Montag, 30.11.2020
 
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Vermächtnis

Was wir von traditionellen Gesellschaften lernen können

Jared Diamond hat das "Alter" zum Thema seines Vortrags gemacht: In perfektem Deutsch erzählt der Professor an der University of California in Los Angeles seinem Publikum, dass die Alten in vielen traditionellen Gesellschaften ein hohes Ansehen genießen und sich ihre Familien rührend um sie kümmern. In den USA hingegen spielten alte Menschen keine Rolle, lebten getrennt von ihren Familien, einsam. Unser Umgang mit den Älteren entsetze oftmals Angehörige traditioneller Gesellschaften.

Rezension: Dagmar Röhrlich

ared Diamond: Vermächtnis. Was wir von traditionellen Gesellschaften lernen können (Fischer Verlag)
ared Diamond: Vermächtnis. Was wir von traditionellen Gesellschaften lernen können (Fischer Verlag)

Jared Diamond ist studierter Physiologe, hat große Expertise als Geograf, Evolutionsbiologe und Anthropologe und denkt noch lange nicht ans Aufhören und den Rückzug. Und er ist ein Mann mit Eigenheiten: Interviews in Deutschland gibt es auf deutsch. Alles andere wäre enttäuschend für ihn. So erzählt er im nächsten Morgen bei dem Interview im Hotel, dass er seit Jahrzehnten Neuguinea bereist und andere in unseren Augen entlegene Gebiete. Dort lernte er die Kultur der Menschen kennen und verstehen, ihr Denken, ihr Fühlen. In diesen Gesellschaften nähmen die Großeltern Aufgaben wahr, bei denen körperliche Kraft keine Rolle spiele und sorgten vor allem dafür, dass das Wissen von einer Generation an die nächste weitergegeben werde.

Diamonds neuestes Buch ist ein Ergebnis dieser langjährigen Forschung. Dabei spielen die Erfahrungen aus Papua Neuguinea eine ganz besondere Rolle. Schließlich leben dort noch Zeugen, die berichten können, wie es war, von den Weißen "entdeckt", aus der Steinzeit in die Moderne katapultiert zu werden. Wie sie von einem Tag auf den anderen plötzlich Stahläxte besaßen, ihre Kinder in die Schule schickten und begreifen mussten, dass ein Fremder nicht automatisch ein Feind ist, der getötet werden muss. Weil es kaum mehr als ein halbes Jahrhundert her ist, dass man im Inneren Neuguineas schon für den Weg durch das Nachbardorf eine Passiererlaubnis brauchte, staunt Jared Diamond immer noch über das friedliche Miteinander der vielen Menschen, wenn er auf einem neuguineischen Flughafen wartet.

In "Vermächtnis" beschäftigt sich Jared Diamond mit vielen Facetten des sozialen Lebens in traditionellen Gesellschaften: mit Gewalt und Krieg, wie Konflikte geregelt werden - falls das gelingt: Wird beispielsweise nach einem tödliche Unfall kein Ausgleich zwischen den Parteien erzielt, kann ein Kreislauf der Vendetta beginnen. Und Diamond berichtet, was er persönlich in Neuguinea gelernt hat: "Wie man dort Gefahr wahrnimmt und vermeidet, das habe ich für mein Leben adaptiert." Dann erzählt er weiter: "Ich bin einmal fast ums Leben gekommen, weil ich in ein Boot mit einer jungen, hitzköpfigen Crew gestiegen bin, das dann kenterte. Wie durch ein Wunder sind wir gerettet worden. Am nächsten Tag traf ich einen Mann, der eben wegen dieser Crew auf dieses Boot verzichtet hatte. Das hat mich mir sehr imponiert, und seitdem denke ich immer an die kleinsten Gefahren. Ich bin also sehr vorsichtig. Meine Freunde werden verrückt, wenn sie zusehen, aber ich möchte lieber als paranoid angesehen werden und überleben."

Jared Diamond möchte vermitteln, dass es sich für die moderne, westliche Gesellschaft lohnt, das Erbe der traditionellen Gesellschaften zu kennen, bevor deren Lebensweise der großen Verwestlichung anheim fällt. Auch in Neu-Guinea schwindet das Wissen um die Traditionen der Eltern und Großeltern. Dabei ist Jared Diamond kein Romantiker, der wie Rousseau an den "guten Wilden" glaubt. In seinem Buch verschweigt er die vielen dunklen Seiten nicht: die grausame Tradition, nach der eine Witwe ihre Brüder bittet, sie zu erdrosseln, er berichtet von den Sitten der Nomadenstämme, dass sie ihre Alten aussetzen oder ermorden, weil sie sich den Ballast hinfälliger Angehöriger nicht leisten können. Bei der Lektüre dieser Passagen taucht eine bitterböse Befürchtung im Hinterkopf auf, nämlich dass sich vielleicht irgendein Technokrat angesichts der Debatte über Überalterung und der Welle von Alzheimerkranken, die vor der Tür warten zu scheint, an diese Lösungen erinnert. Doch zurück zum "Vermächtnis": Angesichts des demographischen Wandels bedeutet die Sicht, dass die Alten nutzlos sind, eine ungeheure Vergeudung, erklärt Diamond: "Die jungen Jahre sind eher die Zeit, beispielsweise als Genetiker neue Wege zu beschreiten. Später dann, mit der entsprechenden Lebenserfahrung, kann man sich an die interdisziplinäre Forschung wagen."

So spannend der Blick auf die traditionellen Gesellschaften auch ist, am Ende des Buches ist der Leser auf jeden Fall froh, im Hier und Jetzt zu leben. Schließlich führt Diamond uns die Vorteile unserer Gesellschaft vor Augen: die individuellen Rechte, die persönliche Sicherheit, um nur zwei Beispiele zu nennen - und die Anonymität. Eine gute Bekannte des Autors wird in dem Buch zitiert, dass sie es ungeheuer erholsam findet, in den USA zu sein und in Ruhe in einem Kaffee zu sitzen, ohne dass alle paar Minuten Bekannte und Verwandte vorbeikommen, die etwas von ihr wollen.

Jared Diamond: Vermächtnis. Was wir von traditionellen Gesellschaften lernen können
ISBN: 978-3-100-13909-2
Fischer Verlag, 586 Seiten, 24,99 Euro

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