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StartseiteForschung aktuellPrimaten im OP03.07.2018

VerhaltensforschungPrimaten im OP

Ein Team von US-Wissenschaftlern hat eine Studie über das Verhalten von OP-Teams veröffentlicht. Dafür hat es Methoden aus der Konfliktforschung von Affen genutzt. Eine Erkenntnis, so der Verhaltensforscher Frans de Waal im Dlf: Wenn man die Geschlechter mischt, gibt es deutlich weniger Konflikte.

Frans de Waal im Gespräch mit Lennart Pyritz

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Mats Brännström und sein Team bei der Transplantation einer Gebärmutter (UNIVERSITY OF GOTHENBURG/EPA/Johan Wingborg/dpa picture alliance)
Wenn im OP die Geschlechter gemischt werden, gibt es weniger Konflikte, so die Studie (UNIVERSITY OF GOTHENBURG/EPA/Johan Wingborg/dpa picture alliance)
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Lennart Pyritz: Wie Paviane oder Gorillas kooperieren und wie Konflikte in einer Gruppe von Affen entstehen – das untersuchen Verhaltensforscher schon lange mit systematischen Beobachtungen in Steppe und Wald. Ein US-Forschungsteam hat diese Methoden jetzt auf OP-Teams übertragen und das Projekt "operating room primatology" genannt. Das Ziel: Kooperation und Konflikte innerhalb der medizinischen Teams menschlicher Primaten analysieren. Und so vielleicht Erkenntnisse sammeln, die die Zusammenarbeit und Sicherheit im OP künftig verbessern könnten.

Die Studie erscheint heute im Fachblatt PNAS. Vor der Sendung habe ich mit einem der Autoren gesprochen, dem niederländischen Verhaltensforscher und bekannten Buchautoren Frans de Waal von der Emory University in Georgia. Ich habe ihn zuerst gefragt, wie er überhaupt auf die Idee gekommen ist, OP-Teams durch die Augen des Primaten- oder Affenforschers zu betrachten?

Frans de Waal: Es gab einen Anästhesisten in unserem Krankenhaus, ein sehr großes Krankenhaus, Emory University. Und er hat mein Buch gelesen "Chimpanseepolitiek" und dachte, dass das sehr vergleichbar war mit dem, was im Operationssaal geschieht, und hat mich nach meiner Methode gefragt, um sie darauf anzupassen. Es gibt sehr viele Studien zum menschlichen Verhalten im Operationssaal, aber die meisten sind, wie sagt man, mit Fragebogen und alles interpretiert durch die Leute, die da sind. Und was wir gemacht haben, ist natürlich ganz anders. Wir haben da gesessen und Observationen gemacht, wir haben das nicht per Video registriert, wir haben es live registriert.

"Die Leute tanzen, singen, plaudern, flirten"

Pyritz: Sie haben das Ganze "operating room primatology" genannt, wie genau muss man sich das vorstellen? Sie haben das jetzt eben schon angedeutet – saß da tatsächlich eine Forscherin oder ein Forscher in der Ecke des Operationssaals und hat Verhaltensbeobachtungen notiert, also so etwas wie, Chirurgin oder Chirurg schimpft mit OP-Team oder lobt OP-Team?

de Waal: Das ist so, wie wir das mit dem Schimpansen auch machen. Wir haben ein iPad und live registriert, was geschieht, und haben ein Ethogramm – das ist eine Beschreibung aller Verhaltensweisen, die es gibt für den Menschen. Und es gibt im Operationssaal – man denkt immer, dass es nur technische Kommunikation ist, aber die Leute tanzen, singen, plaudern, flirten, es gibt alles da, es ist ein mikrokosmos-mäßiges Verhalten. Und wenn man mit Fragebogen arbeitet, dann ist es natürlich fast immer konzentriert auf die technische Kommunikation, und das sind vielleicht nur fünf Prozent von dem, was im Operationssaal geschieht.

