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StartseiteForschung aktuellVermeidbare Havarien09.03.2012

Vermeidbare Havarien

Bericht verreißt Sicherheitsphilosophie für Kernkraftwerke in Japan

Kernenergie. - Die Reaktorhavarien im japanischen Kraftwerk Fukushima gehören zu den schlimmsten Unfällen in der Geschichte der zivilen Kernkraftnutzung. Und sie wären vermutlich nicht passiert, wenn Betreiber und Aufsichtsbehörden sich an international übliche Standards gehalten hätten. Der US-Think Tank Carnegie Endowment for International Peace zieht eine vernichtende Bilanz des Unglücks.

Von Dagmar Röhrlich

Katastrophale Sicherheitsphilosophie bescheinigen US-Experten den Verantwortlichen des Kernkraftwerks Fukushima Daiichi. (AP Photo/NTV Japan via APTN)
Katastrophale Sicherheitsphilosophie bescheinigen US-Experten den Verantwortlichen des Kernkraftwerks Fukushima Daiichi. (AP Photo/NTV Japan via APTN)

Das Fazit der Studie (PDF-Datei) klingt vernichtend.

"Der Unfall von Fukushima wäre vermeidbar gewesen, wenn die japanische Aufsichtsbehörde Nisa und der Eigner und Betreiber Tepco ihre Aufgaben erledigt und bei der Anlagensicherheit internationale Standards befolgt hätten","

urteilt Mark Hibbs von der US-amerikanischen Denkfabrik Carnegie Endowment for International Peace. So habe man beispielsweise international übliche Empfehlungen ignoriert, um die Anlagen besser vor Überflutungen zu schützen. Der Grund: Mangel an Phantasie:

""Den Japanern fehlte es vollkommen an Vorstellungskraft, was alles schiefgehen kann. Man glaubte einfach, dass schwere Unfälle in Japan unmöglich seien."

Der Glaube an die absolute Sicherheit der eigenen Kernkraftwerke sei ein grundlegendes Problem, erklärt James Acton, ebenfalls von der Carnegie-Stiftung. Deshalb seien auf unterschiedlichsten Ebenen Fehler gemacht worden. Acton:

"Hätten die Japaner die international geltenden Standards für die Sicherheit von Kernkraftwerken beachtet, hätte ihnen das Risiko auffallen müssen, dass ihre Anlage von einem schweren Tsunami getroffen werden könnte, und sie hätten sie entsprechend mit einem hohen Deich nachrüsten müssen. Selbst wenn Ihnen das nicht aufgefallen wäre, hätten schon einfache, weltweit durchgeführte Routineverbesserungen verhindern können, dass die Anlage von einem Tsunami zerstört wird."

Etwa indem Generatoren und Dieselvorräte tsunami-sicher auf erhöhtem Gelände installiert werden: Dann wäre der totale Stromausfall vermieden worden, die Notkühlung weiter gelaufen. Der Glaube an die Unfehlbarkeit des eigenen Technik führte auch zu anderen bizarren Fehlentwicklungen. Mark Hibbs:

"In Japan sehen die Anforderungen für einen Black out im Kernkraftwerk vor, dass der Anlage nach kurzer Zeit eine Stromquelle zur Verfügung steht. Fragte man nach, was mit 'kurzer Zeit' gemeint sei, lautet die Antwort: eine halbe Stunde. Das heißt, die Japaner vertrauten fest darauf, dass nach einer halben Stunde der Reaktor wieder ans Stromnetz angeschlossen und vollkommen unter Kontrolle ist. Sie glaubten nicht, dass eine Krise länger als 30 Minuten dauert und sie mit einem ernsthaften Unfall fertig werden müssen."

Selbst Notfallausrüstung und Notfalltraining der Betriebsmannschaften seien vernachlässigt worden, erklärt James Acton:

"Wenn im Vorfeld des Unfalls eine bessere Notfallplanung ausgearbeitet und die Arbeiter besser geschult worden wären, hätte man vielleicht verhindern können, dass es gleich in drei Reaktoren zur Kernschmelze kommt."

Und damit widerspricht James Acton einer japanischen Studie, die der Betriebsmannschaft eine Mit-Verantwortung an der Havarie-Serie zuschreibt. Die Arbeiter hätten so gut es geht reagiert, wenn nicht sogar besser. Ein Notfallplan, der vorsehe, dass alles perfekt laufe, sei einfach kein Notfallplan, sagt Acton und sieht die Verantwortung auf höheren Ebenen:

"Nach dem Unfall gab es viele verschiedene Akteure. Da waren die Arbeiter vor Ort. Da war der Tepco-Führungsstab in Tokio, da war die Aufsichtsbehörde Nisa, innerhalb der Regierung gab es die unterschiedlichsten Ansichten, da war der Premierminister, der seinen technischen Beratern nicht traute und selbst eingriff. Bei der Reaktion der Regierung auf den Unfall gab es schwerwiegende Organisationsprobleme."

Fukushima habe vor allem eines klar gemacht, schließt James Acton: Bei der Auslegung von Atomanlagen und der Notfallplanung dürften selbst extreme Szenarien nicht ausgeschlossen werden. Denn wenn die Katastrophe erst einmal ihren Lauf nimmt, lassen sich Fehler und Versäumnisse im Vorfeld nicht mehr geradebiegen.

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