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StartseiteDie neue PlatteLeuchtende Höhe21.06.2020

Verismo-ArienLeuchtende Höhe

Seit seinem Debüt und sensationellem Erfolg bei den Bayreuther Festspielen 2018 wird Piotr Beczala genau von der Opernwelt beobachtet. Jetzt legt er seine erste CD beim neuen Label vor. Kann er die hohen Erwartungen erfüllen?

Am Mikrofon: Bjørn Woll

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Ein Mann mit dunklen, kurzen Haaren lächelt und schaut knapp aus dem Bildausschnitt heraus. (picture alliance / dpa - Javier Del Real)
Der polnische Tenor Piotr Beczala zeigt auf seiner neuen Platte eine makellose Technik. (picture alliance / dpa - Javier Del Real)
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Eigentlich sollte bei den Bayreuther Festspielen 2018 Roberto Alagna als Lohengrin debütieren. Doch der Tenor sagte wenige Wochen vor seinem Auftritt ab. Kurzerhand übernahm Piotr Beczala die Rolle – und feierte mit seinem Debüt auf dem Grünen Hügel einen sensationellen Erfolg. Nun erscheint seine Debüt-CD beim neuen Label Pentatone.

Musik: Puccini - Nessun dorma (Turandot)

Die bekannteste Arie hat Piotr Beczala sich bis zum Schluss der Aufnahme aufgespart: "Nessun dorma" aus Puccinis "Turandot". Nicht erst seit Luciano Pavarotti gehört die zum Standardrepertoire aller Tenöre. Die Konkurrenz, an der sich Beczala messen lassen muss, ist also groß. Und um es kurz zu machen: Er braucht sie nicht zu fürchten: Wie kontrolliert seine Stimmgebung selbst bei diesem Kraftakt ist, verrät zum Beispiel die wunderbar organische Zurücknahme der Stimme auf "splendera":

Musik: Puccini - Nessun dorma (Turandot)

Stimmkontrolle und Gestaltungskunst zeigt der Tenor aber auch mit der kleinen klanglichen Intensivierung auf dem vorletzten "vincero". Und selbst die Fermate auf dem berühmten hohen H klingt so, als gäbe es da noch vokale Reserven. Anders also als bei Pavarotti, der uns mit großer Leidensmiene auch optisch an den vokalen Anstrengungen für den Sänger teilhaben ließ. Beczala gelingt damit eine eher verinnerlichte und beseelte Darstellung dieser oft als reine Bravournummer vorgeführten Arie.

Musik: Puccini - Nessun dorma (Turandot)

Im Alter scheinbar immer besser

Puccini steht nicht nur am Ende, sondern auch am Anfang des Albums: mit zwei Arien des Cavaradossi aus "Tosca". Der ist eine der wenigen Rollen dieser Aufnahme, die Piotr Beczala bereits auf der Bühne gesungen hat. Sein Debüt an der Wiener Staatsoper Anfang 2019 geriet zum wahren Triumph für den Sänger, der damals 52 Jahre alt war. Wer ihn kennt, weiß, dass Beczala in Sachen Karriereplanung wirklich nichts dem Zufall überlässt. Was vermutlich der Grund ist, warum sein Tenor mit dem Alter immer besser zu werden scheint: Die Höhe leuchtet noch intensiver als vor einigen Jahren, der metallene Kern hat einen noch wärmeren Mantel bekommen – und doch ist die Stimme bei allem Kraftzuwachs elastisch geblieben. In Cavaradossis "E lucevan le stelle" überzeugt Beczala außerdem mit schöner Phrasierungskunst und tenoralem Schmelz. Dass er dabei – nicht untypisch für den Sänger – ein wenig "old fashioned" klingt, liegt vermutlich auch am eher langsamen Tempo der Aufnahme. Das kostet der Tenor in dem kleinen Schlenker zum Ende der Arie jedoch genüsslich aus:

Musik: Puccini - E lucevan le stelle (Tosca)

Einen Eindruck, zu was diese Stimme in der Lage ist, bekommt man in der Arie aus "Andrea Chénier". Hier zeigt der Sänger zudem, wie stimmliche Opulenz und kluge Gestaltungskunst Hand in Hand gehen können. Die groß angelegte Steigerung am Ende meistert er prachtvoll: Hier öffnet Piotr Beczala die Schleusen seines Tenors und raut ihn gleichzeitig ein wenig auf. Nur die Vokale geraten ihm dabei ein wenig breit, sind nicht mehr ganz klar fokussiert. Das ist aber auch schon der einzige Einwand. Vor allem hat sein Vortrag ein großes Maß an Natürlichkeit, es gibt kein Forcieren, kein "Zu dickes Auftragen". Als i-Tüpfelchen deutet er ganz am Schluss das Wort "muore" noch mit einem kurzen Eindunkeln der Stimme.

