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StartseiteUmwelt und VerbraucherStau trotz grüner Welle22.12.2017

VerkehrStau trotz grüner Welle

Verkehrsplaner setzen im Kampf gegen verstopfte Straßen seit Jahrzehnten auf die sogenannte grüne Welle. Doch vielerorts verpufft die Wirkung. Einige Städte experimentieren deshalb mit neuen Modellen, um den Verkehr wieder flüssiger zu machen.

Peter Hild

Dicht gedrängt fahren die Fahrzeuge im morgendlichen Berufsverkehr auf der Prinzregentenstrasse in München (picture alliance / dpa / Fabian Sommer)
Stau trotz grüner Ampel - Realität in vielen Großstädten (picture alliance / dpa / Fabian Sommer)
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Ein typischer Morgen im Berufsverkehr in Mönchengladbach, zahlreiche Autos warten an roten Ampeln, bei Grün geht’s wieder los. Das soll künftig seltener werden: 150 freiwillige Autofahrer haben mit einem GPS-Tracker ihre täglichen Fahrten aufgezeichnet und zur Verfügung gestellt, um der Stadt Anhaltspunkte für Problemstellen liefern.

Für Ralf Klöpper, den städtischen Ableitungsleiter für Verkehrstechnik, konnte dadurch einiges optimiert werden: Ja, wir konnten aufgrund der Vergleiche Ist und Soll sehr schnell erkennen, wo gibt es Fehler in der Steuerung. Und das waren an einigen Stellen Fehler in der Schleifenbelegung oder in der Schleifenfunktion. Und die Sachen konnten wir zeitnah beseitigen."

Viel Verkehr macht grüne Welle schwer

Doch neben den kleinen Verbesserungen für einige Straßen ist auch klar: In Mönchengladbach ist wie in vielen anderen Großstädten der Verkehr häufig so stark, dass eine grüne Welle nicht funktionieren kann. Denn die Idee dahinter ist, dass eine bestimmte Gruppe von Autos ohne Rot durch die Stadt kommt.

Verkehrs- und Stauforscher Michael Schreckenberg von der Universität Duisburg-Essen sieht das Konzept skeptisch: "Die wichtigste Straße bekommt dann eben eine grüne Welle, die aber nach gewissen Zeitvorgaben geschaltet wird. Das funktioniert aber auch nur so, inwieweit die Autos als Pulk, also miteinander zusammenfahren. Aber die Reaktionszeiten der Fahrer sind häufig so lang, dass diese Pulks überhaupt nicht existieren. Das heißt, die grüne Welle existiert vielleicht für die ersten zwei bis drei Fahrzeuge, und der Rest ist davon überhaupt nicht betroffen."

In Deutschland gebe es häufig tageszeitabhängige, aber feste Programme, so Schreckenberg, die nicht auf aktuelle Schwankungen und Veränderungen im Verkehr reagierten - zum Beispiel durch Wettereinflüsse, Umleitungen oder neue Gewerbe- und Wohngebiete. In Großbritannien hingegen gelte bei Ampeln bereits das Anforderungsprinzip, das heißt, nur wenn Fahrzeuge da sind, wird entsprechend geschaltet.

Grüne Wellen für Radfahrer

Ein weiteres Problem bei der Grünen Welle bisher: In der Regel steht der Autoverkehr im Fokus. Schließlich sei Deutschland ein Autoland mit entsprechend starker Lobby, meint Daniel Wegerich vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad Club ADFC. Mittlerweile testen aber einige Städte wie Berlin, München oder Oberhausen in Pilotversuchen auch grüne Wellen für Radfahrer. Wegerich sieht darin aber nur einen von vielen Bausteinen:

"Man kann das Thema nicht nur auf die grüne Welle reduzieren. Es muss natürlich in Kombination mit dem Ausbau von Radverkehrsinfrastruktur, also sicheren Radwegen oder auch Radstreifen geschehen, also das muss da Hand in Hand funktionieren und passieren."

Alternativen wie zum Beispiel der grüne Abbiegepfeil für Radfahrer bei roter Ampel werden bereits in Basel erfolgreich eingesetzt. Die Stadt Marburg hat erfolgreich eine von Siemens entwickelte App getestet, mit der Radfahrer vorausschauend Grün an Ampeln anfordern können. Dazu bedarf es aber auch moderner Ampelanlagen für eine digitale Vernetzung mit den Verkehrsteilnehmern.

Digitale Vernetzung von Verkehrsteilnehmern

Das muss und wird in den kommenden Jahren zunehmen, ist sich Verkehrsforscher Michael Schreckenberg von der Uni Duisburg-Essen sicher: "Die Ampelanlagen müssen einfach mehr kommunizieren. Es gibt viele Daten aus dem Verkehr, die man mittlerweile nutzen kann. Wenn man das alles miteinander vernetzt, dann kann man dort einen Mehrwert draus erzielen. Aber das ist schwierig, denn man muss erst mal die Daten sammeln, man muss sie analysieren, und muss auch sehr schnell darauf reagieren, was passiert. Und man hat nicht viel Zeit."

Den meisten Kommunen in Deutschland fehlt laut Schreckenberg aber das Geld, um ihre Ampeln und zentrale Verkehrsrechner zu modernisieren. Datensammlungen wie in Mönchengladbach bräuchte es flächendeckend. Daniel Wegerich vom ADFC sieht ebenfalls noch einigen Aufholbedarf: "Wir müssen erst mal viel mehr forschen, viel mehr Daten sammeln, um daraufhin vielleicht auch die grüne Welle planen und umsetzen zu können."

In Mönchengladbach will die Stadt nach den Autofahrern nun auch Radfahrer-Daten sammeln und auswerten. Beim Blick in die Zukunft stellt sich die Frage: Würden selbstfahrende Autos grüne Wellen erleichtern? Verkehrsforscher Michael Schreckenberg hat das in Simulationen bereits getestet: "Das Problem ist, dass wir über viele, viele Jahre einen Mischverkehr haben werden zwischen automatisiert fahrenden Fahrzeugen und menschlichen Fahrern – und das passt häufig nicht zusammen."

Für staugeplagte Städte bleibt letztlich gerade in Sachen Digitalisierung und Vernetzung noch viel zu tun, um dem zunehmenden Verkehr wirklich Herr werden zu können. Die grüne Welle hilft dabei nur begrenzt weiter.

 

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