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StartseiteBüchermarktVerleger, Produzent, Ausstatter, Lektor und Sprecher11.07.2005

Verleger, Produzent, Ausstatter, Lektor und Sprecher

Der Hörbuchverlag onomato und sein Macher

Sie fallen ganz einfach auf, die Hörbücher aus dem Düsseldorfer onomato Verlag, schon allein durch ihr Äußeres. Keine Plasthüllen, sondern liebevoll gefaltete Schachteln aus starkem Karton, mit einem Bindfaden verschlossen. Schlägt man diese Schachteln auf, so liegen in den umfangreicheren von ihnen die CDs auf einem Kissen aus Samt. Das zu Hörende wird bereits dem Auge als Gabe angeboten.

Ein Porträt von Cornelia Jentzsch

Märchen der Brüder Grimm, erschienen im onomato-Hörverlag (onomato)
Märchen der Brüder Grimm, erschienen im onomato-Hörverlag (onomato)
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onomato Hörbuchverlag

Könnte solch eine geschickte Hülle nicht auch eine Mogelpackung sein? In diesem Fall darf der Hörer dem Credo des Verlags jedoch vertrauen, der sein Programm mit dem jüdischen Sprichwort "Die ganze Welt steht auf der Spitze der Zunge" offeriert. Die ganze Welt, das heißt hier: Heinrich Heine, Rainer Maria Rilke, Friedrich Nietzsche, Sören Kierkegaard, Franz Kafka oder Grimms Märchen.

Seit etwa sechs Jahren gibt es die onomato-Hörbücher. Verleger, Produzent, Ausstatter, Lektor und Sprecher bestehen aus einer einzigen Person. Axel Grube gibt dem Verlag nicht nur ein Gesicht, sondern auch eine Stimme.

" Ja, das ist ein Weg, der sich über drei Linien über 15 Jahre verfolgt. Angefangen als Musiker, aber auch ein Philosophiestudium, abgebrochen allerdings schon nach wenigen Semestern, diese drei Linien, Philosophie, Studium, nachher eigene Beschäftigung und dann musikalische Arbeit, und dann aber auch Tonstudioarbeit. Da in der Tonstudioarbeit, gewerbliche Tonstudioarbeit, da habe ich dann an diesen Berufszweig oder dieses Berufsbild des Profisprechers erst kennen gelernt. Und habe dann eigentlich nur, um meine Musik machen zu können, von der ich ausgegangen bin, dass ich damit niemals damit Geld verdiene, eine Ausbildung zum Berufssprecher gemacht, zwei Jahre bei einem Professor in Köln. Und dann bin ich eigentlich über die Kinder meiner Schwester, meiner Zwillingsschwester, denen ich Märchen aufgelesen habe, dann wurde mir diese Möglichkeit, ja, bewusst, ja man könnte sie auch auf den Markt bringen. Das ging gerade zusammen mit diesem anfangenden oder aufbrechenden Markt, Hörbuchmarkt.

Und im Zuge der Arbeit an diesen, an den Hörbüchern habe ich das, was ich im Studium unbefriedigend berührt habe, dann doch noch mal richtig und für mich tiefer und bedeutender aufgearbeitet, erfahren. Ja, und auch zu einem kleinen Nexus erarbeitet, der sich in dem Programm auch zeigt, ja auch in der Beziehung der unterschiedlichen Figuren zueinender. "

Den Eros der Bildung, den Axel Grube damals bei seinem Philosophiestudium an der Düsseldorfer Universität vermisste, fand er stattdessen im Umfeld der dortigen Kunstakademie und in einem Kreis gleichgesinnter Künstler. Was zunächst als neugieriger Kontakt begann, hat sich über die Jahre zu einem festen Freundes- und Arbeitskreis entwickelt. Verlagsraum und Versammlungsraum sind inzwischen nicht mehr voneinander zu trennen. Und mittlerweile gibt es für ihren regelmäßigen Gesprächskreis und auch finanzielle Unterstützung durch die Stadtverwaltung.