Musik: Giordano - Come un bel dì di maggio (Andrea Chénier)

Eine makellose Technik

Programmatisch zusammengehalten werden die Arien von Puccini bis Giordano auf diesem Album durch den Begriff des Verismo. Also jenem Opernstil um 1900, der nach den artifiziellen Verzierungen des Belcanto mehr auf Emotionalität und Realismus setzte – bis hin zu außermusikalischen Stilmitteln wie Schreien und Schluchzen. Für Piotr Beczala bedeutet die Aufnahme aber auch einen weiteren Schritt ins dramatische Fach. Denn die veristischen Rollen verlangen nach einem so genannten "spinto tenor", also einer weichen und beweglichen Stimme, die gleichzeitig aber eine strahlende und durchsetzungsfähige Höhe braucht. Geradezu der Prototyp einer veristischen Arie ist "Vesti la giubba" aus Leoncavallos "Pagliacci".

Musik: Leoncavallo - Vesti la giubba (Pagliacci)

Auch hier überzeugt Piotr Beczala mit dem klanglichen Reiz seines Tenors und einer makellosen Technik. Jedoch fehlt seinem Gesang ein wenig das innere Lodern, das die ganze Tragik dieses Charakters hörbar werden lässt. Das hat etwa Mario del Monaco deutlich animalischer gesungen, mit seinem permanenten Schluchzen jedoch auch ziemlich rührselig. Beczala verkneift sich diese in der Vergangenheit so gängige Praxis glücklicherweise, obwohl selbst er auf den ein oder anderen Seufzer nicht verzichten mag. Grundsätzlich hält es der Pole mit seinem großen Vorbild Aureliano Pertile, an dem er die Sauberkeit der Phrasierung und die stilistische Klarheit bewundert. Und so führt er uns bei seinem Ausflug in den Verismo nicht in ein endloses Tal der Tränen, sondern zeigt, dass man dieses Repertoire auch kultiviert meistern kann. Bemängeln könnte man lediglich, dass er die Rollen ein wenig zu pauschal gestaltet. Doch das ist zu verschmerzen, wenn dabei derart überlegen gesungen wird wie hier.

Musik: Cilea - La dolcissima effigie (Adriana Lecouvreur)

Mit dynamischer Flexibilität auf der Höhe seines Könnens

Francesco Cileas "Adriana Lecouvreur" gilt eigentlich als reines Diven-Vehikel. Dabei gibt es auch dankbare Arien für Tenor. Im gerade gehörten "La dolcissima effigie" ist vor allem dessen Mittellage gefragt – und die klingt bei Piotr Beczala honigwarm und rund. Auf diesem Fundament kann sich dann die strahlkräftige Höhe entfalten, die bei dem polnischen Sänger derart bombensicher sitzt, wie bei kaum einem anderen Tenor. Der beste Moment gelingt ihm allerdings, wenn er die Stimme zur delikaten Begleitung der Harfe ins Mezza voce zurücknimmt. Betörender kann man das kaum singen!

Musik: Cilea - La dolcissima effigie (Adriana Lecouvreur)

Klangschöne Unterstützung bekommt Piotr Beczala auf dieser Aufnahme von dem  Dirigenten Marco Boemi, der mit kammermusikalischen Bläsereinsätzen und schönem Streicherklang überzeugt – der von der Klangtechnik übrigens hervorragenden eingefangen ist. Zu hören ist der etwa in Pietro Mascagnis "Cavalleria rusticana", der neben dem "Bajazzo" wohl berühmtesten Veristo-Oper.

Musik: Mascagni - Mamma, quel vino (Cavalleria rusticana)

Die Partie fordert vom Tenor einiges an Stehvermögen. Weshalb Piotr Beczala zu kleinen vokalen Tricks greift, um seiner Stimme noch mehr Klang zu entlocken. So spreizt er zum Beispiel die Vokale oder färbt das A in "Viva" leicht zum O. Außerdem wählt er einen etwas kehligeren Stimmsitz, wie er für das Singen von Jonas Kaufmann so typisch ist. Und auch die ein oder andere Träne mischt sich hier in seinen Gesang. Allerdings überzeugt er erneut mit einer wunderbar elastischen Phrasierung, die so typisch ist für diesen stilsicheren Sänger. Zum Schluss noch einmal zurück zu Puccini: Von dem hat Beczala nicht nur bekannte Arien ausgewählt, sondern auch eine aus der frühen Oper "Edgar". Und auch darin glänzt der Sänger mit seinen Tugenden: mit dynamischer Flexibilität und vor allem mit dem erlesenen Timbre seines Tenors. Der scheint endgültig auf der Höhe seines Könnens angelangt zu sein.

Musik: Puccini - Orgia, chimera dall’occhio vitreo (Edgar)

Piotr Beczala - Vincerò!
Werke von Giacomo Puccini, Francesco Cilea, Pietro Mascagni, Umberto Giordano und Ruggero Leoncavallo
Piotr Beczala, Evgeniya Khomutova, Cor de la Generalitat Valenciana, Orquestra de la Comunitat Valenciana, Marco Boemi
Pentatone 9766623

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