Pyritz: Was waren denn die wichtigsten Ergebnisse Ihrer Studie, was beeinflusst Kooperation und Konflikte im Operationssaal?

de Waal: Das Wichtigste war vielleicht, dass es eine Hierarchie gibt und dass die Konflikte hier folgen natürlich, und auch, dass die Geschlechter der Leute unterschiedliches Verhalten produzieren. Es ist nicht so, dass männliche oder weibliche Chirurgen sich unterschiedlich verhalten, sie sind eigentlich sehr vergleichbar, glaube ich, aber die verhalten sich unterschiedlich abhängig von den meisten Leuten im Operationssaal. Also wenn es einen männlichen Chirurgen gibt und die meisten Leute im Operationssaal sind auch männlich, dann gibt es mehr Konflikte und gibt es weniger Kooperation und dasselbe für weibliche. Wenn es einen weiblichen Chirurg gibt mit meistens weiblichen Mitarbeitern, dann gibt es weniger Kooperation.

Pyritz: Sie haben am Anfang von der Hierarchie gesprochen und dass sich Konflikte entlang dieser Hierarchie entwickeln. Können Sie das noch mal ein bisschen genauer beschreiben?

de Waal: Ja, es gibt eine Hierarchie natürlich, der Alpha ist Chirurg, und dann gibt es eine andere Hierarchie mit den Krankenschwestern und dann Anästhesisten und so weiter. Und die meisten Konflikte gehen in der Hierarchie nach unten, und meistens zwischen Individuen, die einige Ränge unterschiedlich sind. Das ist natürlich sehr primatologisch, das so zu analysieren, aber das ist nie vorher gemacht worden, soweit ich weiß.

De Waal: Weniger Konflikte durch Mischung der Geschlechter

Pyritz: Wie interpretieren Sie denn jetzt diese Ergebnisse, beziehungsweise gibt es da Parallelen zwischen diesen menschlichen OP-Teams und Affengruppen, sagen wir mal Paviane, Schimpansen, Gorillas in Bezug auf Kooperation und Konflikte?

de Waal: Was wir gefunden haben, ist eigentlich sehr vergleichbar mit den Primaten. Die größte Rivalitäten gibt es zwischen Individuen, die dasselbe Geschlecht haben, und das ist natürlich auch das, was wir rausgefunden haben: Wenn die Geschlechter unterschiedlich sind zwischen dem Chirurgen und dem Rest der Leute im Operationssaal, gibt es mehr Kooperation und weniger Konflikte. Und das ist vielleicht, weil der Alpha nur seine Position zu unterstreichen braucht mit Individuen, die dasselbe Geschlecht haben.

Pyritz: Wie erklären Sie sich denn diese Parallelen vorm evolutiven Hintergrund?

de Waal: Das ist nicht so schwierig. Wir sind alle Primaten, und das menschliche Verhalten ist sehr primatologisch, und es erstaunt noch immer, dass wir die Ersten sind, die auf diese Weise sich Hierarchie und Geschlecht nach dem Verhalten im Operationssaal angeschaut haben. Aber wenn ich mit Leuten spreche, die im Operationssaal arbeiten, die erkennen das immer, das sind keine Überraschungen für die meisten.

Pyritz: Wenn wir das jetzt mal konkret auf die Arbeit im OP übertragen, welche Schlüsse lassen Ihre Ergebnisse da zu, sollten dann männliche Chirurgen bevorzugt mit weiblichen Teams arbeiten und umgekehrt?

de Waal: Ich glaube, dass die Mischung der Geschlechter, die es jetzt gibt im Operationssaal, immer mehr eine gute Sache ist. Wenn es nur Männer gibt im Operationssaal oder nur Frauen, das geht nicht so gut, als wenn es eine Mischung gibt. Eine der Sachen, glaube ich, die man machen soll im Operationssaal, ist, mehr Stabilität machen. Es gibt eine große Instabilität, es gibt immer Änderungen des Teams, es sind immer andere Leute zusammen im Operationssaal, und wenn es vielleicht etwas mehr Stabilität gebe, gibt es vielleicht auch weniger Konflikte.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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