kabarettisten im Dritten Reich

<strong> Die Dokumentationen, Bücher, Hörbücher und Theaterstücke des Kabarettforschers Volker Kühn hinterfragen immer wieder das Leben von Künstlern, die durch das vergangene Jahrhundert der beiden Weltkriege geprägt wurden. Dabei geht es Kühn um die, die laut oder zwischen den Zeilen "Nein" sagten, aber auch um jene, die mitmachten, die sozusagen mit den Wölfen heulten, in Filmen, Revuen und Wunschkonzerten die kriegswichtige 'Bombenstimmung' noch propagierten, als es für Optimismus längst keinen Anlass mehr gab. Sie machten mit aus Bequemlichkeit, aus Angst oder einfach aus Berechnung, weil es immer die Macht ist, die Karrieren verspricht. "Mit den Wölfen geheult - Von leichter Muse in schwerer Zeit - Unterhaltung und Kabarett im Dritten Reich" heißt die neueste Publikation von Volker Kühn, ein Hörbuch auf zwei CDs. Es rezensiert Stephan Göritz. </strong>

Von Stephan Göritz

Joseph Goebbels, Propagandaminister der Nazis (AP Archiv)
Joseph Goebbels, Propagandaminister der Nazis (AP Archiv)

"Norbert Schultze und Herms Niel - 'Auf der Heide blüht ein kleines Blümelein, bumbumbum' - das waren so meine frühen Erlebnisse am Radio. Und diese schrecklichen Sirenen und Bomben. So alt bin ich, das hab' ich noch erlebt."

So erinnert sich Volker Kühn, Jahrgang 1933, an seine Kindheit. Jahrzehnte später, als Autor und Kabarettforscher, sah er, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dem Lied vom "kleinen Blümelein" und dem Jaulen der Sirenen, oder anders gesagt: zwischen Unterhaltung und Politik.

Ausschnitt Hörbuch "Mit den Wölfen geheult":
" - Sprecherin: Bis zum bitteren Ende wurde die so genannte gute Laune, die Goebbels zum Kriegsartikel erhoben hatte, gewissermaßen am Fließband produziert und zu Tode strapaziert.
- Sprecher: Die Produzenten und ihre Interpreten dieser gewaltigen Unterhaltungsindustrie erkannten ihre Chance und nutzten sie. Sie lebten nicht schlecht davon. Sie lernten früh wegzuschauen und nicht zur Kenntnis zu nehmen, was sie hätte verunsichern und nachdenklich hätte machen können.
- Marikka Rökk (singt): Schau nicht hin, schau nicht her, schau nur geradeaus. Und was dann noch kommt, mach dir nichts daraus. "

Manches, was Volker Kühn in seinem Hörbuch "Mit den Wölfen geheult" beschreibt und einordnet, ging schon oft durch Bücher und Sendungen. Heinz Rühmanns gehorsame Scheidung von seiner jüdischen Ehefrau etwa oder der Besuch von Johannes Heesters 1941 im Konzentrationslager Dachau, den der Operettenstar als völlig unpolitischen Tag der offenen Tür erlebt haben will.

Doch daneben wird eine Fülle vergessener und verdrängter Fakten aufbereitet. Wer weiß schon, dass Willi Kollos Operetten auf dringende Empfehlung der Nationalsozialisten entstanden? Er sollte gefälligst nur noch Harmloses schreiben und keinesfalls mehr politische Kabarettchansons wie jenes frühe Kollo-Lied mit der Refrainzeile "Wenn ich nur wüsste, was der Adolf mit uns vor hat, / wenn er erst die Macht am Brandenburger Tor hat". Und wer erinnert sich heute an die das 'gesunde Volksempfinden' propagierende Film-Reihe "Liese und Miese", in der die spätere resolut-sympathische Fernseh-"Dame vom Grill", Brigitte Mira, zu sehen war und für die die große Nachkriegs-"Stimme der Kritik", Friedrich Luft, Texte geschrieben hatte?

Dies und anderes schmiert Volker Kühn den Betreffenden nicht etwa hämisch aufs Butterbrot, sondern benennt es so sachlich wie kritisch. Damit wird dieses Hörbuch zu einem wichtigen Stück Erinnerungskultur. Besonders eindrucksvoll und erschreckend sind jene Passagen, in der nicht nur über Künstler gesprochen wird, sondern in denen die Stars von einst selbst zu Wort kommen. Nobert Schultze zum Beispiel, Komponist von Liedern wie "Lili Marleen" und "Bomben auf Engelland", beschreibt hier im Original-Ton die geradezu kollegiale Zusammenarbeit zwischen Propaganda-Künstlern und Propaganda-Ministerium:

Hörbuch "Mit den Wölfen geheult" (Ausschnitt)
" Norbert Schultze: Doktor Goebbels war nicht zufrieden - " "

Sie haben richtig gehört: "Doktor Goebbels". Dieses Interview mit Norbert Schultze entstand nicht etwa zur Zeit des Dritten Reiches, sondern mehr als vier Jahrzehnte nach dessen Ende.

