Dienstag, 16.10.2018
 
Seit 14:00 Uhr Nachrichten
StartseiteWirtschaft und GesellschaftKündigen ist keine Option05.07.2018

Verkaufte Generali-KundenKündigen ist keine Option

Die Generali verkauft rund vier Millionen Lebensversicherungsverträge an einen spezialisierten Abwickler. Das klingt anonym, manche Kunden fühlen sich damit aber unwohl. Michael Beumer von der Stiftung Warentest rät jedoch im Deutschlandfunk davon ab, die Verträge frühzeitig zu kündigen.

Michael Beumer im Gespräch mit Birgid Becker

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Der Schriftzug "Lebensversicherung" ist am 04.12.2014 in Schwerin (Mecklenburg-Vorpommern) unter einer Lupe auf Unterlagen für Versicherungen zum Teil zu lesen.  (dpa / picture alliance / Jens Büttner/)
An den Vertragsbedingungen für die Kunden ändert sich durch den Verkauf erst mal nichts (dpa / picture alliance / Jens Büttner/)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Mehr zum Thema

Lebensversicherungen vor dem Aus "Unbedingt durchrechnen, ob sich Kündigen rentiert"

BGH-Urteil zu Bewertungsreserven Lebensversicherer dürfen Auszahlung kürzen

BGH-Urteil zu Lebensversicherungen Schutz durch den Gesetzgeber sieht anders aus

Birgid Becker: Dass Banken ihre Kredite verkaufen, war lange ein Tabu; das ist es nicht mehr. Dass Versicherungen bereits abgeschlossene Verträge mit Kunden verkaufen, das war auch so ein Tabu; ist es auch nicht mehr. Und seit heute geht es auch nicht mehr um kleine Mengen an Policen, die an sogenannte "Abwickler" weitergereicht werden; seit heute sind es vier Millionen Verträge, die der Versicherer Generali verkauft. Das Neugeschäft, das hat er schon zum Jahresanfang eingestellt. Generali verkauft vier Millionen Versicherungsverträge, die Finanzaufsicht BaFin prüft. Nachgefragt: Was bedeutet solch ein Verkauf? Damit begrüße ich Michael Beumer von der Stiftung Warentest. Hallo!

Michael Beumer: Hallo!

Becker: Herr Beumer, warum der Verkauf? Lassen Sie uns das zunächst klären. Lebensversicherer drückt die Niedrigzinsphase; Generali hat das Neugeschäft ja schon zum Jahresanfang eingestellt. Wie notleidend sind denn die Versicherungsunternehmen?

Beumer: Man muss dazu sagen, dass es einen bestimmten Teil nur betrifft, weil das Neugeschäft hat die Generali auch nicht eingestellt. Das Problem für die Versicherer sind die klassischen Rentenversicherungen mit einem garantierten Zins. Der lag in der Vergangenheit teilweise bei vier Prozent und vier Prozent können Sie im Moment am Kapitalmarkt nicht verdienen, und das ist dann tatsächlich schwierig für die Lebensversicherer. Die Versuchen dann zweierlei: Zum einen verkaufen sie diese Produkte nicht mehr, sondern verkaufen sogenannte Fonds-Policen. Das heißt, dass dort für den Anleger nichts garantiert wird, oder aber nur ein Teil garantiert wird – auf jeden Fall nicht mehr eine gute Verzinsung. Oder der andere Teil ist, dass man sich von diesen Risiken dann trennen will, diese hohe Verzinsung immer zu bezahlen, und das ist der Verkauf an diese Abwicklungsplattformen.

Abwickler verspricht günstiger zu sein

Becker: Nun verspricht ja die BaFin, dass durch den Verkauf kein Kunde schlechter gestellt wird. Jetzt fragt man sich: Was kann denn so ein Abwickler oder Bestandsmanager besser als Generali? Der leidet doch genauso unter den niedrigen Zinsen.

Beumer: Auch der leidet unter den niedrigen Zinsen. Das ist richtig. Die Abwickler selber sagen, dass sie kostengünstiger sind. Ob das so ist, muss man dann mal schauen. Es ist so, dass kein Neugeschäft mehr stattfindet. Das heißt, frisches Geld fließt nicht mehr in den Topf, sondern aus dem bestehenden Topf der Kunden, die da sind und die noch einzahlen, oder die Rente bekommen, das ist der Topf, der zur Verfügung steht für alles, und daraus müssen die Erträge erwirtschaftet werden. Ob das funktioniert, weil man keinen teuren Außendienst zum Beispiel mehr dafür braucht, das weiß man nicht, weil das Ganze noch relativ frisch am Anfang steht.

Becker: Aber seltsam klingt das doch. Auf Versicherer, die ihre Policen dann abwickeln, da muss ja im Laufe der Jahre der Druck steigen. Kein Neugeschäft, die Bestände schrumpfen, die Verträge laufen nach und nach aus und der Letzte macht dann das Licht aus?

