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StartseiteKultur heuteDoğan Akhanlis Erinnerungen29.02.2020

"Verhaftung in Granada"Doğan Akhanlis Erinnerungen

Doğan Akhanlı, Kölner Schriftsteller mit türkischen Wurzeln, engagierte sich schon als junger Mann politisch und wurde deshalb immer wieder verhaftet. Regisseur Nuran David Calis hat seinen Roman für die Bühne adaptiert und Akhanlis Erinnerungen - auch an Folter - viele Stimmen gegeben.

Von Dorothea Marcus

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Verhaftung in Granada von Doğan Akhanlı am Schauspiel Köln. Auf dem Bild sehen Sie: Stefko Hanushevsky. (Krafft Angerer)
Verhaftung in Granada am Schauspiel Köln. Auf dem Bild: Stefko Hanushevsky (Krafft Angerer)
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Viermal in seinem Leben wurde der Kölner Schriftsteller mit türkischen Wurzeln und deutschem Pass, Doğan Akhanlı, verhaftet. Zuletzt veranlasste die Türkei 2017, ihn auf einem Kurzurlaub im spanischen Granada festzusetzen. Die Proteste dagegen gingen um die Welt, der Roman, den Akhanli nach drei Monaten Zwangsurlaub über sein Leben und die Repressionen in der Türkei schrieb, auch. Mit drei Schauspielern stellt Regisseur Nuran David Calis nun die verschiedenen Zeitebenen und Figuren nach, die der Roman vereint. Zu dem Beginn seines politischen Engagements, schreibt Akhanli:

"Die Zeitung mit dem roten Stern, die ich im Mai 1975 an einem Kiosk kaufte, übte eine ganz besondere Anziehungskraft auf mich aus. "Onkel, gibst du mir bitte diese Zeitschrift da?", sagte ich. Das war‘s. Der Kauf der Zeitschrift jener politischen Gruppe, die inzwischen zu einer den Völkermord an den Armeniern vehement leugnenden nationalistischen Bewegung geworden ist, hat den Lauf meines Lebens für immer verändert."

Auf der Bühne steht ein Haus mit grauen Wänden und großen Fenstern: ein Imaginationsraum. Heraus ragt ein Schreibtisch, an dem der Schriftsteller sitzt, der in seine Erinnerung hinabsteigt. Zunächst spricht diesen Text Stefko Hanushevsky in Brille und Anzug als Ich-Monolog, aber nach und nach übernehmen auch Kristin Steffen oder Murat Dikenci. Fließend wechseln die Schauspieler die Rollen: 1980, nach dem ersten Putsch in der Türkei, wird Akhanli zum Kommunisten und lernt seine Frau kennen: Küssend sinken die beiden auf den Tisch, um sich gleich wieder hinzusetzen und rauchend in die politische Arbeit einzusteigen. Viele Jahre später sorgt sich die Familie erneut:

"Wann bist du wieder da? Warum die Türkei? Ich hab da so ein mieses Gefühl… das ist nicht mehr das gleiche Land… wir sind fast in der EU! Das glaubst du doch wohl selber nicht. – Ja und ein Jahr davor ist Hrant Dink gestorben! So lange die Türkei nicht die Vergangenheit aufarbeitet, wird sich nichts ändern. Mein Gott, ich bin deutscher Staatsbürger!"

Vom Tod in der Zeitung gelesen

Die Warnungen helfen nichts: als Akhanli im Jahr 2001 ein letztes Mal seinen Vater sehen will, wird er bei der Landung erneut festgenommen. Vom Tod seines Vaters erfährt er, indem ihm verächtlich eine Zeitung in den Gefängnishof geworfen wird. Es sind solche traurigen persönlichen Details, die den Abend am Schauspiel Köln ganz nahe kommen lassen. Die Einzelheiten der Folterszenen spart der Autor weitgehend aus.

"E.B. hat mich nicht vor der Folter retten können. Bis ihn die Nachricht meines Bruders erreichte, hatte man meinen Kopf neben dem Büro von E.B. wieder und wieder gegen die Wand geschlagen."

Regisseur Nuran David Calis lässt die Schauspieler dafür an den rechten Bühnenrand gehen, sich nackt auszuziehen, und mit schwarzen Augenbinden an die Wand stellen: mehr als dieses Bild von Ohnmacht und Demütigung braucht es nicht, um sie auf der Bühne anzudeuten. Immer wieder reflektieren die drei Schauspieler dabei auch ihren eigenen Probenprozess. Auf einer Videoleinwand über der Bühne erzählt der deutsch-türkische Schauspieler Murat Dikenci etwa von der Sehnsucht nach seinem Heimatland und dass er sich nicht traute, einem türkischen Taxifahrer von den Proben zu erzählen, oder dass zwei türkische Mitarbeiter, die Produktion verliessen, aus Angst nicht mehr in die Türkei einreisen zu dürfen.

"Wir müssen ins Ausland! Ja, wir müssen die Türkei verlassen. Die Türkei verlassen, hier abhauen. Wie alle anderen, die noch nicht verhaftet sind. Und was passiert dann? Überlassen wir das Land dann den Faschisten?"

Lange hallen die Namen der Verhafteten nach

Und bei aller Melancholie: manchmal ist die Geschichte von Akhanlis Verhaftungen auch eine kafkaeske Odyssee mit humoresken Zügen, etwa, wenn die Verhörbeamten kopflos brüllend nicht wissen, welcher Terrororganisation sie den Schriftsteller zuordnen sollen und er ihnen sanft und bedächtig mit den Initialen seiner Kölner Antikonfliktgruppe aushilft.

Zum Schluss stehen die drei grandiosen und wunderbar zurückgenommen agierenden Schauspieler nebeneinander und erzählen, dass noch im Januar 150 Theaterleute in Istanbul entlassen wurden, die türkische Regierung im Februar erneut 700 Haftbefehle erließ. "Verhaftung in Granada" in Köln ist ein kluges, sensibles Stück über politische Unterdrückung, türkische Spaltung und darüber, wie ein Schriftsteller im Exil mit Hilfe der Literatur dagegen kämpfen kann. Lange hallen im Dunkeln die Namen der Verhafteten nach, die zum Schluss verlesen werden.

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