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StartseiteKommentare und Themen der WocheDer Kreml-Kritiker musste nach Russland zurückkehren18.01.2021

Verhaftung NawalnysDer Kreml-Kritiker musste nach Russland zurückkehren

Mit seiner Rückkehr nach Russland hat Alexej Nawalny eindrucksvoll den entscheidenden Unterschied zwischen sich selbst und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin markiert, kommentiert Thielko Grieß. Dieser mutige Schritt war notwendig, um den Kampf gegen das Unrechtsregime Putins fortzusetzen.

Ein Kommentar von Thielko Grieß

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Kremlgegner Alexej Nawalny und seine Ehefrau Julia auf eine Gangway (picture alliance/dpa | Michael Kappeler)
Allein die wachsende Gefahr, dass mehr Menschen in Nawalny womöglich eine Alternative sehen könnten, ist für Präsident Putin inakzeptabel, kommentiert Thielko Grieß (picture alliance/dpa | Michael Kappeler)
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Der Kreml befindet sich in einer für ihn unangenehmen, sogar schwierigen Lage. Übt er keinen Druck auf Alexej Nawalny aus, so würde dies umgehend als Schwäche interpretiert. Schwäche ist das Letzte, was sich ein Autokrat vom Schlage Putins erlauben darf. Also reagiert der russische Staat mit Härte. Das kann er ohnehin am besten. Nawalny umzubringen, hat nicht funktioniert. Also wird die Staatsmacht dafür sorgen, dass er in den nächsten Monaten, vielleicht sogar Jahren vor keiner Kamera mehr erscheint, in keine Mikrofone mehr spricht.

Das Interesse an Nawalny steigt auch im Inland

Doch das eigentliche Problem besteht weiter, solange Nawalny lebt: Denn er existiert inzwischen nicht nur als Mensch, sondern es ist in Russland eine politische Figur und Persönlichkeit entstanden, größer und wirkungsvoller. Diese Figur ist in den vergangenen fünf Monaten, also seit Nawalnys Vergiftung in Sibirien, immer sichtbarer geworden. Der 44 Jahre alte Politiker zieht immer mehr Aufmerksamkeit auf sich.

Das Interesse an ihm steigt nicht nur im Ausland, was allein dem Kreml nun wirklich egal wäre, sondern wohl auch im Inland, wie einige russische Politologen beobachten. Daraus gleich auf eine wachsende Popularität zu schließen, wäre vorschnell. Doch allein die wachsende Gefahr, dass mehr Menschen in ihm womöglich eine Alternative sehen könnten, ist für Putin inakzeptabel. Deshalb wurde Nawalny gleich an der Passkontrolle verhaftet.

Kremkritiker Nawalny und seine Ehefrau stehen am Flughafen Moskau-Scheremetjewo in einem Bus. (dpa / ap / Mstyslav Chernov)Kremkritiker Nawalny und seine Ehefrau stehen am Flughafen Moskau-Scheremetjewo in einem Bus. (dpa / ap / Mstyslav Chernov)Anwalt des Kreml-Kritikers - "Nawalny ist politischer Gefangener Nummer eins in Russland″
Kreml-Kritiker Alexej Nawalny ist bei seiner Rückkehr nach Russland noch am Flughafen verhaftet worden. Sein Anwalt Nikolaos Gazeas spricht von politischer Verfolgung. Die Vorwürfe gegen Nawalny seien konstruiert, sagte er im Dlf. Der UNO-Sicherheitsrat müsse sich mit dem Fall befassen.

Nawalny als politische Figur ist inzwischen ein anderer, als noch der, der in Sibirien vergiftet wurde. Indem er den russischen Präsidenten geradeheraus für seine Vergiftung verantwortlich macht, hat er die Ebene gewechselt. Er kämpft nun nicht mehr mit der zweiten Reihe der russischen Führung, also bekannten und bekannt korrupten Figuren, sondern mit der Spitze der Hierarchie, mit Putin selbst und seinen engsten Getreuen, den Geheimdienstlern.

Rückkehr zeugt von Mut und Charakter

Um diesen Kampf führen zu können, mit den Mitteln der investigativen Recherche, seiner Redekunst und seinem Humor, der Kommunikation in digitalen Medien – und nun auch mit dem Aufruf zu Demonstrationen – musste Nawalny nach Russland zurückkehren. Er musste wissen, für die Herausforderung der Staatsspitze mit Haft bezahlen zu müssen, was von seinem Mut und seinem besonderen Charakter zeugt. Es ist die andere Seite der Medaille, die Nawalny als starrköpfig und kompromisslos beschreibt. Damit hat er eindrucksvoll den entscheidenden Unterschied zwischen sich selbst und dem Präsidenten Russlands markiert: Nawalny leistet Widerstand gegen ein Unrechtsregime, das Putin immer weiter perfektioniert.

Thielko Grieß (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Thielko Grieß (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Thielko Grieß, geboren in der Nähe von Osnabrück, hat Kultur-, Politik- sowie Medienwissenschaften in Leipzig, Ljubljana und Jena studiert. Während des Studiums hat er in verschiedenen Hörfunkredaktionen des Mitteldeutschen Rundfunks in Halle und Magdeburg sowie als freier Mitarbeiter für das Deutschlandradio gearbeitet. Er war im Gründungsteam der Nachrichtenredaktion von DRadio Wissen und hat beim Deutschlandradio volontiert. Danach hat er im Deutschlandfunk u. a. die Frühsendung "Informationen am Morgen" moderiert. Nach einem Studienaufenthalt an der Staatlichen Universität im russischen Nowosibirsk berichtet er seit Februar 2017 aus dem Studio Moskau über Russland, Weißrussland, den Kaukasus und Zentralasien.

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