" Es sind öffentliche Veranstaltungen, die angekündigt werden, aber der Kern dieser Gruppe sind Gespräche, Montagsgespräche, also so eine Art runder Tisch. Es ist also umfassende inhaltliche persönliche Auseinandersetzung von der Gruppe, die lange zusammenbleibt. Ich glaube, die Qualität, das ist auch ein Bemühen, um die Gesprächsqualität entwickeln, hat sich jetzt doch durch die Kontinuität ergeben. Man kann auf vieles zurückgreifen, was schon erarbeitet ist, es ist ein gewisser Fundus da.

Sekte schreibt man uns an das Schaufenster, weil das einen etwas hermetischen Eindruck für andere macht. Manchmal ist es ein Text, von dem was ausgeht. Wie im Vorwort von Foucault "Traum und Existenz", aus dem "Binswanger", ein Buch über Binswanger, von dem es dann auf ganz grundsätzliche Fragen des Dualismus, des Weltverständnis, des Weltgefühls geht. Was sich dann in den verschiedensten Autoren spiegelt. Wir müssen jetzt Formen schaffen, diese Arbeit zu vermitteln. Adäquate Formen, also keine rein seminaristischen, akademischen Formen. Sondern die bildenden Künstler, die auch Maler sind, Filmemacher, Videokünstler. "

Dieser fortlaufende, konzentrierte Gedankenaustausch hat zur Folge, dass Axel Grube sich immer wieder mit seinen eigenen Produktionen auseinandersetzt und, was selten für Verlagsstrategien ist, sie verändert und verbessert herausgibt.

" Durch die Arbeit, durch die Zusammenarbeit bin ich auf die Gedanken gekommen, ich muss fast alles noch mal machen. Also, da gibt es für mich auch viele Hinweise, wo ich sage, ich habe da noch vieles aus einem naiven, manchmal auch richtigem Verständnis, auch richtigem Gefühl gemacht, aber ich habe da im Nachhinein erst einiges erfahren, in der Zusammenarbeit, die mich zu den Gedanken bringt, ich muss da noch mal ran, ich muss da noch mal eine verbesserte Neuauflage machen. "

Nun lässt sich ja an einem Hörbuch, das eine Auswahl aus einem Werk anbietet oder einen kurzen Überblick über ein solches bringt, manches anders kombinieren. Wie aber kann man ein Hörbuch verändern, das abgeschlossene Gesamttexte enthält? Wie beispielsweise Heinrich Heines "Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland".

" Bei den Volltext-Lesungen ergibt sich dann durch ein anderes Verständnis oder ein weitergehendes Verständnis auch ein anderes Lesen. Und auch bei denen habe ich das Gefühl, nicht nur vom vermittelnden Verständnis des Sprechers, sondern auch von dieser zweiten Ebene, dem Charakter des Sprechens, dass ich da gerne nach einer Zeit noch einmal herangehen möchte."

Da Axel Grube seine CDs in keinem Presswerk herstellen lässt, sondern sie je nach Bedarf selbst brennt, kann er auch flexibel auf seine eigenen Veränderungen reagieren. Ohne finanziellen Verlust lassen sich diese Neuauflagen herausbringen. Sein Minimalverlag arbeitet wie ein lebender Organismus.

" Ja, das ist ja bei mir so etwas ganz Modernes, ich produziere immer in Just-in-time-Produktion, weil ja auch die Schachtelproduktion sehr aufwendig ist. Ich produziere immer so nach Bedarf, so nach Bestellung, in kleinen Auflagen, in 50er-Stückzahlen etwa.

Das würde sich nicht rechnen, wenn ich das in Auftrag geben würde, wenn ich das noch bei einem Buchbinder etwa machen lassen würde. Das rechnet sich nur, indem wir - meine Familie, meine Schwestern, meine Mutter auch - das selbst machen. Nur so ist das im Moment noch möglich."

Entsprechend dieser Manufakturleistung ist auch der Maschinenpark des Verlages gering und lässt sich fast auf dem Schreibtisch unterbringen.