Beumer: Ja, das ist genau die offene Frage: Was passiert, wenn diese Versicherungsgruppe immer kleiner wird, und was ist mit den Letzten, die dann übrig bleiben? Reicht das Geld noch, um die zu bezahlen? Nun ist es so, dass Versicherer sehr vorsichtig kalkulieren, mit Sterbetafeln, die sehr hohe Durchschnittsalter der Versicherten annehmen. Von daher müsste das reichen. Aber ob das in der Praxis funktioniert, das ist offen.

Der Markt für Verkäufe von Lebensversicherungen wächst 

Becker: Was weiß man über Viridium, den Bestandsmanager oder Abwickler, der diese vier Millionen Verträge jetzt von Generali übernimmt?

Beumer: Man kennt die Gesellschafter. Da ist eben ja auch genannt worden: die Beteiligungsgesellschaft Cinven und die Hannover Rück. Ansonsten ist es das mit Abstand größte Unternehmen jetzt durch diesen Zukauf in dem Bereich Abwicklungsplattformen. Es gibt noch zwei andere, Frankfurter Leben Gruppe und Athene. Die sind aber deutlich kleiner.

Becker: So groß ist dieser Markt ja offensichtlich nicht, oder?

Beumer: Nun, der ist jetzt groß geworden durch die Verkäufe. Es stand auch noch zur Diskussion, die Ergo hatte auch geplant, ihren Bestand der Tochter Victoria zu verkaufen, hat das aber jetzt dann doch nicht gemacht. Ob vielleicht in Zukunft noch welche dazukommen, das muss man abwarten.

Becker: Kann es denn, so herum gefragt, dem Versicherungskunden letzten Endes egal sein, wo er nun seinen Vertrag abgeschlossen hat oder wie derjenige heißt, bei dem er den laufenden Vertrag noch hat?

Beumer: Rein dem Vertrag nach erst mal ja, denn der Vertrag muss weitergeführt werden zu den Bedingungen, die darin enthalten sind. Solche klassischen Rentenversicherungen haben eh und immer einen garantierten Zins; der steht auch weiter fest. Nun ist es so, dass solche Versicherungen auch immer noch von Überschüssen gelebt haben, die nicht garantiert sind. Im Moment gibt es die nicht wegen der niedrigen Zinsen. Ob es die in Zukunft wieder gibt, das muss man dann sehen. Das hängt vom Zinsniveau ab. Dann entscheidet sich: wieviel von diesen Überschüssen erhalten denn die Versicherten? Hätten die vielleicht bei dem alten Versicherer mehr bekommen als jetzt in der Abwicklungsplattform? Das kann man so genau nicht sagen.

Standmitteilung ganz genau prüfen

Becker: Die müssen sehr genau gucken, was für Mitteilungen sie erhalten von der Abwicklungsplattform. Oder wie wäre Ihr Rat?

Beumer: Das ist richtig. Es gibt ja jedes Jahr die Standmitteilung. Dort steht, was ist garantiert an Zahlungen, was ist auch an Überschussbeteiligung bereits garantiert und was sind Prognosen, die nicht sicher sind. Und wenn diese Prognosen plötzlich deutlich geringer sind oder es Änderungen zum Vorjahr gibt, dann sollte man ruhig mal beim Versicherer nachfragen, wo das denn herkommt.

Becker: Aber gegen einen Vertragsverkauf wehren kann sich der Versicherungskunde nicht? Er hat keine Ausstiegsklausel?

Beumer: Nein. Eine Ausstiegsklausel hat er nicht. Er muss das so hinnehmen, auch wenn er vom Gefühl her eigentlich lieber bei seinem alten Versicherer geblieben wäre und ihm gar nicht wohl ist, dass er verkauft worden ist. Er kann dagegen nichts machen. Er könnte theoretisch den Vertrag kündigen. Das ist aber keine gute Lösung, weil: Man hat ja seine Abschlusskosten und die Provision bezahlt und das Geld ist dann auch verloren.

Becker: Ausstieg aus Frust über den Verkauf ist auf keinen Fall ein Weg?

Beumer: Nein, das ist auf keinen Fall ein Weg. Es gilt bei solchen Lebensversicherungen immer die Regel: Wenn es eben geht, zahlt man den Vertrag weiter bis zur Auszahlung. Wenn das nicht möglich ist, dann lässt man ihn ruhen, und wenn auch das nicht möglich ist, weil man dringend Geld braucht, erst dann würde man die Lebensversicherung verkaufen. Man kann die privat auch dann an Aufkäufer verkaufen; das ist in den meisten Fällen noch besser, als wenn man die storniert.

Becker:Michael Beumer war das, vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk