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StartseiteUmwelt und VerbraucherSelbstfahrend in den Gerichtssaal17.09.2015

Vernetzte FahrzeugeSelbstfahrend in den Gerichtssaal

In spätestens zehn Jahren sollen Autos wie selbstverständlich selbst lenken, blinken, bremsen. Doch nach derzeitiger Rechtslage ist der Autofahrer - also der Mensch, der dann am Steuer sitzt - mit einem Bein schon im Gerichtssaal. Das will der Bundesverkehrsminister jetzt ändern.

Von Thomas Wagner

Besuch bei der Fahrzeugforschung von VW zum Thema "autonomes Fahren". Hier ein Forschungsfahrzeug, das auf bestimmten Autobahnabschnitten autonom fährt. Bernd Rössler gehört zum Entwicklerteam. (dpa / picture alliance / Maximilian Schönherr)
Autos fahren von selbst - aber wer haftet im Schadensfall? (dpa / picture alliance / Maximilian Schönherr)
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Er hat eine Vision....

"Das ist definitiv unser Ziel: Wir möchten die Verkehrstoten auf Null bringen."

und er auch:

"Dann werden Sie erleben, dass Sie in dem einen oder anderen Parkhaus ihr Auto am Eingang per Smartphone abgeben und dann sucht das Auto seinen Weg selbst."

Elmar Degenhardt ist Vorsitzender des Autozulieferers Continental AG, Matthias Wissmann Präsident des Verbandes der Deutschen Automobilindustrie: Beide glauben, dass das so genannte automatisierte Fahren, bei dem ein Rechner ganz oder teilweise das Auto steuert, zu einem tiefgreifenden Wandel der Mobilität führen wird. Dabei ist vieles, was sich nach Utopie anhört, längst schon Wirklichkeit:

"Zu Demonstrationszwecken habe ich die Hände nicht am Lenkrad ..."

Unterwegs mit Testfahrer Sven Reiter vom Autozulieferer Bosch auf dem IAA-Testgelände: Eine auf die Fahrbahn ausgerichtete Stereo-Kamera im Inneren des Autos sagt dem Lenksystem, wo es langgeht - und nicht nur dem Lenksystem:

"Wie haben hier also einen Versuchsaufbau für das automatische Notbremssystem für Fußgänger."

Eine Kinderpuppe huscht hinter einem Hindernis auf die Fahrbahn. Ein Ruck:

"So, das System hat die Gefahr erkannt und sofort eine Vollbremsung eingeleitet."

Das System markiert, glaubt Bosch-Sprecher Holger Scharf, die Zukunft der Mobilität.

"Zukünftige Funktionen werden hingehen zur Vollautomatisierung, das heißt da ist der Fahrer, wenn er nicht mehr fahren möchte, ganz aus dem Loop, das Auto macht quasi alles alleine."

Nickerchen am Steuer

Bis in zehn Jahren, möglicherweise auch früher, sollen selbstfahrende Autos im Regelbetrieb auf Autobahnen und Straßen unterwegs sein. Und: Während der Rechner steuert, kann der Fahrer in Ruhe Mails checken, telefonieren oder ein Nickerchen machen. Soweit die Theorie. In der Praxis ist das alles aber doch nicht ganz so einfach.

"Es muss natürlich alles dafür getan werden, dass die eigenen Daten sicher sind, und dass die Fahrzeugsysteme nicht von außen angegriffen werden können.

so Jan Rosenow vom Fachmagazin "kfz-betrieb". Der Auto-Fachjournalist weist auf einen weiteren Punkt hin: Mag das Auto auch noch so automatisiert auf der Straße daherkommen - nach derzeitiger Rechtslage liegt die Verantwortung immer noch beim Fahrer.

"Heute ist es so: Laut der Wiener Konvention muss der Fahrer jederzeit Herr der Lage sein und jederzeit in der Lage sein, dass Auto zu steuern, ohne dass ihn ein System überstimmt oder er nicht mehr in der Lage ist einzugreifen. Diese Auffassung muss sich weiterentwickeln in den nächsten Jahren."

Haftung bei Unfällen noch ungeklärt

Dem stimmt auch Alexander Dobrindt zu. Der Bundesverkehrsminister präsentiert am Rande der IAA ein Fünf-Punkte-Strategiepapier der Bundesregierung zum vernetzten Fahren. Dobrindt will auf eine Änderung der Wiener Konvention von 1968 hinwirken - mit weitreichenden Folgen für alle Verkehrsteilnehmer, vor allem für die Fahrer:

"Der Fahrer ist von der Haftung freigestellt, wenn er ein automatisiertes System benutzt. Das heißt: Er hat keine Sorgfaltspflichtsverletzung begangen, nur weil er ein automatisiertes System benutzt hat. Dadurch wird im Haftungsfall der Halter derjenige, der haftet."

Und zwar selbst dann, wenn der Halter gar nicht selbst im Auto sitzt. Wie funktioniert das aber bei Leasingfahrzeugen oder Mietwagen? Diese Fragen sind noch völlig ungeklärt. Auch die Umsetzung der Datenschutzvorgaben wird laut Expertenmeinung nicht einfach. Hersteller und Zulieferer wollen Entertainment- und Kommunikationssysteme elektronisch strikt von den Fahrassistenzsystemen trennen, so dass keine Beeinflussung von außen stattfinden kann. Das ist aber insofern schwierig, weil manche dieser Assistenzsysteme auf Daten von außen angewiesen sind. Daneben bauen die Experten auf bessere Firewalls. Elmar Degenhart, Vorstandschef der Continental AG:

Frage der Akzeptanz

"Die Akzeptanz der Vernetzung hängt natürlich auch davon ab, wie wir mit den Daten umgehen. Auf der Seite der Datensicherheit arbeiten wir eng mit Spezialisten zusammen, zum Beispiel aus dem Kreditkartenwesen, die darauf spezialisiert sind, Systeme sicher zu machen."

Alles in allem glauben fast alle Experten auf der IAA, das langfristig die Vorteile des automatisierten, vernetzten Fahrens gegenüber den Nachteile bei weitem überwiegen. Verkehrsminister Dobrindt sieht darin sogar einen epochalen Einschnitt:

"Das ist die größte Mobilitätsrevolution seit der Erfindung des Autos. Die Dynamik, in der es  geschieht, wird schneller sein, als die meisten sich dies heute vorstellen."

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