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StartseiteLange Nacht"Verliebt in die Musik wie eine Nähmaschine in den Stoff"12.11.2011

"Verliebt in die Musik wie eine Nähmaschine in den Stoff"

Die Lange Nacht über die Mäzenin Winnaretta Singer-Polignac

Unter den vielen einflussreichen Salondamen im Paris der Jahrhundertwende ragte eine hervor, mit der es kaum jemand in punkto Vermögen, aber auch Musikalität und Eigensinn aufnehmen konnte: Die Prinzessin Edmond de Polignac, geborene Winnaretta Singer. Sie war eines der 24 Kinder des umtriebigen Nähmaschinen-Herstellers Isaac Merritt Singer. Mit seiner "Singer's Number 1" hatte er es zu einem spektakulären Vermögen gebracht.

Von Sabine Fringes

Winnaretta Singer, die spätere Prinzessin Edmond de Polignac, war die Tochter des Nähmaschinenerfinders. (picture alliance/ dpa/ Heinz von Heydenaber)
Winnaretta Singer, die spätere Prinzessin Edmond de Polignac, war die Tochter des Nähmaschinenerfinders. (picture alliance/ dpa/ Heinz von Heydenaber)

Liest man die Weltgeschichte rückwärts, so ergeben sich die merkwürdigsten Verbindungen. Wer hätte etwa gedacht, dass es ohne die Erfindung der Nähmaschine Erik Saties spätes Meisterwerk "Socrate" wohl nie gegeben hätte?

Im Jahr 1851 entwickelte Isaak Merritt Singer die erste praktische Nähmaschine der Welt und gelangte dadurch zu einem spektakulären Vermögen. Nicht nur sein Geld vermehrte er weit über den Durchschnitt hinaus, auch die Schar seiner Kinder: Mindestens 24 gehen auf das Konto des notorischen Frauenliebhabers, darunter auch Winnaretta Singer, die spätere Prinzessin Edmond de Polignac.

Einen großen Teil ihres stattlichen väterlichen Erbes widmete sie der Musik und wurde eine der bedeutendsten Mäzeninnen des 20. Jahrhunderts. "Die Prinzessin ist in die Musik verliebt wie eine Nähmaschine in den Stoff!", sagte Jean Cocteau einmal über sie.

Komponisten wie Igor Strawinsky, Manuel de Falla, Darius Milhaud, Francis Poulenc und Erik Satie unterstützte sie mit ihren Aufträgen und schrieb damit ein Stück Musikgeschichte. Doch sie machte es ihren Schützlingen nicht immer leicht: Kurt Weill wollte sie zeitweilig am liebsten an einer ihrer Orgelpfeifen aufhängen.

Genau wie ihr Gatte, der Prinz Edmond de Polignac, fühlte sie sich zu Vertretern des eigenen Geschlechts hingezogen. Die beiden führten eine harmonische Lavendelehe.

Unter den Zuhörern in ihrem prächtigen Palast in der Avenue Georges Mandel, nicht weit vom Eiffelturm entfernt, war zu Gast, wer in Paris Rang und Namen hatte.

Die "Lange Nacht" lädt ein in den Salon der Winnaretta Singer-Polignac.

La Fondation Singer-Polignac

"Ich glaube nicht, dass es heute noch Menschen gibt, die ein derartiges Mäzenat führen können, denn dazu braucht man sehr viel Geld. Aber es gibt Banken, ich nenne keine Namen, da ich keine Werbung machen möchte, doch zum Beispiel unterstützt eine der großen französischen Banken seit dreißig Jahren die Barockmusik. Abgesehen davon existiert hier keine andere Organisation, die so finanzstark ist wie wir."

Marie-Odile Andrade von der Stiftung Singer-Polignac. In der Avenue Georges Mandel in Paris, nicht weit vom Eiffelturm entfernt, steht der Palast der Polignacs, in dessen prachtvoll ausgestatteten Sälen mit venezianischen Leuchtern und Wandmalereien von José-Maria Sert noch heute das Vermächtnis von Winnaretta weiterlebt. Doch davon mehr in der dritten Stunde.

Biografie: Singer Winnaretta, Princesse Edmond de Polignac

Auszug aus dem Manuskript

Im Laufe ihrer harmonischen Ehe verwandelten die Polignacs ihre Pariser Residenz in einen vibrierenden Musiksalon. Winnaretta und Edmond verbindet die Freude am künstlerischen Mäzenatentum und am gesellschaftlichen Leben in der französischen Metropole. "Le tout Paris" trifft sich in ihrem Salon in der Avenue Henri Martin. Zu Gast ist so gut wie jeder, der Rang und Namen hat:

Pablo Picasso, Claude Monet, Coco Chanel, Isadora Duncan, Nicolas Nabokov, Oscar Wilde, Julien Green, Colette, Francois Mauriac, Claude Debussy, Jean Cocteau, Sergej Diagilev, Maurice Ravel, Igor Strawinsky, Arthur Rubinstein ...

Und: Marcel Proust! Proust war ein gern gesehener Gast bei den Polignacs, auch wenn sein Verhalten höchst eigen war: Er pflegte stets sehr spät, gegen Mitternacht, zu erscheinen und trat erst ein, nachdem er sich bei der Gastgeberin persönlich darüber versichert hatte, dass er seinen Mantel anbehalten durfte. Denn ihm war immer kalt.

Für Proust war der Besuch Vergnügen und Arbeit zugleich, hier sammelte er seine Eindrücke vom Pariser Gesellschaftsleben, die er in seiner "Recherche du temps perdu", der "Suche nach der verlorenen Zeit" festhielt.

