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StartseiteForschung aktuellFortschritt bei der Pille für den Mann02.10.2015

VerhütungFortschritt bei der Pille für den Mann

Schon oft haben Wissenschaftler versucht, die Pille für den Mann zu entwickeln - bislang erfolglos. Im Fachmagazin "Science" berichten Forscher nun über eine erstaunlich einfache Methode männliche Fruchtbarkeit zu kontrollieren. Das Verfahren ist zwar erst bei Mäusen getestet, hat aber gegenüber früheren Vorstößen einen möglichen Vorteil.

Von Anneke Meyer

Eine Hand hält eine Pille. (picture alliance/ dpa/ Rolf Vennenbernd)
Gezielte Versuche, ein zuverlässiges Verhütungsmittel für Männer zu entwickeln sind bislang gescheitert. (picture alliance/ dpa/ Rolf Vennenbernd)

Penicillin war das Ergebnis von unsauberer Arbeit. Viagra war als Herzmedikament gedacht. Und das von Psychologen gerühmte Lithium eigentlich nur ein Lösungsmittel. Der Zufall hat dem medizinischen Fortschritt schon oft in die Hände gespielt.

Auch Masahito Ikawa und sein Team von der Osaka Universität in Japan kamen zu ihrer Entdeckung wie die Jungfrau zum Kind. Interessiert hatten die Wissenschaftler sich eigentlich für ein Protein, das in der Immunabwehr eine wichtige Rolle spielt, das Calcineurin:

"Wir hatten bemerkt, dass es im Erbgut von Säugetieren mehr als ein Gen für den Bau von Calcineurin gibt. Eines davon wird nur im Sperma abgelesen. Wir waren einfach nur neugierig was die Funktion dieses Sperma-Calcineurins ist. Deshalb haben wir Mäuse gezüchtet, bei denen genau dieses Gen inaktiv war. Wir hatten erwartet, eine Störung bei der Spermienproduktion zu sehen und waren sehr enttäuscht überhaupt keinen Unterschied zu finden."

Eine Zufallsentdeckung

Erst als in den Zuchtkäfigen der genetisch veränderten Mäuse der Nachwuchs ausblieb, nahmen Masahito Ikawa und seine Kollegen die Spermien noch einmal genauer unter die Lupe: Sie kauften eine Hochgeschwindigkeitskamera und filmten ihre Bewegung. Tatsächlich hatten die Spermien der genmanipulierten Tiere eine steife Geißel. Dadurch fehlte ihnen die Durchschlagskraft um ein Ei befruchten zu können.

"Da dachten wir, dass könnte ein Weg sein, um ein Verhütungsmittel für Männer zu entwickeln. Wir wussten aus der Humanmedizin, dass bestimmte Medikamente Calcineurin außer Kraft setzen. Wir haben also diese Mittel bei gesunden männlichen Mäusen ausprobiert. Und das hat tatsächlich funktioniert. Das hat uns sehr überrascht."

Zwei Wochen nach Beginn der Medikamentengabe wurde das Sperma der Mäusemännchen lahm und die Tiere unfruchtbar. Eine Woche nach dem Absetzen der Arznei waren die Spermien wieder fit und die Männchen zeugungsfähig.

Lahmer Samen wäre eine durchaus denkbare Verhütungsmethode

Männer sind zwar keine Mäuse, aber das spezielle Sperma-Calcineurin gibt es auch bei ihnen. Prinzipiell wäre lahmer Samen deshalb eine durchaus denkbare Verhütungsmethode. Zum jetzigen Zeitpunkt allerdings nur mit unerwünschten Nebenwirkungen: Die bei den Mäusen so gut wirksamen Medikamente, werden in der Humanmedizin benutzt um das Immunsystem herunterzufahren, etwa um die Abstoßung eines Spender-Organs zu verhindern.

"Wir müssen ein Medikament entwickeln, dass das Immunsystem nicht beeinträchtigt. Eines, das nur Sperma-Calcineurin unterdrückt. Mögliche Kandidaten dafür wären Derivate der Immunsuppressiva, die bei der Entwicklung der heute zugelassenen Medikamente verworfen wurden, weil sie nicht auf das Calcineurin des Immunsystems wirken. Einige dieser Mittel könnten aber das Sperma-Calcineurin blockieren."

Gezielte Versuche ein zuverlässiges Verhütungsmittel für Männer zu entwickeln sind bislang gescheitert.

Der Mann ist bereit für die Pille

Erst 2011 war eine groß angelegte Studie der Weltgesundheitsorganisation, in der die Samenproduktion durch Hormone kontrolliert wurde, abgebrochen worden. Zu viele Teilnehmer hatten über Depressionen und Stimmungsschwankungen geklagt. Frei von Nebenwirkungen, nicht aber von Bedenken sind Ansätze den Samenleiter vorübergehend zu verkleben oder mit spermatötenden Proteinen auszukleiden. Dafür ist ein operativer Eingriff nötig.

Vielleicht kommt der Zufall einmal mehr dort zur Hilfe, wo analytische Herangehensweise bisher in Sackgassen führte. Für die Pille bereit, sei der Mann heute auf jeden Fall, denkt Masahito Ikawa:

"Wir sind Männer. Wir müssen Verantwortung übernehmen!"

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