" Ach, das ist eigentlich nur eine Maschine, die diese Papiere - das sind ja Pappschachteln, die dann nachher kaschiert werden - die diese Blätter, die bedruckten Blätter, mit Leim beschichten. Das ist die einzige Maschine. Und die Nietenmaschine, das ist aber so ein kleiner Hebel.

Es gibt in Düsseldorf eine kleine Buchbinderei, auch in der Nähe das Ladenlokales, des Verlages. Und da habe ich mir ein bisschen was abgeguckt.

Ja, wie ist das gekommen? Allein auch die, ich bin allein dann einfach nicht fertig geworden. Dann hatte das aber auch einen wirklich schönen familiären Nebeneffekt, diese Situation, längere Zeit mehrere Nachmittage am Tisch zu sitzen und diese Arbeit zu machen, das hat in der Familie doch eine schöne. Die Familie ist sich näher gekommen über diese Arbeit, das kann man vielleicht sagen.

Also, ich empfinde das auch als Luxus, großen Luxus, erstmals alles frei auszugestalten können, keiner kann mir reinreden. Ich kann alles nach meinem Gefühl ausrichten und ausprägen. Und auch das, was manchmal als schwere und lästige Arbeit erscheint, wie eben zum Beispiel das Basteln. Man hat bei dieser Handarbeit sehr gute Gedanken mitunter.

Bei mir kommt noch hinzu, es war alles nicht geplant. Aber nur so scheint das im Rückblick jetzt möglich gewesen zu sein. Dass ich kein teures Tonstudio beauftragen muss, ich kann das selbst machen. Ich kann diese grafischen Gestaltungen auf dem Computer selbst. Nur indem ich jetzt nicht jede Arbeit in Auftrag geben muss, rechnet sich das. "

Das Programm des onomato Hörbuchverlags liest sich wie ein ideengeschichtlicher Abriss. Wie situiert sich der Mensch in der Welt, was ist Bewusstsein, wie ist sein Verhältnis zur Religiosität und zur Schöpfung - das alles sind mehr oder weniger zentrale Fragen aller Texte. Das Programm verweist diesbezüglich auf wichtige Autoren der europäischen Geistesgeschichte bis in das 19. Jahrhundert hinein. Auf die Frage, ob das in seinem Programm fehlende 20. Jahrhundert möglicherweise etwas mit der Rechtslage von Texten zu tun hat, antwortet Axel Grube:

" Das war nicht der erste Beweggrund, mit den freien Rechten. Das ist natürlich auch ein Moment, der da reinspielt. Aber eigentlich war die eigene Beschäftigung, die schon gegeben war, und die Verbindung zwischen den Geistern, die sich da für mich aufgezeigt hat. Ich sehe da auch etwas verborgene Traditionslinien, die bis auf die Vorsokratiker zurückgehen. Das ist ja noch so reich und unentdeckt zum Teil, oder entdeckt und dann doch noch im Verborgenen, dass sich da für mich noch genügend ergeben hat, bevor ich jetzt in dieses Jahrhundert vorstoße, mit Hilfe von Freunden auch, in einen Bereich, der mir noch weitgehend unbekannt ist.

Ja, der erste Text, für den wir auch jetzt schon die Rechte haben, ist ein kleiner Erzählband von Musil, "Vereinigungen", das sind zwei ziemlich frühe Erzählungen. Und Emmanuel Bove ist ein anderer Autor.

Ich denke, wenn das Hörbuch, das Medium Hörbuch das schafft, solche etwas verborgenen und vergessenen Geister hervor zu heben, noch mal ins Gespräch zu bringen, dann hat das Medium bald mehr erreicht als nur eine Zweitverwertung der Zeit zu schaffen.

Mein weiteres Konzept ist die Konzentrierung auf die Musik erst mal die weiteren zwei Jahre, von der ich mir sehr viel erhoffe, zu bringen, um dann über eine Bekanntheit, das ist jetzt kein Geheimkonzept, über die Bekanntheit der Musik dann auch Zuhörer zu gewinnen, die sonst niemals auf diese Themen gekommen wären. "

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