Freitag, 06.12.2019
 
Seit 06:35 Uhr Morgenandacht
StartseiteKommentare und Themen der WocheEin wenig Gelassenheit ist angebracht bei der PISA-Studie03.12.2019

Vergleichsstudie zum BildungsniveauEin wenig Gelassenheit ist angebracht bei der PISA-Studie

Deutsche Schüler haben sich im Großen und Ganzen im Vergleich zur letzten PISA-Studie kaum verbessert. Vergleiche mit anderen Ländern seien aber schwierig, kommentiert Christiane Habermalz. Und von einem "PISA-Schock" in der Bundesrepublik könne keine Rede mehr sein.

Von Christiane Habermalz

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Zwei Schüler (Emelie und Constantin) rechnen in Stuttgart an ihrem Pult ihre Mathematikaufgaben aus, aufgenommen im Oktober 2014. (picture alliance/dpa/Inga Kjer)
Es war nicht alles schlecht an den deutschen PISA-Ergebnissen (picture alliance/dpa/Inga Kjer)
Mehr zum Thema

Der Tag PISA-Studie: Deutschlands mittelmäßige Schulbildung

Pisa in Taiwan Elite ohne Freizeit

PISA-Ergebnisse Leseforscherin: Es braucht kein Schulfach zu Medienkompetenz

Die Macht der Zahlen Was die PISA-Studie zeigt - und was nicht

Neue PISA-Studie Leistungen deutscher Schüler sinken erneut

Leseforschung Von Bücherwürmern und Bildschirmjunkies

Glücklich war wohl niemand mit den Ergebnissen der PISA-Studie. Doch der große Schock angesichts des mauen Abschneidens deutscher Schülerinnen und Schüler blieb aus. Eigentlich hat man sich ja auch schon fast gewöhnt daran, Mittelmaß zu sein, auch daran, dass die Musterknaben und Strebermädchen in China, Hongkong und Singapur wieder die Spitzenplätze belegen, auch dass wir von den skandinavischen Ländern und Aufsteigern wie Polen jetzt schon zum widerholten Mal in Folge in allen Kategorien überrundet wurden.

Es war nicht alles schlecht

Und es war ja auch nicht alles schlecht an diesen deutschen PISA-Ergebnissen: Deutsche 15-Jährige sind immerhin besser als der OECD-Durchschnitt. Kinder aus Arbeiterhaushalten haben sich beim Lesen seit dem Jahr 2000 deutlich verbessert, und auch der große Unterschied zwischen Kindern mit Migrationshintergrund und solchen mit reindeutschen Wurzeln ist kleiner geworden. Ein Indiz dafür, dass Förderunterricht und Unterstützung beim Spracherwerb nicht ohne Wirkung geblieben sind.

Und manche Bildungspolitiker werten es schon als Erfolg, dass Deutschland sein Niveau im Großen und Ganzen hat halten können, angesichts all der realen Probleme in deutschen Schulen, als da wären: Lehrermangel, Unterrichtsausfall, schlecht ausgestattete Schulen, Zuwanderung, Sprachprobleme, soziale Ungleichheit.

Die Schlüsse bleiben überschaubar

Die Schlüsse, die man aus den Pisa-Tests ziehen kann, bleiben ohnehin überschaubar. Auf andere Länder zu schielen, heißt oft, Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Länder wie China, Korea oder Polen haben eindeutig weniger Probleme mit Nicht-Muttersprachlern in ihren Schulklassen. Andere Länder wie Kanada oder Schweden dagegen schon – und beide Länder bekommen es deutlich besser hin, Schulerfolg von sozialer Herkunft zu entkoppeln.

Lange hieß es, die Ausgaben für Bildung eines Landes seien ein wichtiger Faktor für ein leistungsfähiges Schulsystem – dass es aber auch nicht allein auf Geld ankommt, zeigt das Beispiel Estland, das 30 Prozent weniger Bildungsausgaben hat als der Durchschnitt  – und dennoch als diesjähriger Testsieger unter den OECD-Staaten hervorgeht. Ein wenig Gelassenheit beim Leistungsvergleich ist also durchaus angebracht.

Kein Pisa-Schock

An manche Befunde sollte man sich dagegen keinesfalls gewöhnen, auch wenn man sie schon oft gehört hat. Es ist hochalarmierend für ein reiches Land wie Deutschland, dass die soziale Schere auch in der Bildung immer weiter auseinandergeht. Dass ein Fünftel der Jugendlichen nicht in der Lage ist, einfache Texte zu verstehen und ein Drittel anhand der ihnen genannten Quellen den Unterschied zwischen Wahrheit und Fiktion nicht auseinanderhalten kann, zeigt, dass Digitalisierung nicht nur Heilsbringer, sondern auch Herausforderung ist, mit der sich die Pädagogen bislang viel zu wenig auseinandergesetzt haben.

Und dass deutsche Schüler zwar super in Lesestrategien sind, die Freude am Lesen aber sogar in den leistungsschwächsten Ländern wie Mexiko stärker ausgeprägt ist als unter deutschen Jugendlichen, zeigt, dass noch etwas ganz grundlegend schief läuft an deutschen Schulen. Etwas, das viel mit dem Satz des Heraklit zu tun hat, dass Lernen nicht heiße, Fässer zu füllen, sondern eine Fackel zu entzünden. Pisa-Schock nein, aber zurücklehnen kann sich mit solchen Befunden niemand. 

Christiane Habermalz/Porträtfoto ((c) Deutschlandradio/Bettina Straub)Christiane Habermalz ((c) Deutschlandradio/Bettina Straub)Christiane Habermalz, geboren 1968, studierte Romanistik, Publizistik, Geschichte und Politik an der FU Berlin. Sie absolvierte ein Volontariat beim Deutschlandradio, verbrachte mehrere längere Aufenthalte in Lateinamerika, wo sie u.a. als Journalistin arbeitete. Heute ist sie als Korrespondentin für Kultur- und Bildungspolitik im Hauptstadtstudio des Deutschlandradios tätig. 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk