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StartseiteDie neue PlatteVerkannt von der Nachwelt14.11.2010

Verkannt von der Nachwelt

Luigi Cherubinis Requiem in einer Neueinspielgung

Eine bemerkenswerte Aufnahme mit dem Kammerchor und der Hofkapelle Stuttgart von Luigi Cherubinis Requiem. Anlass ist der 250. Geburtstag des italienischen Komponisten, der von seinen Zeitgenossen wie Beethoven hochgeschätzt wurde. Heute muss er neu entdeckt werden.

Von Ludwig Rink

Paris, 21. Januar 1796. Man feiert in einem Staatsakt den dritten Jahrestag der Hinrichtung Ludwigs XVI. Im musikalischen Rahmenprogramm ein Chor von Luigi Cherubini auf die Worte "Racheschwur dem Königsthum", vom Komponisten selbst dirigiert.

Auf den Tag genau 20 Jahre später, wieder ein Staatsakt in Paris, aber die Zeiten haben sich geändert. Vorbei der Jubel über die revolutionäre Abschaffung der Adelsherrschaft, nun geht es um eine Gedenkfeier für denselben, jetzt allerdings wieder hoch geachteten Ludwig XVI. Und wieder kommt die Musik von Luigi Cherubini.

Die Bereitschaft, für offizielle Feiern derart diametral entgegengesetzter politischer Sichtweisen Auftragskompositionen zu schreiben, zeugt von ziemlicher Flexibilität. Aber Luigi Cherubini lebte in bewegten Zeiten, und auch von seinem Zeitgenossen Beethoven weiß man ja von durchaus wechselnden Gefühlen für ganz unterschiedliche politische Richtungen. Zur Ehrung Ludwig XVI. schreibt Cherubini also 1816 sein Requiem in c.

"Luigi Cherubini
Aus: Requiem in c
Graduale
Kammerchor Stuttgart
Hofkapelle Stuttgart
Leitung: Frieder Bernius
LC 03989 Carus
83.227"

Dieses Requiem steht heute im Mittelpunkt unserer Sendung "Die Neue Platte", und zwar in einer Neuaufnahme mit dem Kammerchor und der Hofkapelle Stuttgart unter Leitung von Frieder Bernius, herausgebracht vom Südwestrundfunk und dem Label Carus pünktlich zum 250. Geburtstag Cherubinis. Und diese Geburt fand, der Name lässt es vermuten, in Italien, in Florenz statt. Mit sechs Jahren erhält Cherubini den ersten Musikunterricht bei seinem Vater, mit 13 schreibt er eine erste größere Messe. Früh wird sein Talent erkannt und durch ein Stipendium gefördert. In Bologna wird er vor allem zum Opernkomponisten ausgebildet, und zwar von Giuseppe Sarti, einem Schüler des berühmten Padre Martini, bei dem auch Mozart in jungen Jahren Unterricht erhalten hatte.

Ein Exkurs nach London, wo der Prinz von Wales den Italiener zu binden versucht, ist nur von kurzer Dauer: 1787 lässt Cherubini sich in Paris nieder und wird nach und nach zu einer der wichtigsten Persönlichkeiten des französischen Musiklebens. Hier erlebt er die kulturellen Höhepunkte, aber auch das blutige Ende des Ancien Regime unter dem Ludwig XVI, dem er später eben dieses Requiem schrieb, bekommt die Begeisterung der frühen Revolutionsjahre mit, die Schreckensherrschaft, den Aufstieg Napoleons zum Kaiser, die Restauration, die Julirevolution und schließlich den Bürgerkönig Louis-Philippe. Und erstaunlich genug: auch in Zeiten der Revolution und sogar der anschließenden Schreckensherrschaft bleibt das Interesse der Leute an der Oper, einem der Hauptbetätigungsfelder Cherubinis, ungebrochen. So berichtet seine Frau aus dieser Zeit: "Vormittags wurde guillotiniert, und abends waren die Theater bis auf den letzten Platz gefüllt."

1794 wird Cherubini Lehrer am Institut National de Musique, dem Vorläufer des bis heute berühmten Conservatoire und nimmt die französische Staatsbürgerschaft an. Nicht geklärt ist, warum Cherubinis Verhältnis zu Napoleon zeitweise derart gestört war, dass der Komponist alle öffentlichen Ämter niederlegte. Überliefert wird ein bezeichnender Wortwechsel zwischen den beiden. "Mein lieber Cherubini", soll Napoleon gesagt haben, "Sie sind sicherlich ein ausgezeichneter Musiker, aber Ihre Musik ist so lärmend und kompliziert, dass ich nichts damit machen kann." Cherubinis Antwort war: "Mein lieber General, Sie sind sicherlich ein ausgezeichneter Soldat, aber was die Musik betrifft, bitte ich mich zu entschuldigen, wenn ich es nicht für nötig erachte, meine Kompositionen Ihrem Verständnis anzupassen."