Proust: "Für die Zugehörigkeit zu dem kleinen Kreis, der kleinen Gruppe, dem kleinen Clan der Verdurins genügte eine Bedingung, die jedoch unerlässlich war: Man musste stillschweigend einem Credo anhängen, zu dessen Glaubenssätzen gehörte, dass der junge Pianist, den Madame Verdurin in jenem Jahr protegierte und von dem sie zu sagen pflegte: 'Es sollte wirklich nicht erlaubt sein, dass jemand so Wagner spielen kann!', sowohl Planté wie Rubinstein in den Schatten stellte und dass Doktor Cottard als Diagnostiker weit besser als Potain sei. Jeder 'Neuling', den die Verdurins nicht davon überzeugen konnten, dass die Abendgesellschaften der Leute, die nicht bei ihnen verkehrten, sterbenslangweilig seien, wurde gleich wieder von der Gästeliste gestrichen."

Winnaretta Singer (Wikipedia)
Mäzenin und Muse der Moderne
Winnaretta Singer, Princesse de Polignac, gehörte um die Jahrhundertwende zu den bedeutendsten Förderinnen der Künste und trug damit auch zur Entwicklung des Wandels der ästhetischen Vorstellungen bei.

Ein Jahr vor ihrem Tod, im November 1942, lässt sie ihr Leben in einem Brief an ihre Freundin Nadja Boulanger kurz Revue passieren:

"Liebe Nadja,

Ich schreibe immer noch ohne große Freude an meinen Memoiren, aber sie lassen mich immerhin die glücklichen Stunden wieder erleben, bei welchen Sie auch so oft zugegen waren. Überall spielt man heute Fauré, Ravel, Jean Francaix und Francis Poulenc. Mehr und mehr lebe ich für die Musik und vor allem: in der Musik. Ja, liebe Nadja, Sie haben recht: Seele und Geist - das ist es, worauf es im Leben ankommt.

Ich bemühe mich alle Tage einige Zeilen aus einer Fuge von Bach auswendig zu lernen, was mir sehr schwerfällt. Nun bin ich eine alte Lady und anbetracht meines nahenden Endes stelle ich fest, das ich immer die Musik, die Malerei und Bücher geliebt habe, mehr als alles andere auf der Welt. Und ich habe Recht damit gehabt.

Wie einer sagte: Ich glaube, dass der Weg der Schönheit breit ist und voller Weisheit. Das ist der beste aller Wege zu Gott, von ihm selbst für uns geschaffen."


Musikliste

1. The Sewing Machine, Betty Hutton, Gesang. Orchester, Leitung: Joe Lilley

2. Andante aus dem Streichquartett, Nr. 3, op. 18, Emerson String Quartett

3. Ouvertüre aus: Gwendoline, Oper in zwei Akten, Orchestre du Cap, Leitung: Michel Plasson

4. Valse Nr. 1 und 2 aus: Trois valses romantiques, David Levine und Alan Marks, Klavier

5. Pavane pour une Infante Défunte. London Symphonie Orchestra, Claudio Abbado, Dirigent

6. Tyndaris, Martyn Hill, Tenor, Graham Johnson, Klavier

7. Mandoline; Elena Mosac, Sopran, Sabine Vatin, Klavier

8. Souvenirs de Munich, Rabol, Georges (Klavier), Dugas, Sylvie (Klavier)

9. Siegfrieds Trauermusik aus: Götterdämmerung. New York Philharmonic; Leitung: Zubin Mehta

10. Larghetto und Finale aus: Konzert für zwei Klaviere, Güher&Süher Pekinel, Orchestre Philharmonique de Radio France, Marek Janowski

11. Renard, Ian Caley, Tenor, Vsevolod Grivnov, Tenor, Laurent Naouri, Bass, Maxime Mikhailov, Bass; Solistes de l'Orchestre de l'opéra National de Paris. Leitung: James Conlon

12. Le Sacre du printemps, City of Birmingham Symphonie Orchestra, Leitung: Simon Rattle

13. Le Bal de Béatrice d'Este. Orchestre de Paris, Leitung: Jean-Pierre Jacquillat

14. Parade. Orchestre Symphonique et Lyrique de Nancy, Jerome Kaltenbach, Dirigent

15. Socrate, Nadine Denize, Sopran, Köln er Rundfunk-Sinfonie-Orchester; Leitung: Lothar Zagrosek

16. El Retablo de Maese Pedro; Samuel Linay, Adrian Thompson, Matthew Best, Gesang. Maggie Cole, Cembalo. Matrix Ensemble, Leitung: Robert Ziegler

17. The march of the women; Chor der englischen Suffragetten

18. Andante aus: Concert Champetre. Simon Preston, Cembalo; London Symphony Orchestra; Leitung: André Previn

19. Ouvertüre, RSO Stuttgart, Leitung: Pierre-Michel Le Conte

20. Prélude zum zweiten Akt der Oper "The Wreckers". BBC Philharmonic, Odaline de la Martinez, Dirigentin.

21. Sostenuto aus der Sinfonie Nr. 2. Staatsphilharmonie Krakau; Leitung: Roland Baader

22. Pelleas et Melisande, Orchestre de Picardie; Leitung: Edmon Colomer

23. Sewing machine blues, Jimmie Davies, Gesang. Oscar "Buddy" Woods & Black Ace

24. Mamas Sewing machine, Steve Gardner

25. Your sewing machine, El Lobo

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