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StartseiteForschung aktuellVerhängnis Trockenheit14.01.2011

Verhängnis Trockenheit

Klimaeinfluss auf den Untergang des Römischen Reiches

Klimaforschung. - Klimaschwankungen könnten die europäische Geschichte beeinflusst haben. Das legt ein aus Baumringen zusammengestelltes Klimaarchiv der vergangenen 2500 Jahre unseres Kontinents nahe. Der Wissenschaftsjournalist Volker Mrasek berichtet im Gespräch mit Uli Blumenthal über die in "Science" veröffentlichte Studie.

Fiel das Römische Reich dem Klima zum Opfer? (AP)
Fiel das Römische Reich dem Klima zum Opfer? (AP)

Blumenthal: Herr Mrasek, wann hat das Klima den Gang der Geschichte in Zentraleuropa entscheidend beeinflusst?

Mrasek: Zum Beispiel schon im Jahr 250 nach Christus, oder ab dieser Zeit. Bis dahin war das Weströmische Reich in Zentraleuropa sehr gut entwickelt, danach folgt dann die Epoche der Völkerwanderung mit viel Tohuwabohu, wo die Barbaren ja dann sogar in das Römische Reich einfielen und Rom angezündet haben. Und aus diesen Klimadaten lässt sich das wohl ganz gut in Verbindung bringen mit einer Zeit, in der tatsächlich das Klima nicht so gut war für das Römische Reich. Es gibt nicht mehr soviel Niederschlag, sondern es wurde sehr, sehr trocken, und das sogar über Jahrzehnte oder Jahrhunderte, so dass Forscher sagen, wir sehen eine Übereinstimmung. Dass das Weströmische Reich auseinanderfiel, das kann durchaus auch klimatische Gründe gehabt haben, die es beeinflusst haben.

Blumenthal: Der Fortschritt dieser Studie, die jetzt veröffentlicht wurde, ist ja offensichtlich auch, dass noch kein Paläoklima-Forscher zuvor so weit in die Vergangenheit geschaut hat. Wie ist das überhaupt möglich? Baumringe haben wir schon ganz kurz angesprochen.

Mrasek: Ja, das ist richtig. Es gab bisher so Klimaarchive, die schon das Mittelalter abdecken, aber nicht unbedingt bis in die Eisenzeit gingen. Sie sagten schon: 2500 Jahre ist das Archiv alt, also das ist bis vor Christus, bis in diese Zeit. Das liegt daran, dass in den Asservaten-Kammern von archäologischen Museen ganz viele so genannte subfossile Holzrelikte lagern, das sind jetzt Sachen, die die Klimaforscher nicht gesammelt haben, sondern Archäologen, das sind irgendwelche Brunnen oder so etwas, bei Ausgrabungen gefunden, und die Klimaforscher, die haben bis jetzt keinen Blick darauf geworfen. Das machen sie aber jetzt, die Sachen sind nicht versteinert, deswegen heißen sie subfossil, sie stammen zum Beispiel aus Überschwemmungsgebieten, sind unter Luftabschluss bewahrt worden, deswegen sind sie noch gut erhalten, und deswegen kann man sie sich jetzt anschauen. Die Forscher haben es vor allem mit Eichen gemacht, Eichen aus Lothringen, Eichen aus Bayern und Eichen aus Brandenburg. An Eichen ist sehr interessant: wir haben hier ein typisches Wuchsgebiet für Eichen, und da es nicht die Temperatur das Entscheidende, hier ist es warm genug für Eichen, sondern der Niederschlag. Die Bäume bilden vor allen Dingen dann besonders dicke Jahresringe aus, also Wachstumsringe, wenn es feucht ist. Und das kann man dann historisch rückblickend praktisch untersuchen. Das haben die Wissenschaftler untersucht und konnten dadurch sagen: anhand der Eichenarchive, über 7000 Einzelexemplare, können wir sehen: zu dieser und jener Zeit war es feuchter, zu dieser und jener Zeit war es trockener.

Blumenthal: Sagen jetzt irgendwie die Paläoklima-Forscher: Die europäische Geschichte muss umgeschrieben werden. Also gibt es da ein, wie man sagt, einen Einfluss, einen impact irgendwie auf die Geschichtsschreibung.

Mrasek: Im Grunde nicht. Sie sagen nur, das ist ein ganz interessante Aspekt: also unsere, diese Klimaarchive, diese Baumringe, zeigen schon, dass das Klima den Gang der Geschichte beeinflusst hat. Das könnte ein Lehrbeispiel für unsere Zeit sein. Die Forscher glauben aus den Daten ablesen zu können, dass es immer dann kritisch war sich anzupassen für den Menschen, wenn es recht schnell ging. Und wir erleben ja gerade eine Klimaerwärmung, von der auch diese Forschergruppe sagt: Die ist beispiellos. Das sehen wir nicht. Wir sehen Niederschlagsphasen, die waren heftiger als heute teilweise sogar. Aber wir sehen keine Wärmeperiode, die so extrem ist wie die jetzige. Und zwar in dem Punkt, dass es so schnell geht. Sie sagen: Das könnte uns Probleme bereiten, dass es so schnell geht. Wir dürfen nicht den Fehler machen, zu denken, wir sind sehr viel weiter entwickelt heute technisch als zum Beispiel ein solcher Barbar vor 1500 Jahren zu Zeiten der Völkerwanderung, das mag sein. Aber wir haben nicht mehr den Raum, um uns vielleicht so zu bewegen. In dieser Klimastudie kommt zum Beispiel auch zum Ausdruck, dass in Grönland, da gab es mal Siedlungen, dass die verlassen wurden, da gab es auch so Kälte- und Trockenheitsperioden. Das heißt, da bestand aber noch Raum, für die Menschen, sich räumlich zu verändern, auch in der Völkerwanderung. Das könnte jetzt nicht mehr der Fall sein. Wir sind ein sehr dicht bevölkerten Planeten und wir sollten uns da nicht täuschen.

Blumenthal: Wird die Diskussion um den Klimawandel neu befeuern, was da jetzt veröffentlicht wurde, ganz kurze Antwort?

Mrasek: Könnte sein. Es gibt ja die ganze Zeit die Diskussion, ob das Mittelalter vielleicht auch wärmer war als heute. Und die so genannten Klimaskeptiker behaupten das immer wieder, aber noch einmal: Die Forscher sagen, wir erleben gerade eine beispiellose Periode, und bei den Niederschlägen ist es ein bisschen anders, da muss man noch weiter forschen.

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