"Luigi Cherubini
Aus: Requiem in c
Sanctus
Kammerchor Stuttgart
Hofkapelle Stuttgart
Leitung: Frieder Bernius
LC 03989 Carus
83.227"

Nachdem Napoleon abgedankt hatte, ernannte der König Cherubini zum Ritter der Ehrenlegion. Gemeinsam mit Le Sueur wurde er Direktor der Königlichen Kapelle. Nach Wiedererrichtung des Conservatoire 1816 berief man ihn zum Direktor des Instituts - bis zu seinem Tode 1842 behielt er diesen Posten inne.

Obwohl gleichermaßen von Haydn, Beethoven, Weber, Mendelssohn, von Schumann und Wagner hochgeschätzt, gehört Luigi Cherubini heute zu den Komponisten, deren Werke erst wieder einmal neu entdeckt werden müssten. Von seinem langjährigen und vielfältigen Schaffen nimmt die Nachwelt selbst im Jubiläumsjahr nur einen ganz kleinen Ausschnitt wahr: einige Opernauszüge, kleinere kirchliche Kompositionen, einige Streichquartette. Gerade in der Kirchenmusik zeigt sich seine Meisterschaft. Hier kann er seine Begabung und seine reichhaltigen Erfahrungen einbringen und zu höchster Vollendung entwickeln: seine profunde Kenntnis der in jungen Jahren in Italien studierten Renaissance-Meister, ein nicht versiegender Strom von schönsten Belcanto-Melodien, eine bewundernswerte Beherrschung des Chorsatzes, dann die vor allem in Paris erworbenen Instrumentationskünste, harmonische und kontrapunktische Gründlichkeit, ein tiefes Verständnis für die katholische Liturgie und nicht zuletzt ein von der Opernarbeit herrührender Sinn für Dramatik - gut zu hören am Beginn des "Dies irae", das die Schrecken des Jüngsten Gerichts, dann aber auch das Bitten um Milde schildert.

"Luigi Cherubini
Aus: Requiem in c
Dies irae
Kammerchor Stuttgart
Hofkapelle Stuttgart
Leitung: Frieder Bernius
LC 03989 Carus
83.227"

Anders als bei der Mehrzahl der Requiem-Vertonungen agieren bei Cherubini nur Chor und Orchester, aber keine Solisten. Umso wichtiger ist daher die Güte des Chores, der ja das gesamte Geschehen trägt. Wer hierfür den Kammerchor Stuttgart einsetzt, kann allerdings nichts falsch machen. Dieses vor 42 Jahren von Frieder Bernius gegründete Ensemble hat durch all die Jahre trotz natürlicher Fluktuation bei den Mitgliedern immer eine unglaublich hohe Qualität beibehalten und gehört in Deutschland, aber auch international, zur Creme de la Creme des Chorgesangs. Zum Beweis bedarf es nicht unbedingt der langen Liste von Wettbewerbserfolgen und Schallplattenpreisen, es genügt das Hineinhören in frühere Aufnahmen oder auch in diese neue Produktion. Schon nach wenigen Augenblicken stellt sich da auch beim kritischsten Hörer jener wohlige Wunsch ein, sich vom Strom der Musik einfach nur tragen zu lassen. Probleme mit Intonation, Balance der Stimmen, extremen Lagen, rhythmischer Präzision oder der Gleichzeitigkeit von Einsätzen oder Schlüssen scheint dieser Chor nicht zu kennen. Solche Basisqualitäten sind offenbar so selbstverständlich, dass man sich ganz der Gestaltung widmen kann. Dabei erweist es sich als ideal, dass die hervorragende Aufnahmetechnik den Chor gleichberechtigt neben das ebenfalls exzellente Orchester gesetzt hat. Dies ist die Hofkapelle Stuttgart, die Bernius 2006 zur Aufführung von Musik des 19. Jahrhunderts gegründet hat und die sich dem Ideal historisch adäquater Aufführungspraxis verschrieben hat. Nach Hören des Werkes in dieser beispielhaften Interpretation wird deutlich, warum manch einer dieses Requiem dem heute ungleich bekannteren von Mozart vorzog oder Beethoven es bei seinem eigenen Begräbnis gespielt haben wollte.

"Luigi Cherubini
Aus: Requiem in c
Quam olim Abrahae
Kammerchor Stuttgart
Hofkapelle Stuttgart
Leitung: Frieder Bernius
LC 03989 Carus
83.227"

Die Neue Platte - heute mit geistlicher Musik, mit dem Requiem in c von Luigi Cherubini in einer meisterhaften Neuaufnahme mit Kammerchor und Hofkapelle Stuttgart unter der Leitung von Frieder Bernius. Mit guten Wünschen für einen schönen Sonntag verabschiedet sich im Studio Ludwig Rink.

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