" Norbert Schultze: "Doktor Goebbels war nicht zufrieden. Er setzte sich auf die Klavierbank neben mich, schaute in meine Noten und sagte: "Warum machen Sie die Wendung da so merkwürdig? - 'Wir fo-ho-hol-gen dir.' - Das ist so umständlich. Warum nicht ganz einfach? - 'Führer, befiehl (zwei, drei) wir fol-gen dir!' - Und ich musste zugeben, der Mann hatte recht, er verstand was davon." "

Wie muss Norbert Schultze seine Sicht auf Goebbels verinnerlicht haben, wenn ihm noch 1986 diese Formulierungen unterlaufen! Ihm, der in seinen Kompositionen so wirkungsvoll Effekte setzte, war offenbar nicht bewusst, welche Wirkung ein Satz wie "Doktor Goebbels verstand etwas von Musik" aus seinem Munde haben musste. Diesen Original-Ton lässt Volker Kühn für sich sprechen, ohne Norbert Schultzes Wortwahl zu kommentieren. Eine richtige Entscheidung. Schade nur, dass solche Dokumente entlarvender Selbst-Reflexion - wenn das Wort Reflexion hier überhaupt angebracht ist - sehr selten in die Produktion eingestreut sind.
Vor allem besteht das Hörbuch "Mit den Wölfen geheult" aus Volker Kühns essayistischem Text mit vielen anschaulichen Situationsschilderungen. Die Schauspieler Judy Winter und Dietmar Schönherr lesen sachbetont, mit innerem Engagement, aber ohne äußere Dramatisierung. Ein Prinzip, nach dem der Hörbuch-Text auf beide Stimmen aufgeteilt wurde, ist leider nicht erkennbar - abgesehen von den Zitaten, die natürlich geschlechtsspezifisch zugeordnet sind. Dabei werden die Zitierten nicht nachgespielt, doch es wird an charakteristische Eigenheiten erinnert. Das ist hohe Kunst des Sachtext-Lesens, so wenn Dietmar Schönherr Goebbels' jovial-rheinische Sprechweise andeutet:

" Hörbuch "Mit den Wölfen geheult" (Ausschnitt)
Sprecher: Diese Künstler sind ein richtiges Kindervölkchen, aber zum Liebhaben.
Sprecherin: Zumindest so lange, wie sie sich an die Absprachen hielten und nicht aus der Reihe tanzten. "

Essayistische Darstellung, Zitate und einzelne Interview-Dokumente werden komplettiert durch eine Vielzahl von Lied-Ausschnitten. Volker Kühn, der selbst Kabarettnummern, zum Beispiel für Wolfgang Neuss, und Revuen geschrieben hat, ist viel zu pointenbewusst, um sich doppeldeutige Montagen entgehen zu lassen. Gern setzt er einzelne Liedzeilen so ein, dass sie verräterisch offenbaren, was die Autoren als Maxime ihres Handelns nie zugegeben hätten. "Schau nicht hin, schau nicht her, schau nur geradeaus" wird auf diese Weise zur Hymne aller Karrieristen, und "Man muss das Leben nehmen, wie es eben ist" klingt plötzlich wie das gesungene Manifest der Anpassungswütigen. Solche Montagen können erhellend sein, manchmal aber sind Zweifel angebracht: Kann "Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei" wirklich als systemstabilisierender Durchhalteschlager gehört werden?! Jedenfalls wäre die umgekehrte Interpretation genauso glaubhaft oder genauso unglaubhaft: dass nämlich diese Zeile listig auf das nahende Ende des Dritten Reiches angespielt hätte.

Das über zweieinhalbstündige Hörbuch besteht aus zwei CDs. Die erste ist dramaturgisch simpel gestrickt. Auf ihr geht es vor allem um Künstler aus dem Bereich Schlager und Operette. Immer wieder soll und wird der Hörer erschrecken über politische Naivität und karrieristische Berechnung, doch dieses Erschrecken wird zusehends kleiner, hat man erst einmal begriffen, dass Schlager und Operette ja davon leben, Trends aufzugreifen. Wie bereitwillig das ihre Protagonisten auch mit politischen 'Trends' tun, darüber lässt sich schwer 76 Minuten lang staunen.

Spannend, weil widersprüchlich, wird es erst auf CD 2, denn da jetzt dreht sich's ums Kabarett. Um jene Kunst, die per Definition von kritischem Bewusstsein lebt - und deren Vertreter dennoch nicht automatisch vor moralischem Versagen gefeit sind. Hier hören wir von Menschen, die sich nicht von Anfang an durch die Nationalsozialisten vereinnahmen ließen, sondern die doch einmal die Wölfe gejagt hatten, mit denen sie dann heulten.

Hörbuch "Mit den Wölfen geheult" (Ausschnitt)
" Sprecherin: Viele von ihnen lassen sich schon früh auf einen Flirt mit den neuen Machthabern ein, üben rechtzeitig, wie Fritz Genschow und Renée Stobrawa vom sozialistisch eingestellten Kabarettkollektiv Die Brücke, den Hitlergruß oder empfehlen sich, wie Bühnenbildner Benno von Arent, bei den Nazis als Chefausstatter. "

Nostalgiker, die sich eine ungetrübte Erinnerung an Idole ihrer Jugendzeit bewahren wollen, werden Volker Kühn für "Mit den Wölfen geheult" nicht lieben. Egal:

"Es gibt nichts Schrecklicheres, als schöne Produktionen über langweilig dargestellte Menschen zu machen. Man muss die Widersprüche der Leute aufzeigen."

meint er und tut es: eindrucksvoll, lebendig, faktenreich. Ergänzt werden die beiden CDs durch ein umfangreiches Booklet, das zwar unbegreiflicherweise keine Trackliste der verwendeten Musikausschnitte enthält, dafür aber viele dokumentarische Fotos und Faksimiles und vor allem fast zweihundert Kurzbiografien von Lale Andersen bis Carl Zuckmayer. Sozusagen ein handhabbares Miniatur-Lexikon als Zugabe.

Volker Kühn: Mit den Wölfen geheult - Unterhaltung und Kabarett im Dritten Reich. 2-CD-Hörbuch. Duophon Records Berlin 2006, ca Euro 20,-

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